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Ein klassischer Sehnsuchtsort, aber nicht immer leicht zu erreichen, zu verlassen und zu bewohnen.

Trafo-Kongress

Wenn man über das Land spricht, spricht man über die Gesellschaft

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Ein Kongress in Halle sucht nach Ideen zu Kultur und Alltag im ländlichen Raum.

In den Wäldern röhren zur Zeit nachts die Hirsche. Und wenn das Herbstwetter einsetzt, wird es vielleicht endlich Pilze geben. Man kann am Feuer sitzen und Stockbrot rösten und in den Seen noch eine ganze Weile schwimmen. Wer wäre jetzt nicht gerne dort, auf dem Land, und hätte einen eigenen Garten...

Ein saniertes Haus mit großem Grundstück bekommt man in Mecklenburg für den Preis, den man für eine Einzimmerwohnung in Berlin-Mitte bezahlt. Und dann ist da noch der Berliner Künstler, der für einen Euro ein Rittergut in diesem thüringischen Dorf gekauft hat, und es seither verrotten lässt, während die Bewohner des Dorfes keinen Raum haben, in dem sie sich treffen können. Spricht man vom Land, spricht man von der Sehnsucht. Von all dem, was nicht ist: nicht in der Stadt, nicht mehr auf dem Dorf.

Mein persönliches Sehnsuchtsziel ist Wooster Teerofen in der Schwinzer Heide. Die Waldsiedlung gehört mit fünf weiteren Ortsteilen zur Gemeinde Neu Poserin, deren gut 500 Einwohner vom Amt Goldberg-Mildenitz verwaltet werden, Teil des Landkreises Ludwigslust-Parchim. Einkaufsmöglichkeiten, Schule, Ärzte gibt es im zehn Kilometer entfernten Goldberg, Busse fahren zweimal am Tag. Einziger Aktivposten in Neu Poserin ist eine Western-Ranch. Einige versuchen mit dem Vermieten von Ferienwohnungen ihr wechselndes Glück.

Mitte Juli wurde vom Bundeskabinett die Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ ins Leben gerufen, die sich darum kümmern soll, „faire Chancen auf echte Teilhabe“ jener Hälfte der Bevölkerung zu verschaffen, die außerhalb von Städten lebt. Das war Bestandteil des Koalitionsvertrags: „Innerhalb der Bundesregierung wird ein Schwerpunkt für ländliche Räume, Demografie und Daseinsvorsorge gebildet.“ Schon im Herbst 2020 sollen Ergebnisse vorliegen, hoffentlich wird auch an Neu Poserin gedacht.

„Gleichwertigkeit – was soll das sein!“ wies indessen Reiner Klingholz jetzt bei einem „Ideenkongress zu Kultur, Alltag und Politik auf dem Land“ in Halle die Bemühung der Regierung in die Schranken. Lebensqualität auf dem Land und in der Stadt, so die Diagnose des Direktors des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, seien nicht vergleichbar (Waldblick entspricht Jobticket?), sondern nur als Vielfalt zu würdigen und allein mit einer Vielfalt der Normen zu erhalten. Denn wenn eine Schule geschlossen werde, weil die Mindestzahl von Schülern nicht erreicht wird, ohne dass sich die Gemeinde Gedanken machen dürfe, wie der Unterricht vor Ort trotzdem aufrecht erhalten werden könne, habe man den Kampf um Kultur im ländlichen Raum schon verloren.

„Selbstwirksamkeit“ ist das Schlüsselwort, das auf diesem Kongress immer wieder fiel: die Erfahrung der Menschen, dass sie die Lösung für ihre Probleme selbst finden und umsetzen dürfen sollten. Massiver Bürokratieabbau ist dafür notwendig. Und die Auseinandersetzung mit den mentalen Folgen von Gebietsreformen und verwalterischer Zentralisierung, wie die Ethnologin Juliane Stückrad an Beispielen aus dem Osten Deutschlands belegte. Mit dem Verlust von dörflicher Identität.

Der „Ideenkongress zu Kultur, Alltag und Politik auf dem Land“ fand in den schick teilsanierten Jugendstilräumen des Volksparks Halle statt, und wurde von der in Halle ansässigen Kulturstiftung des Bundes (KSB) ausgerichtet. Das dreitägige Programm war dicht gepackt: Zunächst durchfurchte ein „Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen“ das Themenfeld. Dann gab es Vorträge und „Themenräume“: „Perspektive Land“, „Neue Aufgaben“, „Kulturförderung“, „Kleine Städte“. Die Teilnehmer kamen aus bundes- und landespolitischen Referaten, aus dem Unternehmertum, der Wissenschaft und der Kultur.

