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Der Journalist Martin Meyer hat am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche den Börne-Preis erhalten.

Börne-Preis für Martin Meyer

Das wilde Land der Weltgedanken

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Der Schweizer Journalist Martin Meyer hat in der Paulskirche in Frankfurt den Börne-Preis 2016 überreicht bekommen. Dem Namensgeber erwies er in seiner Rede alle Ehre. András Schiff spielte Beethoven.

Man darf den Gedanken nachsagen, dass sie Unruhe verbreiten. Auch haben sie, wie es gestern Martin Meyer um die Mittagszeit in Frankfurts Paulskirche ausführte, „die Angewohnheit wiederzukehren, weil sie nicht stillhalten“, zumal die lebhaften eines Ludwig Börne nicht. Denn dass sie lebendig sind, daran ließ Meyer, dem soeben der Ludwig-Börne-Preis verliehen worden war, wahrhaftig keinen Zweifel: Börne verkörperte die Leidenschaft, die Passion, angefangen mit seiner Emphase für die Freiheit. Einer Emphase, die noch ein Wagnis war zu Börnes Zeiten, da sie im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, „gegen ein stählernes Gehäuse der Unfreiheit“ behauptet, „militant durchgesetzt“ werden musste, wie der Geehrte erinnerte, und sich damit Börne nicht nur näherte. Meyer, wie kaum ein Börne-Preisträger der letzten Jahre vor ihm, verharrte bei seinem Vorgänger, ihn rezensierend.

Börne habe bewiesen, ja gelebt, wie wichtig es ist, eine Heimat zu haben. Zum Ausdruck sei das gekommen in der Metapher: „Das wilde Land der Weltgedanken“, so der Feuilletonchef der „Neuen Zürcher Zeitung“ von 1992 bis 2015. Für seine Leser ist Meyer, auch Generalist, auf vielen Feldern enorm beschlagen, ungemein bewandert auf manch weitem Feld, als Biograph von Albert Camus, Ernst Jünger, Thomas Mann. Ebenfalls bekannt wurden seine Pianistengespräche, etwa mit Alfred Brendel oder mit András Schiff, womit sich der Kreis schließt.

Hat doch Schiff in diesem Jahr Meyer zum Börne-Preisträger ernannt. Denn es ist Brauch, dass, in Erinnerung an den Eigenwilligen und radikalen Zeitdiagnostiker, den Literatur-, und Theaterrezensenten, den Goethe-Gegner und Schiller-Bezweifler, geboren 1786 als Juda Löb Baruch in der Frankfurter Judengasse, gestorben 1837 in Paris, der Börne-Preis ein Votum nach Börne-Art ist, die Entscheidung einer einzelnen Stimme, radikal subjektiv.

In diesem Jahr also Meyer, und dass mit András Schiff ein begnadeter Pianist begründete Maßstäbe hat, wurde deutlich, als er Meyers intellektuelle Biografie Revue passieren ließ, den „skeptischen Optimisten“ ebenso wie den „Schalk-Meyer“, den Zeitdiagnostiker, der zugleich den „schmerzgesättigten Blick für das Überzeitliche“ habe.

Der Mensch als „Zukunftswesen“

Schiff skizzierte den „waschechten Zürcher“, der, anders als Börne „niemals ruinös verschuldet, nie auf dem Index“ war. Meyer, der sich immer in der Mitte verortet habe, habe mit seiner Camus-Biografie die „Kernbotschaft“ hinterlassen, dass sich der Mensch die Freiheit zu nehmen habe, einen „Einsatz gegen das Absurde zu leisten“. Handele es sich beim Menschen doch um ein „Zukunftswesen, dazu verurteilt, sich Hoffnungen und Illusionen zu machen“.

Der Mensch tritt nicht so gerne nur auf der Stelle, weshalb er ausgreift. Vor allem eine Börne-Natur nicht, die heute vielleicht nicht unbedingt ein Feuilletonist ist, womöglich bei Facebook unterwegs wäre, wie Meyer das Publikum auf eine Fährte lockte, das Gängige ansprechend, um das Erwartbare zu düpieren. Stand doch sein Blick zurück unter dem Eindruck der Dialektik.

An die Adresse von Facebook, dorthin, wo so vieles „verdampft“, richtete er die Tugenden eines Börne: „Konzentration, Ausdauer“, vor allem, Meyer ließ den Musiker anklingen, die Beschäftigung mit dem Wort. Denn das Wort war „das Instrument, an dem er übte und modulierte“.

Börne und Facebook – war nur so ein Schlenker. Wie auch der Satz, Börne sei einem Jérôme Boateng gewiss ein guter Nachbar, als überzeugter Europäer, als Vordenker der Freiheit, erst recht in äußert unübersichtlichen Zeiten. Was für eine „explosive Wunderkammer“, dieses 19. Jahrhundert, mit seinem chauvinistischen Nationalismus und kommunistischen Internationalismus, seinem Separatismus und Universalismus. Mit seiner Emphase für das Individuum und seinem Pathos für das Vernunftregime.

Welch eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen – und mittendrin ein Börne, der die wahre Bestimmung der Freiheit nur in Akten der Freiheit sah: „Freiheit geht nur aus der Anarchie hervor“, so zitierte Meyer, um rasch in das mäßig besuchte Rund der Paulskirche zu rufen: „Keine Sorge!“ Denn keinen Zweifel ließ er aufkommen am in die Bedrouille geratenen Rechtsstaat, dessen allgemeine Werte und Prinzipien, trotz aller Verkrustungen, die individuellen Freiheiten erst garantieren.

Die Ideen des 19. Jahrhunderts halten nicht still, und wie viel nachklingt, darauf kam Schiff dann auch am Flügel zu sprechen, erinnernd auch an Börnes Beethovenpassion. Es geschah am Bösendörfer.

Ein „Novum“ nannte Michael A. Gotthelf, Vorsitzender der Börne-Stiftung, das Konzert anstelle einer Lesung. Und das Novum, hier, mit Beethovens später Klaviersonate As-Dur, op.110, war tief bewegend. Wie Schiff die „Dialektik“ anklingen ließ, war es die Essenz dessen, dass sich die Seele nur zweihändig anfassen lässt, durch hellwache Wehmut und betrübte Heiterkeit, nicht allein durch Emotion und Passion, sondern durch Einsicht und Erkenntnis.

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