Auch ohne Schultern neugierig.
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Auch ohne Schultern neugierig.

Times Mager

Wespenhirn - Die Feuilleton-Kolumne

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Ein künstliches oder ein kleines Gehirn müssen noch nicht bedeuten, dass man nicht neugierig ist. Im Gegenteil.

Angeblich muss man Sprachassistenten wie Alexa mit dem korrekten Aktivierungswort ansprechen, damit sie reagieren (Tipp: Es lautet eher nicht „Schätzchen“). Nun aber haben Wissenschaftler festgestellt, dass die KI öfter mithört, als man meinen könnte. Die Forscher behaupten, Alexa, Siri & Co. verhörten sich. Wir behaupten: Auch KI ist neugierig. Da steht man als Sprachassistent den ganzen Tag in einer Wohnung rum, in der Gelsenkirchener Barock auf Ikea trifft, an der Wand hängen Van Goghs Sonnenblumen als günstig erworbener Fehldruck, da steht man also, langweilt sich megabytisch, und die einzige Unterhaltung besteht im mitgehörten Ehezoff, Versöhnungssex, Arztgespräch, der ein oder anderen Straftat – wenn man Glück hat.

Alles schon vorgekommen, sogar das mit der aufgezeichneten Straftat. Aber wenn man Alexa, Siri & Co. fragt, zucken sie mit den Schultern, sagen, man hätte sie doch gerufen, sie hätten es klar und deutlich gehört, und werden noch nicht einmal rot. Wie, sie haben keine Schultern? Na, dann zucken sie eben mit ihrem Plastikgehäuse.

Auch Wespen haben unseres Wissens keine Schultern. Trotzdem sind sie neugierig und schauen laut eines Forschungsberichts im Magazin „Current Biology“ gerne zu, wenn Artgenossen sich streiten. Eigentlich hatten wir bisher von Wespen eine bessere Meinung (außer es ging um den rechtmäßigen Besitz von Erdbeerkuchen und Eiscreme), doch Biologen um Elizabeth Tibbetts von der University of Michigan stellten fest, dass Wespen a) nur zu gern gaffen, wenn zwei miteinander kickboxen (oder was auch immer so eine sich streitende Papierwespe macht), dass sie b) unterlegene Wespen viel aggressiver anpöbeln als Wespen, die ihnen fremd sind, die sie also nicht einschätzen können. Da haben die US-amerikanischen Wespen viel mit ihrem Präsidenten gemeinsam, aber das nur nebenbei.

Die Forscher bewunderten die Gedächtnisleistung der Tiere, denn sie müssten sich den jeweiligen Ausgang der beobachteten Zweikämpfe merken (und das Gesicht der Loser, d. Red.). Biologen nennen es „soziales Belauschen“, offenbar staunen sie, dass Tiere mit einem so kleinen Gehirn wie Wespen dazu in der Lage sind. Allerdings spricht das unter uns Menschen recht weit verbreitete soziale Belauschen dafür, dass Homo sapiens ebenfalls kein großes Gehirn braucht, dass im Gegenteil Exemplare mit einem eher kleinen Gehirn dies durch größere Skrupellosigkeit kompensieren. Wieder könnte man als Beispiel einen Präsidenten anführen.

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