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Wer soll Literatur übersetzen?

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Ihr seid das, was wir nicht sind.
Ihr seid das, was wir nicht sind. © Tim Robberts/panthermedia

Die Reihe „Der Utopische Raum“ geht diesmal der Frage nach, wer eigentlich welche Literatur übersetzen soll. Autorin Sandra Hetzl lädt Sie ein, sich mit ihr darüber Gedanken zu machen

Ihr seid das, was wir nicht sind. Die Trennlinien zwischen Ihr und Wir schlängeln sich quer durch eine Party, durch den Menschenpulk vor der Sicherheitskontrolle am Flughafen, und überrumpelt stellen wir zuweilen fest, dass wir uns auf der einen oder anderen Seite der Membran befinden. Manchmal stelle ich es mir so vor: Dass das „Wir“ etwas ist, das in den Raum hineinragt und dass das „Ihr“ nur die Einbuchtung ist, die dabei entsteht, per Ausschlussverfahren. Eine Art Negativ, eine Gussform.

Zwillingsgeschwister, die an den Köpfen miteinander verbunden sind, nennt man Kraniopagus-Zwillinge. Beispielsweise die berühmten Zwillinge K. und T., die sich einen Thalamus teilen. Das ist der Teil des Gehirns, mit dem Entscheidungen gefällt werden. Dadurch kann K. den Beinen von T. befehlen, sich zu bewegen. Aber auch das Erleben dringt von der einen Seite zur anderen. Wenn T. Garnelen isst, schmeckt auch K. Garnelen. Wenn T. die Augen schließt, während K.s Blick gedankenverloren zu einem Baum wandert, sieht T. diesen ebenfalls.

Was aber hat das mit dem Übersetzen zu tun? Das will ich Ihnen nun erzählen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten die Sonntagmittage Ihrer Kindheit in holzvertäfelten Wirtschaften verbracht, wo über Schweinsbraten mit Knödeln Fliegenbänder geschaukelt hätten. Die Printmedien in Ihrem Haushalt wären die „Bild“ und die „Hörzu“ gewesen, manchmal hätte vielleicht auch eine neue Ausgabe der „Sudetendeutschen Zeitung“ im Briefkasten gelegen.

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Einen bayerischen Akzent hätten Sie aus diesem ersten Habitat dennoch nicht davongetragen – aus einer Art kindlichem Aufstiegswillen heraus hätten Sie früh gewittert, dass die Kinder, deren Eltern Hochdeutsch sprachen, schöner wohnten, weiter reisten und gemeinhin weltläufiger wirkten, also hätten Sie es ihnen nachgetan. Aber Sie hätten auch Wörter wie Latschenkiefer und Dohle gelernt, und das Turnen am Reck. Sie hätten gelernt, dass einen laschen Händedruck nur die Arbeitslosen haben und dass Lügen das Schlimmste sei. Sie hätten auch gelernt, Spitzwegerich von Breitwegerich zu unterscheiden und welche „Ausländer“ „Ausländer“ waren.

Italiener waren meist Italiener, Griechen waren meist Griechen [beide erkennbar nur in entsprechenden Lokalitäten] und blonde Menschen mit Akzent waren auch eher keine. Ausländer waren vielmehr diejenigen, die auch optisch als solche identifizierbar waren, was sich damals in erster Linie auf „Türken“ belief, beziehungsweise alles, was an Roma, Kurd·innen, Bosnier·innen, Albaner·innen, Araber·innen et cetera unter dieser Bezeichnung verschwamm. Dann hätten Sie auch gelernt, dass jene „Ausländer“ a priori zu verdächtigen seien, dass sie, wenn nicht etwas viel Schlimmeres, dann doch zumindest, „Grattler“ seien, Asoziale.

Daran wäre übrigens, in dem Umfeld aus Heizungsinstallateuren, Elektrikern und Postbeamten, in dem Sie aufgewachsen wären, nichts Ungewöhnliches gewesen. Es wäre in etwa der Konsens gewesen. Ungewöhnlich wäre vielleicht nur gewesen, dass Sie gleichzeitig schon immer gewusst hätten, dass eine jener Anderen Sie waren.

Übersetzerin Sandra Hetzl.
Übersetzerin Sandra Hetzl. © Privat

Was die Zwillinge K. und T. wohl machen, wenn die Eine etwas sagen möchte, die Andere aber verhindern will, dass sie es sagt? Sind sie dann oft einfach sprachlos? Wie muss es sich anfühlen, einen Streit auszutragen mit jemandem, dessen Gehirn mit dem eigenen verwachsen ist? Ringen dann überhaupt zwei unterschiedliche Meinungen miteinander, oder werden sie im gemeinsamen Thalamus zu einer dritten eingeschmolzen?

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Denn nun lade ich Sie ein, sich vorzustellen, dass Sie, zusätzlich zu Ihren Eltern, also jenen deutschen, Republikaner wählenden Kleinbürger·innen, noch andere Eltern hätten. Eltern, von denen Sie nichts wüssten, außer, dass es sie gab und woher sie kamen. Eltern, über die Sie nie nachzudenken brauchten, denn: Sie hatten ja bereits Eltern. Alles darüber hinaus war Glatteis und unsicherstes Gelände.