Fahrradwege im Mecklenburger Sand

Schnell zeigte sich, dass jedes Sprechen über das Land ein Sprechen über verlorene Räume ist – ausgerechnet da, wo es so viel Platz gibt. Kulturräume, Spielräume, Handlungsräume. Und ein Sprechen über fehlende Infrastruktur. Ist das wirklich Aufgabe einer Kulturstiftung des Bundes?, fragt man sich. Was tut derweil die zuständige Kommunalpolitik? Erschöpft sich im Versuch, EU-Normen zu erfüllen, damit am Ende ein weiterer Kilometer vorschriftsmäßig ausgekofferter und asphaltierter Radweg für 900 000 Euro in den Mecklenburger Sand gesetzt werden kann, wie der Stiftungsexperte Wolf Schmidt aus der Gegend um Schwerin in der Mittagspause seufzte. Aber das nur nebenbei. Statt dessen nochmal: Ist all dies Sache der Kultur? Ja. Womöglich kann nur eine unverdächtige, mit Finanzmitteln ausgestattete und mehrwertbeglaubigte Institution wie die Kulturstiftung des Bundes die disparaten und oft verstrickten Akteure mit dem Weckruf in Stellung bringen, dass es so, wie es vielerorts ist, nicht bleiben kann.

Faktisch hat die Kulturstiftung auch schon vorgelegt, worauf ihre künstlerische Leiterin Hortensia Völckers bereits in ihrer Begrüßungsrede mit wohltemperierter Beiläufigkeit hinwies: „Wir haben es mit diesem Thema ja glücklicherweise in den Koalitionsvertrag geschafft... .“

Bereits 2016 startete das KSB-Projekt „Trafo – Modelle für Kultur im Wandel“ mit Aktivitäten in den Regionen Oderbruch, Schwäbische Alb, Saarpfalz und Südniedersachsen für vier Jahre, und 2018 sind 18 weitere Orte hinzugekommen. Dabei geht es darum, lokale Institutionen finanziell und logistisch dazu zu befähigen, sich zu einem „dritten Ort“ weiterzuentwickeln, der die Menschen umfassender als bisher zur Teilhabe einlädt.

Der Trafo-Kongress in Halle war gewissermaßen Bergfest dieser Modellphase, diente aber auch einer Weichenstellung Richtung Gesellschaft. Denn es werden, wie die Ethnologin Stückrad anmerkte, in der Tat nicht die „zeitlich begrenzten und aufwendig zu beantragenden Projekte“ der Kulturstiftung sein, die die Dörfer in die Zukunft tragen, sondern die Aufmerksamkeit und Flexibilität der Politik – und der aufzufrischende Glaube von Dorfbewohnern daran, dass man das Rad ein Stück weit zurück und dann weiter vorwärtsdrehen kann. Das eigene, in der Scheune vielleicht tief verschüttete Rad, wie Stückrad betonte. Klar ist: ein Sprechen über das Land ist auch ein Sprechen über Deutungshoheit und Ost und West.

Kein Dorf gleicht dem anderen

Dass kein Dorf dem anderen gleicht und es den „ländlichen Raum“ also nur im Plural gibt, war ein weiterer Topos des Kongresses. Aber auch, dass es durchaus funktionierende ländliche Regionen gibt – allerdings nur im Westen. Irgendjemand wies darauf hin, dass heute Ideen Arbeitsplätze schaffen und nicht mehr Bodenschätze, und definitiv war es der Raumforscher Rainer Danielzyk, der sagte, dass ohnehin nicht länger das Versprechen eines Arbeitsplatzes Grund für eine Ortsveränderung von Menschen sei, sondern das Versprechen von Vielfalt, Vitalität und kulturellem Leben – Zukunft ist in der postindustriellen Zeit ortsunabhängig machbar.

Demokratische Zukunft? Wenn es gelingt, Jugendlichen neben den häufig rechten Freizeitangeboten in vor allem ostdeutschen Dörfern auch nicht-rechte Angebote zu machen, werde es wahrscheinlicher, meinte Timo Reinfrank von der Antonio-Amadeu-Stiftung. Er solle nicht so polarisierend denken, verlangte ein Mann aus dem Publikum. Es käme doch darauf an, mit jenen in der Grauzone im Gespräch zu bleiben. Es käme vor allem darauf an, die demokratischen Grenzen zu verteidigen, erwiderte Reinfrank. Sprechen über das Land ist Sprechen über Gesellschaft.

Und Sprechen über Ehrenamtlichkeit und Engagement, was einem als Städterin die Schamesröte ins Gesicht treibt. Wo sie sowieso richtig ist: In einem sehr scharfen Vortrag dekonstruierte der Kunsthistoriker Peter Krüger die Bilder des Ländlichen als städtische Zuschreibungen und industrielle Zurichtungen. Natur wohnt hier schon lange nicht mehr, sondern ist Spiegel oder Entsorgungsstation der Stadt, ist rationalisiert, zerschnitten und aufbereitet zu einer „Bühne für das Automobil“.

Zweifelhaften Trost gewährt allenfalls der Ausblick auf post-humane Zeiten, in denen Gras durch den Asphalt brechen und die echte, nicht-funktionalisierte Landschaft sich ihren Platz zurückerobern wird. Wenn nichts geschieht natürlich. Und getröstet wird auch das eventuelle Leiden an dem Umstand, es bisher selbst noch nicht in den Besitz einer Immobilie auf dem Land geschafft zu haben. Minderwertigkeitsgefühle zu Distinktionsgewinnen – auf allen Seiten bestenfalls. Hauptsache der Hirsch röhrt weiter und auch das Pilzesammeln bleibt Gemeinrecht. Dann darf die Zukunft kommen.

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