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Literatur

Wenn Ikea das Dasein verdunkelt

  • vonKatharina Granzin
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Frode Gryttens Roman „Ein ehrliches Angebot“

Fast nichts im Leben ist so traurig, als dass man nicht mit einem gewissermaßen melancholischen Humor davon erzählen könnte. Der norwegische Autor Frode Grytten ist ein Meister in dieser Disziplin. Er schreibt davon, wie Menschen sich vergeblich nach dem Glück sehnen. Oder es hatten, das große Glück, und es wieder verlieren.

„Ein ehrliches Angebot“ nennt Gryttens deutscher Verlag seinen neuen Roman, der nicht im herkömmlichen Sinne Roman ist, sondern ursprünglich eine Art Prosa-Triptychon war, das für die deutsche Ausgabe aus nur zwei Teilen besteht. Weggelassen wurde ein dritter Teil, der sich, wie den kleingedruckten bibliografischen Angaben zu entnehmen ist, vornehmlich mit norwegischer Politik beschäftigt. Ein editorischer Kompromiss, sicherlich, doch wahrscheinlich eine gute Entscheidung. Es wäre allzu schade gewesen, ganz auf dieses Buch und die schöne deutsche Übersetzung von Ina Kronenberger zu verzichten.

Held des ersten Romanteils „Morgen ist Montag“ ist ein alter Mann, ein Möbelhändler aus der Provinz, dessen Leben sich schon jenseits von Gut und Böse bewegt. Harold Lunde hat das Traditionsmöbelgeschäft, das er noch von seinem Vater übernommen hatte, aufgeben müssen.

Die Söhne wollten es nicht; und seit Ikea in der Gegend eine Filiale eröffnet hat, ist die ökonomische Situation unhaltbar geworden. Also nimmt Harold sein Jagdgewehr und fährt nach Schweden, um Ikea-Gründer Ingvar Kamprad zu entführen. Im småländischen Älmhult, Kamprads Heimatort, läuft ihm der unscheinbare Großunternehmer direkt in die Arme.

Nebenbei lernt Harold das Mädchen Ebba kennen, eine unendlich traurige Fünfzehnjährige, die dem seltsamen Norweger mit Freuden bei seiner Straftat assistiert. Das immer absurder werdende Entführungsszenario, und das ist das Ergreifende an dieser Geschichte, ist aber nur die Folie für eine andere Erzählung, die Harold mit seiner Tat zu überschreiben versucht: Er hat seine über alles geliebte Frau verloren. Gestorben ist sie nicht, aber so schwer an Demenz erkrankt, dass er sie in ein Pflegeheim hat geben müssen. Immerhin weiß sie noch manchmal seinen Namen.

Das große Unglück, das diesen Mann befallen hat, ist also gar nicht der Verlust des Möbelgeschäfts. Er ist das Opfer einer viel größeren Tragödie, für die Ikea rein gar nichts kann.

Kamprads Entführung ist eine irrationale Ausweichhandlung, ein Versuch Harolds, irgend jemanden für irgend etwas zu bestrafen, um sich wenigstens vorübergehend aus einer unerträglichen existenziellen Hilflosigkeit zu befreien.

Frode Grytten besitzt die wunderbare Fähigkeit, alles Schwere und Tragische, von dem das Dasein verdunkelt werden kann, in eine Prosa zu verwandeln, die scheinbar ganz leicht daherkommt und nebenbei mit einem kleinen Lächeln winzige Absurditäten von den Wegrändern des Lebens aufsammelt.

Komm am Sonntag

In diesem ersten Teilroman, den man gut auch einzeln als Novelle hätte herausbringen können, gelingt die Verdichtung dieses Prinzips in Perfektion. Im zweiten Romanteil „Komm am Sonntag“ weitet sich der gesellschaftliche und ökonomische Fokus. Harolds Sohn Arvid wird vorgeführt, ein junger Mann, der durch Börsenspekulation reich wird, flüchtig an gesellschaftlichem Ansehen gewinnt und alles wieder verliert.

Eine ganz andere Erzählhaltung prägt diesen Teil; keine privatistische Innensicht mehr, sondern der kühl abschätzende Blick der Außenwelt auf den strauchelnden Glücksritter. Es wird gut vorstellbar, in welche gesellschaftskritische Richtung der dritte, hier noch nicht mitübersetzte Teil wohl steuert, denn schon der zweite Teilroman enthält etliche Anspielungen auf norwegische Innenpolitik, die nicht immer völlig verständlich sind.

Zwar lässt sich Arvids Geschichte auch ohne Insiderwissen amüsiert verfolgen. Ein minimaler Anmerkungsapparat für mitteleuropäische Leser hätte hier aber auch nicht unbedingt gestört.

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