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Wenn Coder Leben retten

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Von: Monika Gemmer

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Die Kartenansicht der App "Safepassage" zeigt Standorte der Rettungsschiffe und der gemeldeten Seenotfälle. Über eine integrierte Chatfunktion können alle eingeloggten Helfer kommunizieren.
Die Kartenansicht der App "Safepassage" zeigt Standorte der Rettungsschiffe und der gemeldeten Seenotfälle. Über eine integrierte Chatfunktion können alle eingeloggten Helfer kommunizieren. © Seawatch (Screenshot)

Hilfe aus Seenot können Geflüchtete im Mittelmeer fast nur noch von NGOs erwarten - die EU konzentriert sich auf Abschottung. Die Rettungsaktionen laufen oft chaotisch. Eine App soll das jetzt ändern.

Ein ganz normaler Tag vor der Küste von Libyen: Knapp zwei Dutzend Boote in Seenot ortet die zivile Flotte der Hilfsorganisationen, die im Mittelmeer kreuzen. 2400 Frauen, Männer, Kinder auf der Flucht nach Europa kauern zusammengedrängt in treibenden Nussschalen aus Holz oder Gummi. Einige Boote sind noch intakt, die Passagiere zwar dehydriert, doch sie können noch einige Stunden durchhalten. Andere hocken bereits knietief im Wasser, weil ihr Gummiboot die Luft verliert und sinkt - höchste Lebensgefahr. Wen würden Sie zuerst retten?

Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen. Und doch ist sie für die Besatzungen der rund zehn NGO-Schiffe nicht leicht zu beantworten. „Das Problem ist, dass wir es häufig mit einer Vielzahl an Seenotfällen gleichzeitig zu tun haben. Das zu koordinieren, ist eine große Herausforderung“, sagt Ruben Neugebauer, Sprecher von Sea-Watch. Der spendenfinanzierte Verein gehört zum Kreis der Organisationen, die sich mit dem massenhaften Sterben im Mittelmeer nicht abfinden wollen. Nachdem sich die EU weitgehend aus der Rettung zurückgezogen hat und sich über ihre Grenzschutz-Agentur Frontex auf die Abschottung konzentriert, sind eine Handvoll Nichtregierungsorganisationen weit und breit die einzigen, die zu Hilfe eilen können.

Die Crew auf dem  umgebauten Kutter „Sea-Watch 2“ konzentriert sich auf ein Suchgebiet im Osten und Westen von Tripolis jenseits der Zwölfmeilenzone. Zusätzlich hält die Organisation mit einem Kleinflugzeug aus der Luft Ausschau nach Menschen, die Hilfe brauchen. Künftig könnten auch Drohnen zum Einsatz kommen, erzählt Neugebauer. Wird ein Notfall entdeckt, geht eine Meldung an die fürs Mittelmeer zuständige Rettungsleitstelle MRCC in Rom. Das von Italien betriebene Maritime Rescue Coordination Center entscheidet dann, welches der Rettungsschiffe hingeschickt wird.

Das Problem: Oft geschieht das aufgrund von lückenhaften Daten und unter enormem Zeitdruck. „Leider ist eine Information, die über Funk kommuniziert wird, schnell verloren, wenn sie niemand mitschreibt“, so Neugebauer. Funk oder Telefon seien zudem anfällig für Missverständnisse, so würden beispielsweise Koordinaten schnell falsch verstanden. Mitunter werde auch die Leistungsfähigkeit der Rettungsschiffe überschätzt: Nicht immer sind die Helfer, die am nächsten dran sind, auch am schnellsten da. Was fehlt, ist eine Gesamtübersicht über die Dringlichkeit. „Das kann dann tödliche Konsequenzen haben“, so Neugebauer.

This feeling of #frustration when you cannot help those in need because your hands are tied. With 274 ppl onboard, we cannot continue #SAR. pic.twitter.com/HIqbk8UgUR

— Sea-Watch (@seawatchcrew)

6. Mai 2017

5000 Menschen ertranken nach Zahlen von „Missing Migrants“ im vergangenen Jahr im Mittelmeer. Im von dramatischen Bootsunglücken geprägten Monat April 2016 lag das Risiko, bei der Flucht über die „tödlichste Grenze der Welt“ (Neugebauer) ums Leben zu kommen, bei 1:16. Auch in diesem Jahr sind es bereits mehr als 1300 Tote zu beklagen. Bessere Daten und sichere Kommunikationswege, davon ist man bei Sea-Watch überzeugt, könnte viele Menschenleben retten.

Deshalb hat die Organisation die Anwendung „Safepassage“ entwickelt. „Die App bündelt möglichst viele Informationsstränge, visualisiert sie in einem Geoinformationssystem und erleichtert so das Erfassen der Situation und damit die Fähigkeit, richtige Entscheidungen zu treffen“, erläutert Ruben Neugebauer.

Eine Karte verzeichnet die aktuellen Standorte der Rettungsschiffe und der entdeckten Boote. Zu jedem Seenotfall sind weitere Details wie Größe, Beschaffenheit und Zustand des Bootes sowie Zahl der Insassen verzeichnet. Auch der Stand der Rettungsmaßnahmen ist abrufbar. Zudem wird erfasst, welches Schiff wen an Bord nimmt - oft werden dabei Familien auseinandergerissen, die sich so leichter wieder zusammenführen lassen. Die Daten synchronisieren sich in Echtzeit, die Anwendung läuft aber auch offline – ein wichtiger Aspekt auf See, wo oft kein schnelles Internet verfügbar ist.

Zwei Hamburger Programmierer sitzen seit einem Jahr an Konzept und Entwicklung, unterstützt von ehrenamtlichen Entwicklerinnen und Entwicklern, die über einen Kongress des Chaos Computer Clubs zu dem Projekt fanden. Auf zwei ausgewählten Schiffen ist die App seit kurzem im Einsatz, am Ende soll die gesamte zivile Flotte damit arbeiten. „Die allermeisten zivilen Schiffe haben bereits ihre Teilnahme angekündigt“, so Neugebauer.

„Safepassage“, so die Hoffnung von Sea-Watch, bringt Ordnung in das Chaos der Rettungsaktivitäten und verbessert die Arbeit der Koordinierungsstelle in Rom an einer entscheidenden Stelle. „Bei einem sinkenden Boot zum Beispiel geht es um wenige Minuten“, so Ruben Neugebauer. „Hier können wir mit der Kombination aus unserem Suchflugzeug und der App einiges rausholen und haben so schon mehrere hundert Leben retten können, die sonst definitiv keine Chance gehabt hätten.“  

Der Sea-Watch-Sprecher sieht noch einen weiteren Vorteil in der Anwendung: „Wir haben endlich selbst einen Überblick über die Gesamtsituation und sind nicht auf Informationen der EU angewiesen, die wir als Konfliktpartei betrachten und deren Informationen wir daher mit Skepsis begegnen.“

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