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Der Privatier: Wilhelm mit seiner zweiten Frau Hermine und deren Töchtern aus erster Ehe, Hermine Karoline und Henriette, im Exil in Doorn, um 1925.

Abdankung des Kaisers

"Wilhelm hat den Staatsapparat von oben korrumpiert"

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Der Historiker John Röhl spricht im Interview mit der FR über das lange Scheitern des letzten deutschen Kaisers.

Herr Professor Röhl, 2018 jährt sich zum hundertsten Mal das Ende des Ersten Weltkriegs. Damit war auch das Ende des letzten deutschen Kaisers besiegelt. Wilhelm II. dankte ab. Freiwillig – oder musste nachgeholfen werden?
Nein, natürlich nicht freiwillig. Er wäre besser freiwillig gegangen. Das war die große Idee von Friedrich Ebert zum Beispiel und vom Reichskanzler Max von Baden: Wilhelm II. sollte freiwillig abdanken zugunsten eines Enkels, der acht oder zehn Jahre alt gewesen wäre und einen Regenten oder eine Regentin zur Seite gehabt hätte. Auf diese Weise hoffte Ebert, zumindest die Institution des Kaisertums über die Revolution hinüberzuretten. Aber Wilhelm II. wollte ja nicht gehen. Schließlich musste er wie ein Kind an der Hand geführt und zu seinem Sonderzug gebracht werden, um die Flucht nach Holland zu ergreifen.

Wie hat der Kaiser reagiert, als man ihn an der Hand nahm?
So hat General Groener diese Geschichte erzählt. Davor gab es bei Wilhelm wie üblich die große Aggression. Er hat geschimpft, dass er nicht wegen 100 Juden und 1000 Arbeitern seinen Thron aufgeben werde. Und er wollte unbedingt an der Spitze seiner Truppen nach Deutschland zurückkehren und für Ordnung sorgen, um sich wieder auf den Thron zu setzen. Es gab eine Umfrage unter den Generälen, ob ihre Truppen für die Monarchie kämpfen würden. Fast alle Generäle sagten nein, sie kämpften zwar für ihre Familien und für die Sicherheit daheim, aber nicht dafür, Wilhelm auf den Thron zu bringen. Das war entscheidend.

Wilhelm wurde zum Beispiel von Heinrich Mann in „Der Untertan“ als unerreichbarer Übermensch charakterisiert. Er sah sich selbst von Gottes Gnaden inauguriert. Wie erklärt es sich da, dass er wie ein Kind herausgeführt werden musste?
Das Bild von Heinrich Mann entsprach nicht ganz der Wahrheit. Wilhelm war immer jemand, der seine Macht groß an die Glocke hängte, sich aber gleichzeitig sehr unsicher fühlte. Dieses „wie ein Kind“ ist ständig da bei ihm, auch bei seinem Machtanspruch. Das hängt auch mit seiner schlimmen Kindheit zusammen, die wirklich traumatisch war. Er hat einen Anspruch der monarchischen Macht von Gottes Gnaden nach außen hinausposaunt und auch innerlich daran festgehalten. Gleichzeitig war ihm bewusst, wie zerbrechlich diese Macht eigentlich war. Der Widerspruch liegt in der Persönlichkeit Wilhelms.

Hatte Wilhelm denn noch einen Rückhalt bei den Deutschen?
Der Machtanspruch nach außen hin ist 1914 schon weg gewesen, weil die Generäle die Macht übernommen hatten. Zwar hatte Wilhelm II. kraft seiner Entscheidungsgewalt auch im Kriege eine wichtige Rolle zu spielen, aber nach außen hin trat er kaum noch in Erscheinung. Er hat zu seiner Umgebung gesagt: Wenn die Leute meinen, dass ich über die Dinge entscheide, ist das ein ganz falscher Eindruck. Ich trinke Tee und schaue zu. Er hat sich auch geweigert – was die britischen Könige in beiden Weltkriegen getan haben –, sich zu zeigen bei seinem Volk. Man hat ihm immer wieder geraten, er müsse sich zeigen, nach Berlin gehen und Reden halten. Zeigen, dass auch er leidet. Das aber hat er sehr ungern und selten getan. Daher war er schon lange vor 1918 nicht mehr im Vordergrund.

Das Verhältnis vom Volk zum Kaiser hatte sich verändert.
Ein ganz wichtiges Datum war 1908, die „Daily Telegraph“-Affäre, dazu die Prozesse gegen seinen Freund Eulenburg. Da kam es fast zu revolutionären Aufständen in Deutschland. Der ganze Reichstag stimmte einstimmig dafür, dass Wilhelm sich endlich zurückhalten und nicht mehr in die Politik einmischen sollte. Nach dieser Krise, als der Reichskanzler Bülow ihn im Reichstag entblößt hatte, indem er ihn nicht mehr unterstützte, ist Wilhelm regelrecht zusammengebrochen, hat sich wochenlang ins Bett gelegt und sogar seinen Sohn, den Kronprinzen, geholt und zu ihm gesagt: Ich danke jetzt ab, von nun an machst du die Sachen. Nur mit Mühe hat man ihn dazu gekriegt weiterzumachen. Das war schon ein Punkt, in dem man das Kindlein in ihm ausmachen konnte.

