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Moderator Markus Lanz (r.) und Til Schweiger mit Samual Koch, der bei einer Wette für "Wetten, dass...?" schwer verunglückt ist.

"Wetten, dass...?" (ZDF)

Wildes Lecken zum Abschluss

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Aus, Ende, vorbei: Nach knapp 34 Jahren gehen bei „Wetten, dass...“ die Lichter aus. Neben Erinnerungen gibt es in gewohnter Manier absurde Wetten - und jede Menge Überlänge.

Gelungenes Ende beim Finale der letzten Sendung: Wettkönig bei „Wetten, dass...“ wurde ein junger Mann, der eine Parkhaus-Fassade  hoch- und runterkletterte und dabei schneller war als ein Rallyefahrer, der das Schneckengewinde hoch- und runterraste: Der Mensch gegen die Maschine, das bei der ZDF-Show wohl beliebteste Spiel, sah den Menschen als Sieger. Danach sang der Graf von Unheilig „Es wird Zeit zu gehen“, und auch er verabschiedete sich, so wie Moderator Markus Lanz, nach wie er sagte, „33 Jahren verrückter schöner Kindergeburtstagsfeier“.

Von Kindern war viel die Rede an diesem Abend, dessen roter Faden zahlreiche Blicke zurück auf die Geschichte von „Europas erfolgreichster Show“ (Lanz) waren. Denn der Südtiroler fragte seine Gäste oft danach, wann und wie sie die Sendung zuerst gesehen hätten, und erklärte sich mit ihnen gleich mal zur „Generation Wetten, dass...“, und Olli Dittrich, Michael Bully Herbig und später auch Wotan Wilke Möhring taten ihm den Gefallen und erzählten von Schlafanzug, Bademantel und  Salzstangen und bestätigten das so oft benutzte Bild vom Herdfeuer, um das sich die Familie versammelt habe. Das ist nun mit dem Ende von „Wetten, dass...“  wohl endgültig erloschen. Die jungen Zuschauer daddeln heute mit ihrem Nintendo oder gucken You Tube. Und die Sender selber werden zumindest national zur Spinne im Netz mit ihren Produktionen, wie dem zum Internet-Angebot umfunktionierten Jugendkanal. Damit nehmen sie aber ihren TV-Programmen Zuschauer weg: Die Quoten sinken.

Tatsächlich stand die Samstagabendshow ja für ein Fernseh-Erlebnis, das Generationen vereinte – die Alten, weil sie ihr Bedürfnis nach Abschalten und nach Bestätigung ihrer Weltsicht erfüllt sahen, die Jüngsten, weil ihnen die Teilnahme am Leben der Großen zu einer Tageszeit erlaubt wurde, die sie sonst im Bett verbringen mussten, und so in den Genuss der Darbietung von „Menschen, Tieren, Sensationen“ kamen. Schließlich definieren sich diese Shows zuallererst auch als Spiel, und ein Grund für den Zuspruch des Publikums ist eben der einst von Schiller formulierte Satz: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ 

Auch deshalb ist die Teilnehme von Kindern Pflicht bei solchen Veranstaltungen; das  zynische Gebot der Entertainer: „Kinder und Tiere gehen immer“ meint ja nicht nur die Spekulation auf die Emotionen, sondern verweist auch auf das Element des Spiels als Basis von Unterhaltung als Kontrapunkt zum „Ernst des Lebens“.

In diesem Sinne war die letzte Sendung ebenfalls typisch für die Gattung; hier kamen Kind und Tier gleich in einer Wette zusammen, die in ihrer Absurdität genuine „Wetten, dass...“-Qualität hatte. Der siebenjährige Paul erkannte mit verbundenen Augen einige Hunde daran, auf welche Art sie Leberwurst von seinem Handrücken leckten: „Leckt zart“ oder „Leckt wild“ kommentierte er die Berührungen mit der Hundeschnauze, und der Zuschauer wusste nicht recht, ob er das schüchterne Kind bedauern oder wegen seines Mutes aufzutreten bewundern sollte.

