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Das „Werk 12“ der im Münchner Werksviertel ist mit dem DAM Preis 2021 ausgezeichnet worden.
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Das „Werk 12“ der im Münchner Werksviertel ist mit dem DAM Preis 2021 ausgezeichnet worden.

Architektur

Wenn der Tiger nicht raus darf

  • vonOliver Herwig
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Was verbindet Botschaften und Zoos? Der Architekt und Verleger Philipp Meuser kennt die Antwort.

Er ist Vielleser. Und zwar immer dann, wenn er selbst schreibt. „Für mich ist das Lesen weniger Genuss, als Informationsbeschaffung“, sagt Philipp Meuser. Der Architekt und Verleger – die genaue Gewichtung wäre noch zu klären – lebt mit Büchern. „Weil ich permanent an Geschichten und Büchern schreibe, habe ich immer einen Stapel rumliegen“, sagt Meuser. Jeder Turm, der zustande kommt, ein Thema. Während Corona seien sie etwas abgeflacht, weil er zum Schreiben kam. Dann entstehen scheinbar abseitige Aufsätze wie der zur Typologie afrikanischer Architektur, geprägt durch Improvisation und Pragmatismus – „afrikanische Routine im täglichen Leben.“

Philipp Meuser, Jahrgang 1969, ist ein Entdecker unserer Tage, zieht es ihn doch an die weiße Flecken in aller Welt, jedenfalls an die von der Architekturberichterstattung vernachlässigten Orte. Daher verlegt er mit Adil Dalbai etwa einen siebenbändigen Führer zur Bauwelt des Kontinents südlich der Sahara, den „Architectural Guide Sub-Saharan Africa“. Ein Mammutwerk: 338 Autoren und Autorinnen, 71 Stadtportraits, 5000 Abbildungen und 21 Interviews. Sechs Jahre dauerte es von der ersten Idee bis zur Drucklegung.

Der DOM Verlag erschließt Weltgegenden, die Durchschnittseuropäer nur selten oder gar nicht auf dem Schirm haben – von Zentralasien bis Südamerika, mit einer Vorliebe für Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Eine Art Vermessung der architektonischen Welt in ihrer Gesamtheit. Ende der 1990er Jahre machte sich der Anfangdreißigjährige für das FR-Feuilleton auf an die Peripherie der Welt, an vernachlässigte Achitekturschauplätze.

Seitdem ist Philipp Meuser mittendrin, als Vielflieger und Dirigent seiner Autoren. Die Schwierigkeit bestehe nicht darin, Beschreibungen zu bereits bekannten Bauwerken zu finden, die eigentliche Herausforderung des Verlegers bestehe darin, „Autoren zu animieren, bautechnische Details sowie Hintergründe des Planens und Bauens auf eine verständliche Art zu beschreiben.“ Und hinauszugehen und tatsächlich Neues zu dokumentieren, mit den Architekten und Architektinnen zu sprechen, selbst zu recherchieren und erstmals zu bewerten.

Zur Person

Philipp Meuser, Jg. 1969, veröffentlichte seine ersten Architekturkritiken Ende der 1990er Jahre im FR-Feuilleton. Er hat heute als Architekt, Architekturhistoriker und Verleger einen Namen. Im Verlag DOM Publishers wurden neben über 30 Monografien, mehreren theoretischen Grundlagenwerken mittlerweile 131 Architekturführer veröffentlicht. Soeben ist das Deutsche Architektur Jahrbuch 2021 im Verlag erschienen (256 S, 38 Euro).

Der DOM Verlag kartiert unentdecktes Land. In einem Grundsatzartikel zur Geschichte des Architekturführers gibt der Verleger zu: Eigentlich gehe es „darum, gesellschaftliche und politische Zusammenhänge anhand der gebauten Umwelt darzulegen.“ Die Hoffnung: „Wer Planungs- und Baupolitik versteht und erklären kann, gewährt einen tiefen Einblick in die wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse eines Landes. Insofern stellt ein Architekturführer den Nukleus aller Fremdenführer dar.“ Kein bescheidener Ansatz, aber einer, mit dem sich arbeiten lässt.