Zur Person

Sandra Hetzl wurde 1980 in München geboren und lebt in Berlin. Sie übersetzt literarische Texte aus dem Arabischen, unter anderem von Rasha Abbas, Haytham El-Wardany, Mohammad Al Attar, Kadhem Khanjar, Bushra al-Maktari, Aref Hamza, Aboud Saeed, Assaf Alassaf und Raif Badawi.

Neben dem Übersetzen kuratiert sie Veranstaltungen und schreibt oder forscht manchmal auch. Sie hat einen Master in Visual Culture Studies von der Universität der Künste in Berlin, ist Gründerin des Kollektivs 10/11 für zeitgenössische arabische Literatur und des Literaturfestivals „Downtown Spandau Medina“. FR Bild: Privat

Eltern, die Ihnen nichts hinterlassen hätten als ihre Gesichtszüge und Farben und das Unbekannte ihrer Gene. Eltern, die in den Sechzigerjahren nach Deutschland gekommen wären, die eine aus Westasien, der andere aus Nordafrika. Eltern, die sich ab dem Zeitpunkt Ihrer Geburt hinter einer nagelneuen Geburtsurkunde, in der sie unerwähnt blieben, übergangslos in Luft aufgelöst hätten, nahtlos undokumentiert. Außer in einer Abstammungsurkunde. Schon mal von so was gehört?

Eltern, die mit ihren Reinigungs- und Küchenjobs den Prunk Münchener Edelhotels aufrecht und die Maschine am Laufen gehalten hätten. Eltern, deren Beziehung zum Scheitern verurteilt gewesen wäre, was Ihre Mutter, mit Ihnen im Bauch, auf all ihr Prekär-Sein zurückgeworfen hätte. Ihre Mutter, die Argonautin (mit Achtzehn alleine vom Schwarzmeer nach München). Ihre Mutter, verheiratet, geschieden, verliebt, schwanger, verraten, verstoßen, bis sie Sie in einer medeaartigen Verzweiflungsgeste einfach im Krankenhaus gelassen, „freigegeben“ hätte.

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Wie aber stellten sich das die Erwachsenen in Ihrem Umfeld vor? Wie sollte das funktionieren? Glaubten sie, ihre Missbilligung und Abwertung jener Anderen würde vor Ihrer Haut haltmachen? Die Regeln aussetzen, ein magischer Schalter umgelegt werden? In Wirklichkeit bewahrheitete sich Adornos Satz, dass es kein richtiges im falschen Leben geben kann, denn die diffuse Idee, dass ausgerechnet Sie keine von jenen „Grattlern“ sein sollten, sondern stattdessen ein Kind mit, „mei, schee, so a braune Haut“, funktionierte natürlich nicht.

Die Erklärung, Sie seien ja nun aber „Deutsche“, glich einem Glaubenssatz, der nicht aufging. Die Erwachsenen hielten sich ja nicht für Rassisten. Ihrer Meinung nach waren es ja nur die Anderen, die eben asozial, kriminell et cetera waren. Und Sie waren ja eine von ihnen, also waren Sie nicht so.

An manchen Stellen aber brach die Matrix unvermittelt auf und Sie fanden sich flugs in der Realität all jener Anderen wieder. Verlor Ihre hellhäutige Mutter Sie im Supermarkt kurz aus den Augen, während Sie eine Rolle Geschenkpapier trugen, die Sie um Längen überragte, schrie die Kassiererin schon Zeter und Mordio, diese Türkenkinder wären wieder nur am Klauen. So eine Adoption ist schließlich keine Tarnkappe.

Zwischen dem Imperativ, das zu vergessen, was Sie verloren haben, und in den progressiven, durchaus auch „diversen“ Kreisen, in denen Sie später naturgemäß landen würden, dem anderen Imperativ des Ownens, des Betonens einer Sache, die Sie wahrscheinlich gar nicht sind, war Ihnen die Frage „Hast du schon mal darüber nachgedacht, deine Wurzeln zu erforschen?“ kaum weniger Bedrohung, als das ruckartige Zerren am Teppich unter Ihren Füßen: „Woher kommst du eigentlich wirklich?“ und die Feststellung, Ihr südländisches Aussehen sei doch eigentlich schön und exotisch, schien Ihnen nur eine abgewandelte Form der altbekannten Missbilligung zu sein.

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Aber man war ja doch, was die Anderen in einem sahen. Wie ein wandelndes Spiegelbild für all ihre hässlichen Gedanken lief man durch die Welt, ohne etwas Wahres entgegnen zu können. Da konnte man noch so oft sagen, was man gelernt hatte, nämlich, dass man eine Deutsche sei. Man bekam doch zugeteilt, was die Welt für Gesichter wie das eigene vorgesehen hatte: Raus hier, aber sofort. Wir kaufen nichts. Vor 70 Jahren habt ihr unseren Hunden noch das Fressen weggefressen. Ein Chor von 15 Kindern, die auf dem Schulhof einen Halbkreis um Sie bilden, skandiert das N-Wort.