Mut brauchte sicherlich auch ein Gast, dessen Auftritt für kurze Zeit einen anderen Tonfall in die Show brachte: Samuel Koch, der 2010 bei einer Wette gestürzt war und seither im Rollstuhl sitzt. Sein Unfall war wohl der Knick in der Erfolgskurve der Show, denn bald darauf hörte Thomas Gottschalk als Moderator auf, und die Quoten sanken ständig. Sonst hätte das ZDF „die größte Show, die es jemals im deutschen Fernsehen gegeben hat“ (wieder Markus Lanz) wohl kaum beendet.

Ein anderer Grund dafür war sicherlich dieser Moderator, der sich ein ums andere Mal überfordert zeigte. So misslang seine fürsorgliche Belagerung Samuel Kochs, weil er seine Fragen an ihn wiederholte und sich das von Koch prompt vorhalten lassen musste – und das Minuten später auch noch zu rechtfertigen suchte. So blitzte sein Mangel an Gefühl für seine Gäste auf, als Koch berichtete, er habe beim Filmdreh mit Til Schweiger andere Ideen als der Regisseur gehabt und Lanz doch tatsächlich Schweiger fragte, was der denn gewollte habe. Hollywoodstar Ben Stiller nannte er „ein Riesentalent“, den blinden Dave Janischek fuhr er vor dessen Wette an: „Du sollst dich hier nicht verquatschen, ja?“ Und sein mühsam kaschierter Mangel an Geduld ließ ihm mitunter unangemessene Reaktionen wie „scheißegal“ durchrutschen. Wer Lanz bei seiner täglichen Talkshow zusieht, wie er da auf seinem Stuhl nicht sitzt, sondern gleichsam sprungbereit hockt, ahnt, unter welchem Druck dieser Mann stehen muss.

Eine echte Männerdomäne

Den hatten seine Vorgänger vielleicht auch, aber Frank Elstner und Thomas Gottschalk besaßen eine erfahrungsgesättigte Souveränität im Umgang mit Prominenten und Publikum, und die fehlt Lanz offensichtlich. Zudem wurde er vom Sender zum PR-Fuzzi degradiert, denn er bekam zusehends nur noch Gäste, die Reklame machen wollten für ihre Projekte, auch in dieser Hinsicht war das Finale typisch. Ben Stiller, Til Schweiger, Möhring und Jan Josef Liefers warben für ihre neuen Filme, und Helene Fischer, die Ursula von der Leyen des deutschen Schlagers, durfte auch noch erzählen, welche Stars bei ihrer ZDF-Show an Weihnachten mittun.  

Lanz’ und Gottschalks  Sidewomen Michelle Hunziker und Cindy aus Marzahn wurden dafür nicht einmal erwähnt, wie diese Veranstaltung ohnehin eine Männerdomäne ist, sowohl bei den Wetten als auch bei den Gästen. Der Showmaster heißt Showmaster, weil er ein Mann ist. Nie wurde eine Frau für den Job  in Erwägung gezogen, außer jüngst Barbara Schöneberger.

Taktvoll verschwiegen wurde natürlich bei der Nennung all der Stars, die auf der Couch von „Wetten, dass...“ saßen, welche Summen geflossen waren, um die Herren Jagger oder Jackson, die Damen Cher oder JLo zu locken. Sei’s drum, das ZDF hat die Sendung sogar nach China verkauft (und die Brüder Gottschalk noch etwas reicher gemacht damit) und laut Lanz sahen insgesamt rund drei Milliarden Zuschauer das Unterhaltungsflaggschiff der Mainzer. Da von Bord zu gehen, ist schon ein Tränchen wert, wie es Markus Lanz am Ende offenbar verdrückte. Aber spätestens in zehn Jahren wird die Show eine Neuauflage erleben, wetten, dass...?

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