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Lettre-Kopf und Motor: Chefredakteur Frank Berberich.

Lettre International

Werkstatt der Geistesgegenwart

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Die beste Kulturzeitschrift der Wel ist die deutsche Lettre International. Es gibt sie seit 25 Jahren.

Die deutsche Ausgabe der internationalen Kulturzeitschrift Lettre International erscheint alle drei Monate. Seit 25 Jahren. Vor mir liegt die Jubiläumsausgabe. Die, wie jeder weiß, der schnell nachgerechnet hat, 100. Ausgabe. Gestaltet hat den Umschlag diesmal der Schweizer Künstler Max Grüter.

Der Gründer und Herausgeber Frank Berberich schreibt in seinem Grußwort: „Nahezu dreitausend Texte wurden seither veröffentlicht. 80 Prozent davon als Übersetzungen. Dass Lettre sich mit einem solchen kosmopolitischen Konzept ohne finanzielle Förderung so lange halten konnte, ist ungewöhnlich, ja ein kleines Wunder. Die Gemeinschaft der Autoren, Künstler, Leser, Inserenten und Freunde war es, die dieses Überleben ermöglicht hat. Sie alle haben sich dafür engagiert, dass diese Werkstatt der Geistesgegenwart sich erhalten konnte. Die Lippenbekenntnisse der Politiker zur Notwendigkeit einer europäischen Öffentlichkeit haben nichts dazu beigetragen.“

Ohne Frank Berberich gäbe es die von ihm beschworene Gemeinschaft nicht. Lettre ist eine Erfindung des Prager und Pariser Intellektuellen Antonin J. Liehm. Frank Berberich aber ist es gelungen, aus der deutschen Lettre International wahrscheinlich die beste Kulturzeitschrift der Welt zu machen. Das klingt einfach zu bombastisch, um wahr zu sein. Aber bisher hat mir – obwohl ich das seit Jahren sage und schreibe – noch niemand eine bessere Zeitschrift gezeigt. Lettre ist in Deutschland der einzig wirkliche Zugang zur globalisierten Welt. Die anderen – auch und gerade die von großen Verlagen oder Akademien – herausgegeben Zeitschriften mögen ihre Meriten haben, aber sie sind – verglichen mit Lettre – von einer geradezu weltflüchtigen Enge. Sei es inhaltlich, sei es geografisch.

Berberich hat Preise verdient

Dass Lettre anders ist, ist nicht – wie in den Konzernen gerne gedacht wird – eine Frage des Konzepts, sondern es hängt ganz und gar an der Person. An Frank Berberich. Es ist höchste Zeit, dass die Öffentlichkeit begreift, dass da einer in einem etwas abgelegenen Tal der Medienlandschaft seit Jahren mit das Schönste und Beste produziert, das es in Deutschland zu lesen, zu sehen und anzufassen gibt. Frank Berberich steht im Impressum der Zeitschrift als Redaktionsleitung und weiter unten noch einmal als Geschäftsführung. In Wahrheit ist er der Verleger. Er trägt das Risiko. Er ist der Motor des Erfolges. Er sollte endlich ein paar Preise bekommen. Wenn einer den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verdient hat, dann er. Wenn jemand ein Bundesverdienstkreuz bekommen soll, dann er.

Jetzt weg von dem Mann zu der Zeitschrift, hinter der und in der er sich so gerne versteckt. Die Nummer 100 hat 186 Seiten mit sehr grob geschätzt 990.000 Anschlägen Text. Florian Illies’ großartiges Buch „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ ginge fast zwei Mal in diese Lettre-Ausgabe. Das Buch kostet 19,99, Lettre 15 Euro. Zu Lettre gehören freilich auch noch viele Seiten mit Bildern und Fotos von 36 Künstlern. Ich erspare mir die Aufzählung der Namen. Es sind wie immer bei Lettre sehr prominente, sehr teure Künstler dabei und noch nahezu Unbekannte.

Viele der Texte beschäftigen sich mit den vergangenen 25 Jahren. Der dank Heinrich von Berenberg auch in Deutschland bekannt gewordene kolumbianische Autor Héctor Abad nutzt die Gelegenheit, um den Europäern ins Gewissen zu reden. Sie sollten festhalten an Europa: „Seid ihr verrückt? Bringt uns nicht um die einzige aktuelle Bezugsgröße der Weltgeschichte, die anscheinend funktioniert hat.“ Wer gerade Henning Ritters „Die Schreie der Verwundeten: Versuch über die Grausamkeit“ in Händen hat, der wird aufmerken, wenn er in einem der letzten Interviews, die Stéphane Hessel gab, liest, dass der, gerade erst aus dem KZ entlassen, sich auf Kierkegaard stürzte und eine Arbeit schrieb mit dem Titel „Der einzelne oder der gemeinsame Schmerz“.

Calasso über das Verlagswesen

Yan Lianke, ein in Peking lebender chinesischer Schriftsteller, dessen Bücher in China offiziell nicht veröffentlicht werden können, schreibt: „Es wird Zeit, dass wir auf dem riesigen und täglich von zahllosen Touristen bevölkerten Tiananmenplatz einen Gedenkstein errichten, auf dem wir all die traurigen Daten der Geschichte unseres Landes und unsere schmerzhaften Erinnerungen daran eingravieren.“

Hinten im Heft versteckt ist ein Beitrag von Roberto Calasso, der nicht nur den Verlag Adelphi, einen der besten der Welt – darunter machen wir es heute nicht –, führt, sondern auch einer der interessantesten lebenden Schriftsteller ist. Calasso schreibt über die Veränderungen im Verlagswesen. Er erinnert an Kurt Wolff und Gaston Gallimard zu Beginn des vergangenen zwanzigsten Jahrhunderts.

Calasso verdeutlicht, was ein Verleger tut: Er schafft einen Raum, eine Form für Autoren und er urteilt. Er führt nicht wie ein Agent eine Liste, sondern er hat eine Vorstellung von dem, das gesagt, geschrieben, veröffentlicht werden muss, und diese Vorstellung realisiert er. Nicht wie ein Kunstwerk – er ist nicht das Double der Autoren –, sondern als Unternehmer.

Genau das macht seit 25 Jahren Frank Berberich. Dafür meinen Dank.

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