+
Auch eine Werbebotschaft: die Schrift an der Granitwand von Hauzenberg.

Wenn Zyklopen bauen

Der Stein als Denkmal und Wirtschaftsfaktor: Das Granitzentrum Hauzenberg von Brückner & Brückner im Bayerischen Wald

Von OLIVER HERWIG

Das Warnlicht springt an, die Plattform rattert, dann fällt der Fahrstuhl in die Tiefe. Fünf Besucher rasen in ein dunkles Loch. Ein Junge johlt und drückt sich an die Mutter. Vor uns zeigt der Bildschirm, wie tief wir sinken: bis in die Erdfrühgeschichte, als der Bayerische Wald noch mächtig war wie der Himalaja, als Granit glutheiß aufstieg und erstarrte.

Eine Illusion, natürlich, die einzige im Granitzentrum Hauzenberg. Alles andere ist real. Massiv. Undurchdringlich. Beinharte Architektur für die Schätze des Bayerischen Waldes, für den Granit, dem unweit von Passau ein Denkmal gesetzt wurde, mitten in einem ehemaligen Steinbruch. Halbdunkel umfängt die Besucher. Links tastet die Hand über grob behauene Steine, rechts spiegelt sich in der Wand das Licht der Kasse, kaum zehn Meter voraus. Dahinter taucht eine Plattform auf, mit Blick über den Steinbruch und seinen See, auf dem die Ausstellungsebene im Untergeschoss zu schwimmen scheint. Überall Fels, dazu einfachste Materialien, rostender Stahl und Eichenbohlen.

Wie ein brackiges Urmeer

Reines Material, sagt Peter Brückner, und streicht über polierten Granit, in dem sich die Landschaft spiegelt: Höfe und Häuser rund um die Hauzenberger Kirche. Darüber der Wald, wie er über Bergrücken springt und am Horizont verblaut. Das Museum ist mit dem Ort verwachsen, es hat sich in die Topographie hineingegraben wie ein Meißel in den Stein. Davon sprechen die achteckigen Bohrstangen, die nun als Streben des Geländers dienen. Auf dem Boden, kreisende Wirbel. Der Steinbruch musste abgeschliffen und begehbar gemacht werden. Gussasphalt kommt genau dort zum Stehen, wo Granit anfängt, wie ein brackiges Urmeer, das mit den nachtschwarzen Wänden korrespondiert.

Wenn es um Materialien geht, spielen die Architekten Brückner & Brückner ihre Virtuosität aus. Wände und Decken sind mit Graphitstaub überzogen, den sie aufwändig binden mussten. Tagelang verließen die Architekten wie Bergarbeiter ihren Museumsstollen und hinterließen dunkle Ränder auf den Kopfkissen. Steine haben es den Brüdern angetan. Schon bei ihrem "Ort der Begegnung" schichteten Christian und Peter Brückner Granit und Glas, später formten sie ein Wohnhaus aus Granitwänden und verlängerten den Würzburger Kulturspeicher mit halbtransparenten Steinfassaden. In Hauzenberg wollten sie ihr Meisterstück abliefern, und das, obwohl die Baukosten die Grenzen des Sozialen Wohnungsbaus unterschritten. Insgesamt hat es nicht mehr als 3,6 Millionen gekostet, einschließlich des Freigeländes im Schausteinbruch.

Auf diese Steine bauten Budapest und Wien, München und Passau. Gebrochen zu handlichen Brocken: Granitpflaster, der Exportschlager des Bayerischen Waldes im späten 19. Jahrhundert. Steine machten aus Tagelöhnern stolze Steinhauer. Der Bayerische Wald prosperierte. Allein 200 Brüche rund um Hauzenberg lieferten Stadtplanern und Ingenieuren, was sie dringend benötigten, den Untergrund der modernen Großstadt.

Ludwig I. hatte 1844 anderes im Sinn: monumentale Säulen zur höheren Ehre des Vaterlandes, Granitmonolithe für seine Kelheimer Befreiungshalle. Die Kolosse zu schlagen war eine Sache, sie zu bewegen, eine andere. Niemand hatte Brücken und Wege für solche Lasten ausgelegt, und bald blieben die Säulen liegen, wo sie gebrochen wurden. Erst zwei Generationen später, 1904, verband die Eisenbahnlinie das abgelegene Hauzenberg mit Passau und der Donau. Die neue Mobilität verwandelt das Granitgewerbe zur Industrie mit fast 1500 "Granitlern".

Am Ende wurde es knapp. Die Bayerische Landesstiftung stieg aus dem Projekt aus, und plötzlich klaffte ein Loch bei der Finanzierung. Ich springe ein, versprach der Kultusminister. Mit einem Handschlag hat Hans Zehetmair das Granitzentrum gerettet. Hauzenberg ist ein einmaliges Modell für die Zukunft des Museums: die Schau als Profit-Center. Der Landkreis zahlt einen Teil der Betriebskosten, für alles andere kommt die Granitzentrum Bayerischer Wald Betriebs-GmbH auf, sprich die beiden Geschäftsführer, Ludwig Bauer und Winfried Helm. Der Steinmetzmeister und der Kulturwissenschaftler bilden die Idealbesetzung, voller Idealismus. Der Landkreis bot ein Stufenmodell an. Je mehr Zuspruch das Museum erfährt, desto mehr Zuschüsse fließen. 3600 Besucher kamen in den ersten drei Wochen. Sogar eine Hochzeitsgesellschaft war da und hat sich vor dem Steinbruch fotografieren lassen, mit Blick auf das Museum.

Bitte berühren

Helm hat als Kulturwissenschaftler eine Ausstellung aufgebaut, die unprätentiös über die Geschichte der "Granitler" informiert. Werkzeuge zum Anfassen, Fotos auf Stahlplatten, die an die Wand gelehnt sind. Bitte berühren, könnte über der Schau stehen, die Technik- und Sozialgeschichte handgreiflich zusammenbringt. Hauzenberg breitet die Geschichte des Granits souverän aus. Stein auf Stein gefugt, dann wieder als Quader wie auf einer Abraumhalde, ein begehbar Musterkatalog für Naturstein. Bohrstangen haben ihren Abdruck auf der Außenhaut des Zentrums hinterlassen, als hätte sie Ulrich Rückriem persönlich aus der Wand gesprengt. Zwischen den Steinen Fugen aus Blei. Vieles ist eindrucksvoll an Hauzenberg: die dramatische Wegeführung in den Steinbruch, die Ausstellung und das Gefühl für das Material.

Das Granitzentrum sollte zur steinernen Werbebotschaft werden - das jedoch ist ihm nicht bekommen. Die spiegelblanken Flächen wirken billig, die übermannshohe Negativschrift "Granit" in der Wand marktschreierisch. So viel Werbung tut dem Haus nicht gut, die erhoffte Marketingoffensive für Granit hingegen hat schon eingeschlagen. Gegenüber ließ sich ein Händler nieder. Der Stein lohnt das Kommen, auch wenn er längst kein Wirtschaftsfaktor mehr ist im Bayerischen Wald.

Informationen über das Granitzentrum in Hauzenberg unter www.granitzentrum.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion