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Theodor Heuss auf einem Foto von 1959.

Theodor Heuss

Wenn ein Adler die Zunge herausstreckt

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Der ehemalige Bundespräsident Theodor Heuss, ein "Führerstander" und die Frankfurter Rundschau.

Zugegeben: Es ist alles schon eine halbe Ewigkeit her und weltbewegend war es auch nicht. Aber ein verbal gezügeltes öffentliches Geplänkel zwischen Theodor Heuss, dem ersten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland (von 1949 bis 1959), und der Frankfurter Rundschau hat auch heute noch seinen Lese-Reiz – vor allem angesichts eines erst jetzt wieder aufgetauchten und einst nicht publizierten Briefes des Staatsoberhauptes an die FR vom 16. April 1952.

Aber der Reihe nach: Unter der Schlagzeile „Wer braucht den Führer (-Stander?)“ mokierte sich in der FR am 3. April 1952 ein Autor mit dem Kürzel „UNUS“ einleitend und prinzipiell über das sprachliche Niveau des Bundesanzeigers. Auf das dort gepflegte amtsschimmeldurchsetzte und verdorrte Juristendeutsch könne eigentlich jeder verzichten, der ihn nicht unbedingt lesen müsse. Bevor sich „UNUS“ dann eines besonderen Eintrags widmete und damit zur Sache kam, betonte er erst einmal die Existenzberechtigung des Amtsblatts und akzeptierte sogar die scheinbare Unvermeidbarkeit des darin gepflegten Stils. Aber dann segelt, angetrieben von einem heute geheimnisumwitterten, aber damals wohl „bekannten Redaktionswind“ dem Journalisten ein März-Exemplar des Anzeigers auf den Tisch. Und dem Redakteur ging ein merkwürdig Lichtlein auf: „Man schaut einmal, man schaut zweimal, man reibt sich die Augen und zitiert im Stillen das Berliner Sprichwort ‚nanu denk icke, ick denke nanu, da hat doch eener dran jedreht!‘ Es hat aber keener dran jedreht – denn da steht es wirklich und wahrhaftig: wir haben einen Führer.“ 

Was bislang alles noch etwas mysteriös klingt, klärt sich durch den Hinweis, dass der „Führer“ zwar noch nicht ganz da sei, aber sein Stander flattere ihm bereits wieder voran. Das war eine unüberhörbare Anspielung auf das alte Nazi-Lied „unsere Fahne flattert uns voran“. Bei „UNUS“ liest sich das gelegentlich bei solchen Assoziationen aufkeimende Unbehagen so: „In der neuen Flaggenordnung für den Bundesgrenzschutz ist der Führerstander nicht nur vorgesehen, sondern bereits abgebildet! Auf gelbem Grund thront ein schwarzer Adler mit reichlich großen und roten Füßen und einem nicht weniger roten und großen Schnabel und herausgestreckter Zunge.“ Unklar sei, auf wen sich die herausgestreckte Zunge eigentlich beziehe – „man ist da völlig auf Vermutungen angewiesen.“ 

Kein Führerstander nötig

Noch unklarer bleibe, warum das Land überhaupt einen Führerstander nötig habe. Die in der neuen Flaggenordnung abgebildeten Fahnen wie die Bundesdienstflagge, Gösch, der Kommandowimpel, Flottillen- und Gruppenstander oder die Standarte des Bundespräsidenten könne man ja noch hinnehmen, meinte „UNUS“ und bezweifelte zugleich, dass Heuss seinem Hoheitssymbol wirklich Bedeutung beimisst. Deshalb sei es am „unklarsten“, warum „unser Bundespräsident einen Erlaß unterzeichnen konnte, der einen Führerstander aus der Versenkung in die Taufe hebt.“ Der FR-Autor mochte sich nicht vorstellen, dass Heuss, im Zeitungstext als „große Säule der Humanität und Toleranz“ hochgelobt, „seinen wahrhaft guten Namen unter irgendein Gesetz oder einen Erlaß setzt, dessen Inhalt nicht nach allen Regeln der Logik und des wirklichen Menschentums zu verantworten ist.“ Volltreffer! Das Rundschau-Resümee: Bei dem ganzen Vorgang sei alles unklar. Klar sei nur: „Einen Führerstander brauchen wir nicht.“ 

Bedenken müssen heutige Leser und Leserinnen, dass wir uns damals noch in der Nachkriegsära befinden und überall, wo nach 1945 „Führer“ auftauchten, die Alarmglocken schrillten. Schnell konnte sich dabei der Verdacht breitmachen, dubiose alte Kameraden hätten hier und dort die Hände im Spiel. Immerhin war das ehedem nicht nur schiere Hysterie. Theodor Heuss, Journalist, 1945 Lizenzträger der heute noch exis- tierenden „Rhein-Neckar-Zeitung“ (die dritte hinter der FR nach dem Zweiten Weltkrieg), Mitgründer der FDP (1948), zeitweise deren Vorsitzender, Professor für Geschichte und Politik, seit 1959 Ehrenbürger Frank- furts, ließ es sich nicht nehmen, in wohlgesetzten Worten zu kontern: Mit Witz und Ironie, wie der homme de lettres dies auch gerne im politischen Diskurs zu tun pflegte, wenn der Anlass es erlaubte. In einem Postwend-Schreiben an die FR konstatierte er bereits einen Tag nach dem „UNUS“-Grummeln, dass er den Beitrag mit Vergnügen gelesen habe. Mit dem schmalen Geständnis, in Dingen wie Flaggenordnung sei er „sachlich und seelisch nicht ganz zu Hause“, leitete er seine Replik ein – eine kleine präsidiale Nachhilfestunde, halb ernst, halb von schwäbisch grundiertem Glucksen durchsetzt. 