Nun bedingt sich die Arbeit als Verleger und die des Architekten bei Meuser, der die Kombination einmal als 24/7-Traumjob beschrieb. Er reist, baut und schreibt. Auf der Homepage der Meuser Architekten GmbH Berlin – Singapur prangt ein besonderes Rendering: (Kampf)Hubschrauber schwirren über einem wehrhaften Gebäude – offenbar einer Botschaft in einem muslimischen Land –, wie die beiden Besucher mit Turban nahelegen. Die Bürogründer, Natascha Meuser und Philipp Meuser, sind eben „spezialisiert auf sondergeschützte Bauten“. Dazu zählen „Anlagen für diplomatische Missionen, Dienstsitze für die internationale Zusammenarbeit sowie andere Einrichtungen mit erhöhtem Gefährdungsrisiko.“

Sie bauen Deutsche Botschaften in Burkina Faso, Mali, Turkmenistan und Benin, im UN-Hauptquartier in New York haben sie einen „Quiet Room“ gestaltet, Gebäude finden sich in Kabul, Sanaa und Bamako – Städte, die man sonst nur aus den Nachrichten kennt – und dann ist wohl wieder etwas Schlimmes passiert. Bei der Arbeit dort wird weniger über Ästhetik diskutiert als über die „Härtung von Fassaden.“ Plötzlich drängen Dinge in den Vordergrund, die Architekten eher nebenbei erledigen – Baulogistik etwa oder ein Hygienekonzept, wie in Zentralasien unter Corona-Bedingungen weitergebaut werden kann.

Begonnen hat alles mit einem Reisestipendium vor 20 Jahren. Nach Usbekistan, wo Meuser seine „Liebe für Plattenbauten in Taschkent“ entdeckte. Später ergab sich in Kasachstan ein Projekt, vor 15 Jahren eine Art Wilder Westen. Als einer der wenigen europäischen Architekten vor Ort rutschte Meuser in den Spezialbereich Sicherheit – und plante für die Schweizer, Französische, Kanadische und Britische Botschaft. Ein Spagat zwischen Repräsentation und Schutzkonzepten. Usbekistan brachte den ersten Architekturreiseführer. Fortan bestanden Büro und Verlag parallel, während Natascha Meuser ein neues, noch exotischeres Feld aufmachte: das Institut für Zoo-Architektur an der Hochschule in Anhalt. Irgendwann dachten sie sogar daran, beide Bereiche zusammenzulegen. „Bei der Botschaft baue ich eine Schleuse, um reinzukommen, und im Zoo bauen wir eine, damit der Tiger nicht ausbrechen kann“, frotzelt Meuser. Da gehe es nicht um Design, sondern um Prinzipien: Wie ordnet man ein Gebäude an und organisiert die Funktionsabläufe?

Überall steigen die Anforderungen an Sicherheit, bis hin zu Kitas und Kindergärten. Meusers Fazit: „Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Versicherungsbranche jedes Risiko absichern kann, aber keiner mehr Verantwortung übernehmen möchte.“ Meuser kennt eben andere Länder, andere Risikokulturen und andere Formen von Zusammenhalt. In den Reiseführern blitzen sie auf, die unentdeckten Gegenden. 121 davon gibt es aktuell, darunter so exotische wie der „Mond“, naheliegende wie „Schleswig-Holstein“ oder das „Sauerland“.

Der Wunsch, das Neue zu erleben, zumindest neue Wege zu gehen, endet eben nicht bei der Fahrt zum Flughafen, das wirklich Skurrile liegt manchmal gleich in Nachbars Garten. Gerade schreibt der Verleger-Architekt wieder an mehreren Beiträgen. Wenn er lese, sich also in ein neues Thema vertiefe, habe er Scheuklappen auf, gibt Meuser zu – für nichts anderes mehr Zeit und Muße. Das klingt herrlich altertümlich in Zeiten, in denen das stündliche Abarbeiten von Textnachrichten zu einer Herausforderung für das eigene Arbeiten selbst wird.

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