Der Utopische Raum

Live zu erleben ist die Autorin unseres Textes am kommenden Donnerstag in der Reihe „Der utopische Raum“ in Frankfurt. Unter dem Titel „Die Welt lesbar machen – Wege zu einem literarischen Kosmopolitismus“ diskutiert sie mit der Publizistin und FR-Kolumnistin Hadija Haruna-Oelker sowie den Schriftstellern Haytham El-Wardany und Ilija Trojanow. Die Moderation übernimmt Katja Maurer von Medico international.

Es geht um literarische Stimmen , die bei uns oft ungehört bleiben: Autorinnen und Autoren vor allem aus dem Globalen Süden, die uns über Kolonialismus und Rassismus, über ökologische Krisen, Ausbeutung und Diskriminierung aufklären können – und nicht zuletzt über die Suche nach alternativen Gesellschafts- und Lebensentwürfen. „Damit an die Stelle von Klischees angemessenere Bilder der Welt treten können, bedarf es der Auseinandersetzung mit außereuropäischen Künsten“, heißt es in der Ankündigung.

Der Termin ist Donnerstag, 24. Februar, um 19 Uhr, Osthafen-Forum im Medico-Haus, Lindleystraße 15, Frankfurt. Informationen zu den Hygienemaßnahmen finden Sie auf der Webseite. Der Abend wird auf dem Youtube-Kanal von Medico international gestreamt.

Die Reihe „Der utopische Raum“ ist eine Kooperation der Stiftung Medico international mit dem Institut für Sozialforschung und der Frankfurter Rundschau. FR

Die Lösung, die Mantren wie „Alle Menschen sind gleich“ oder „Rassismus muss man die Stirn bieten“ Ihnen anzubieten scheinen, war eine oberflächliche Lösung. Sie half Ihnen genau genommen gar nicht. Denn wann immer die Matrix aufbrach und Sie sich nackt unter dem mörderisch hellen Licht der physischen Realität wiederfanden, waren Sie mit Ihrem Latein am Ende. Sie lernten über Privilegien und wussten, als Deutsche waren Sie privilegierter als die meisten Menschen, beispielsweise die im süditalienischen Neapel, wo Sie Kunst studierten. Doch wie hilflos waren Sie, als Ihre Nachbarin Ihnen dort, nachdem junge Männer Sie abends zusammengeschlagen hatten, erklärte: Das mit dem Schlagen sei wirklich nicht in Ordnung gewesen, aber man sehe Ihnen nun einmal nicht an, dass Sie Deutsche sind, und nicht, beispielsweise, Gott bewahre, Marokkanerin!

Viel später erst, so ungefähr mit 25 Jahren und zwei Monaten, kam Ihnen der rettende Gedanke: Was, wenn es wirklich, wirklich alles falsch sein sollte? Was, wenn jene Anderen, die Sie waren und die Sie nicht waren, die Sie auf keinen Fall sein wollten und die Sie doch immer sein sollten, von denen Sie kamen und von denen Sie nichts wussten, – was, wenn sie wirklich viele Dinge taten, sagten, schrieben, produzierten, derer Sie sich nicht im Geringsten zu schämen brauchten? Wäre das nicht die Rettung?

Also lernten Sie Türkisch und Arabisch. Unsinnigerweise erst beides gleichzeitig, dann doch nur Arabisch (weitere Reichweite, dachten Sie), autodidaktisch, ohne Ressourcen, eigentlich mitten im Kunststudium, mit manischem Ehrgeiz, schlafwandlerisch.

Übersetzung: „Die Verwaltung zwischen Ihr und Wir“

Und wurden Übersetzerin. Die Zwillingsschwester hatte das Steuer übernommen. Nun betraut aber, wer eine Literaturübersetzerin beauftragt, diese nicht nur mit der Übertragung eines Textes von der einen in die andere Sprache, sondern auch mit einer Aufgabe, die viel größer ist: Die Verwaltung von Ihr und Wir. Denn plötzlich spricht der Mann, bei dessen Anblick Sie in der U-Bahn Ihre Handtasche ein wenig fester umklammert halten, in der gemächlichen Stimme Ihres Großvaters zu Ihnen. Deswegen hat das Übersetzen oft etwas Subversives.

Bin ich nun besonders geeignet oder besonders ungeeignet, um die Frage zu bearbeiten, wer wen übersetzen darf? Ich denke, beim Erzählen und wahrscheinlich auch beim Übersetzen, macht es einen Unterschied, ob man sich selbst als Hausherrin fühlt und dann vielleicht mit einer Einfühlsamkeit der großen Gesten, beispielsweise, die „Fremden“ im eigenen Haus willkommen heißt, oder ob man das Gefühl, in jenem Haus nur ein Schatten zu sein, der die Wände entlang huscht, von Innen kennt. Nur lassen sich diese Perspektiven nicht unbedingt am Namen oder am Teint einer Übersetzerin ablesen.

Dieser Text ist eine gekürzte Version eines Essays, den der Deutschlandfunk unter dem Titel „Wie wird Welt zu Text?“ gesendet hat.

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