Was war in seiner Kindheit so traumatisch? Bekannt ist die schlechte Beziehung seiner Mutter zu ihm.
Das ging natürlich noch viel tiefer. Er wurde mit einem verkrüppelten Arm geboren. Der linke Arm hing und war praktisch nutzlos. Seine Mutter und die Ärzte haben alles daran gesetzt, diesen Arm funktionstüchtig zu machen, denn er sollte ja König und Kaiser werden – und zwar in einer Militärmonarchie. Was die Ärzte an ihm herumgemacht haben, lässt sich kaum schildern.

Versuchen Sie es dennoch.
Es gab Armstreckmaschinen, Kopfstreckmaschinen, die an ihn geschraubt wurden, damit der Arm länger und die Kopfhaltung gerade wurde. Schon nach sechs Monaten wurde zweimal die Woche ein Hase geschlachtet, dieses aufgeschlitzte Tier wurde noch warm an seinen Arm gebunden, in der Hoffnung, dass der Arm dadurch heilen würde. Jedes Kind, das so etwas durchmacht, muss ja einen emotionalen Schaden davontragen. Es war auch ein Zeichen, dass seine Mutter nicht mit ihm zufrieden war, so wie er war. Sie wollte ihn zurechtrücken. Und als sie bemerkte, dass es nicht klappen würde, sagte sie: Ich muss ihn trotzdem zu einem zweiten – allerdings liberalen – Friedrich den Großen machen und zwar nun durch Erziehung. Und so wurde eine Erziehung für ihn erfunden, die extrem spartanisch war. Man muss hier folgendes bedenken: Mit 18 Jahren war er plötzlich der große Held, der Prinz, der die ganze Zukunft auf seinen Schultern trug. Um ihn herum glorifizierte ihn seine Umgebung, die Corpsstudenten in Bonn, die Gardeoffiziere in Potsdam. Dieser Zwiespalt – Gottesgnadentum und dürftiges Kind – manifestierte sich hier bereits.

1888 kam er an die Macht. Er erlebte, wie sein Vater an den Qualen des Kehlkopfkrebses verstarb.
Ja, er hat zusehen müssen, wie sein Vater gestorben ist. Das aber gehört für mich zu den schlimmsten Kapiteln in seinem Leben. Er konnte es kaum mehr erwarten, dass sein Vater sterben oder wenigstens abdanken würde und er zum Kaiser ausgerufen wurde. Nach der Thronbesteigung am 15. Juni 1888 kam es schnell zu einem Problem mit Bismarck. Wilhelm soll gesagt haben: Ein Jahr lass ich den Alten noch verschnaufen, dann regiere ich selbst. Das war von Anfang an sein Plan.

Er regierte mit einer persönlichen Monarchie.
Er regierte so, wie er sich vorstellte, dass ein militaristischer preußischer König regieren sollte. Friedrich der Große war sein Vorbild. Im anfangenden 20. Jahrhundert hat er seine Machtbefugnisse so verstanden wie ein absolutistischer König im 18. Jahrhundert. Das war fatal. Er hat mit seinen Hofleuten und Günstlingen regiert. In den 90er Jahren hat er sich vor allem von seinem Freund Philipp Graf zu Eulenburg beraten lassen. Zu der Gruppe von Freunden zählte auch Bernhard von Bülow, den Eulenburg erst zum Staatssekretär des Äußeren im Jahr 1897 gemacht hat. Und später dann zum Reichskanzler. Das war die glücklichste Zeit für Wilhelm, die Jahre 1897 bis 1908, wo Bülow Staatssekretär und dann Reichskanzler war. In dieser Zeit hat das Regieren aus der Innensicht des Kaisers am besten geklappt. Aber es war ein faules System, weil auch Bülow ihm nicht eigentlich widersprechen konnte. In dieser Zeit wurden die größten Fehler gemacht, die rasch zur „Einkreisung“ Deutschlands führten.

Wilhelm liebte es, Sprüche zu klopfen und hatte eine sehr kleine Gruppe um sich. Ähnelt er da nicht etwas Donald Trump? Zeigt das nicht auch, wie gefährlich es sein kann, wenn so eine Person in Krisenzeiten auftritt?
Es ist in der Tat frappierend, wie viele Historiker ihn mit Trump verglichen haben. Die Situation damals war natürlich eine ganz andere als heute. Aber ja, auch die Regierung Wilhelms II. hing im gefährlichen Maße von der persönlichen Willkür eines einzelnen ab. Wilhelm hat den Staatsapparat von oben korrumpiert durch seinen Anspruch, alles selber zu entscheiden.