Er wolle UNUS mit ein paar Sätzen „unterrichten und auch trösten“, schrieb Heuss. Die FR läge schief mit der sachte formulierten Vermutung, mit dem „Führerstander“ sei „ein nationalsozialistisches Relikt aus der Versenkung zur Taufe gehoben worden“. Die Bezeichnung stamme aus dem alten Begriffsvorrat der Marine, galt auch durch eine entsprechende Verordnung in der „sogenannten Weimarer Zeit“ und habe einfach das Fahrzeug bezeichnet, auf dem sich in einem Schiffsverband der Kommandant der Gruppe befand. So etwas müsse es natürlich auch bei „Grenzschutzpolizei zur See“ geben.

„Führer“ ausdrücklich mit Anführungsstrichen 

Und wörtlich heißt es danach: „Ich lade UNUS zu einer einfachen Überlegung ein: Hätte Hitler etwas davon erfahren – schließlich hat er doch nicht alles gewußt –, daß irgendein Leutnant mit ein paar kleinen Booten hinter sich durch einen ‚Führerstander‘ gekennzeichnet würde, hätte er bei seinem Drang, dieses Wort für sich zu monopolisieren, ganz gewiß für Remedur gesorgt. Was Unus hier für ein politicum hält, ist eine Sorgenfrage der Philologie. Viele von uns konnten langehin das Wort ‚Führer‘ eben nur mit Anführungszeichen sprechen – man mußte diese „–“ im Tonfall mithören. Auch er hat gewiß, wie wir, an der Albernheit teilgenommen, statt von Hitler vom ‚Baedeker‘ zu reden, und dabei taten wir diesem viel verdienstvolleren Unternehmen arges Unrecht. Auch bei Unus schwingt das besorgte Sprachempfinden mit, das den Begriff des ‚Führers‘ in eine Dauerquarantäne einsperren möchte. Aber da gibt es nun den Fremdenführer, den Bergführer, den Lokomotivführer, und in Straßenbahnen soll man auf dem vorderen Perron mit dem Führer nicht sprechen…. Die Verlegenheit bleibt…. Also mag man auch den ‚Führerstander‘ ohne zu arge Staatsängste hinnehmen“. Soweit Theodor Heuss in der Frankfurter Rundschau vom 5. April 1952. Aber das letzte Wort war damit noch nicht gesprochen. Hätte die FR die Heuss’sche Intervention als Leserbrief abgedruckt, wäre eines mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit passiert: kein Honorar. Da der Text aber wie ein redaktioneller Beitrag platziert war, wurden 30 DM angewiesen. Na ja.

Ende der Vorstellung? Nein. Nun war der „Buprä“, wie Heuss sich selber gerne nannte, wieder an der Reihe. In einem Schreiben an Dr. Hans Henrich (Leiter des Ressorts Innenpolitik) erklärte der „Papa“ der Nation, die Glosse von „UNUS“ habe seine „journalistischen Grundinstinkte angekitzelt“. Und es habe ihm Spaß gemacht, auf den Führer-Artikel zu antworten. Mit einem Honorar („recht nett von Ihnen“) habe er allerdings nicht gerechnet, wolle er auch nicht haben. Er werde jedoch die 30 DM an einen Fonds für die Unterstützung alter Journalisten und Schriftsteller weiterleiten. „Das Geld kommt also dann nicht mir zu- gute, sondern Kollegen, die in einer wirtschaftlich bedrängten Lage sind“. Bravo!

So bleibt zum Schluss nur noch das Staunen darüber, wie viel Muße vor mehr als 60 Jahren hochrangige Politiker hatten, um eigenhändig und auf amüsante Weise Journalisten zu antworten. Bemerkenswert sind auch zwei Bekenntnisse. Heuss räumt ein, fast nichts von Flaggenordnung zu verstehen. Und „UNUS“ unterstellt dem Journalisten das gleiche bei Amtsblättern – „er, der sich so gerne einbildet, überall Fachmann zu sein, wo er einmal die Nase hineingesteckt hat“. Das alles war dann wohl so etwas wie ein Laienduell. 
 
P.S. Wer sich hinter dem Kürzel „UNUS“ verbarg, konnte leider nicht mehr „ermittelt“ werden. Eine gewagte Vermutung sei dennoch erlaubt: „unus pro multis“ – einer für alle. 
In den Zitaten von Theodor Heuss tauchen Worte auf, die damals anders geschrieben wurden als heute.

Roderich Reifenrath kam 1966 zur Frankfurter Rundschau und war ihr Chefredakteur von 1992 bis 2000. 

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