Es sollte im Fiasko enden, wie wir wissen. Wie aber war das Leben des abgedankten Monarchen im Exil?
Zunächst kam er bei dem Grafen von Bentinck in Amerongen unter, in einem Wasserschloss in der Provinz Utrecht. Er sollte eigentlich nur drei Tage dort bleiben, aber es wurden eineinhalb Jahre daraus. Die Revolutionsregierung in Weimar und Berlin hatte ihm aber sehr viel Geld zugestanden, damit konnte er das Haus Doorn mit seinem Park kaufen. Dort lebte er von 1920 bis zu seinem Tod am 4. Juni 1941.

Und sein Gemütszustand?
Er war wütend auf die Republik, auf die Juden, die Freimaurer, die Jesuiten, die Alliierten, natürlich immer mit dem Wunsch, auf den Thron zurückzukehren. Es drohte ihm aber ein Prozess als Kriegsverbrecher in London. Es kam nur nicht dazu, weil die holländische Regierung sich weigerte, ihn auszuliefern.

Er erlebte, dass die Debatten um die Kriegsschuldfrage entbrannten. Natürlich durch den Versailler Vertrag, aber auch später in den 20er Jahren kochte das Thema hoch. Der britische Premier Lloyd George sprach davon, man sei in den Krieg „hineingeschlittert“. Sie aber sehen vor allem Wilhelm II. als Schuldigen an. Warum? Denn er zuckte doch ordentlich zurück, als es ernst wurde.
Die deutsche Politik in der Julikrise 1914 wurde von der gesamten Berliner Führung getragen, und doch lag die eigentliche Entscheidung wie immer letztlich bei ihm. Egal, welcher Druck auf ihn von seinen Generälen oder sonstigen Beratern ausgeübt wurde, solange er nicht „ja“ gesagt hat, gab es auch keinen Krieg. Ende 1912 war es beinahe schon so weit: Die Armeeführung sagte, man müsse nun den Krieg erklären, die Marineführung sagte, man sei aber noch nicht fertig und benötige noch etwa anderthalb Jahre Zeit. Da hat Wilhelm entschieden, hauptsächlich weil er hoffte, England doch noch zur Neutralität zu bewegen: Nein, wir machen jetzt keinen Krieg. Anfang 1914 hat er zunächst noch gezögert. Im März sagte er: So günstig die militärische Lage für uns auch sein mag, ich mache keinen Präventivkrieg. Aber nach dem Attentat auf seinen Freund Franz Ferdinand in Sarajevo am 28. Juni hat er seine Einwilligung zum Krieg gegeben. Er ist unter Druck des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg auf seine übliche Nordlandreise gegangen, um Normalität vorzutäuschen. Dabei wusste er genau, dass eine große internationale Krise und eventuell der Weltkrieg kommen würde. Meines Erachtens haben die Leitenden in Berlin alle mit dem Krieg gegen Russland und Frankreich gerechnet und ihn sogar gewollt. Aber bis zuletzt haben alle gehofft, Wilhelm eingeschlossen, dass England draußenbleiben würde. Das war das große Risiko, das Berlin eingegangen ist. Es war die größte Katastrophe für Deutschland, als England Anfang August 1914 wieder einmal – wie im Dezember 1912 – klarmachte, dass es Frankreich und Russland nicht im Regen stehen lassen würde.

Inwiefern war Wilhelm verantwortlich?
Die Hauptschuld Wilhelms II. sehe ich nicht in der Auslösung des Krieges, bei der er – nach der anfänglichen Entscheidung, den österreichischen Angriff auf Serbien in jedem Fall zu unterstützen – eine eher passive Rolle gespielt hat beziehungsweise von den Staatsmännern und Militärs hintergangen wurde. Vielmehr liegt seine historische Verantwortung ganz grundsätzlich in seinem Beharren auf seine persönliche Entscheidungsgewalt über 25 Jahre vor allem in der Personalpolitik, in der Außenpolitik und im militärischem Bereich. Dabei überschätzte er nicht nur seine eigenen Fähigkeiten, sondern auch den Bewegungsspielraum, der dem Preußisch-Deutschen Kaiserreich im Herzen Europas zur Verfügung stand. In seinem langfristigen Versuch, Deutschland zur Weltmacht zu erheben, sehe ich die grundsätzliche Ursache des Konflikts, der im Sommer 1914 zum Weltkrieg führte, egal wie der Krieg nun tatsächlich ausgelöst wurde. Die Grundursache der Urkatastrophe war das Streben des wilhelminischen Kaiserreiches, das von Anfang an (wie der Kölner Historiker Theodor Schieder festgestellt hat) eine latente Hegemonie in Europa innehatte, nach Weltrang. Und das bedeutete, Frankreich und Russland als Großmächte auszuschalten. Darin sehe ich die Hauptverantwortung Wilhelms II.

Wenn Wilhelm 1908 abgedankt hätte: Wäre es dann zu einem Weltkrieg gekommen?
Ich denke schon. Dann wäre der Kronprinz an die Macht gekommen. Und der war Feuer und Flamme für den Krieg. Er wollte ihn eher noch schneller, als er tatsächlich gekommen ist.

Interview: Michael Hesse

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