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Wendung

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Von: Sylvia Staude

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So wie in Australien kann man die Wintersonnenwende auch begehen.
So wie in Australien kann man die Wintersonnenwende auch begehen. © IMAGO/AAP

Die Sonne wendet, die Bestenlisten prasseln, es ist Jahresendzeit.

Wenn uns nicht schon auf der Journalistenschule verboten worden wäre, je die Wendung zu benutzen „ist es wieder so weit“, so dass wir diese Wendung in allen bisherigen Berufsjahren fallen ließen wie eine heiße Kartoffel, würden wir schreiben: am Mittwoch ist es wieder so weit, dass die Sonne umkehrt, beziehungsweise eine Wendung macht.

Das natürlich nur metaphorisch. So gut haben wir in der Schule dann doch aufgepasst, dass wir wissen, dass die Sonne zu groß und heiß ist (eine Art heiße Kartoffel?), um im All ein Wendemanöver zu vollziehen wie jeder beliebige Autoscooter, selbst wenn die Menschen hierzulande von der „Wintersonnenwende“ sprechen. Und glauben Sie mir, Sie wollen die Chose, wie sie wirklich ist, nicht von uns erklärt haben, es müssten „Punkte extremer Deklination“ vorkommen – und, nein, damit wäre nicht die Deklination von Wörtern gemeint, mit der wir uns selbstverständlich auskennen, inklusive Genitiv.

Aber wir schweifen ab. Eigentlich wollten wir uns in der Zeit der Rückblicke und Bestenlisten (die zehn besten Kinofilme des Jahres, die zehn besten Romane, Sachbücher, Kinderbücher, Ratgeber, Lyrikbände ..., die acht leckersten Tütensuppen 2022, die lautesten Rockalben des Jahrzehnts, auch wenn wir erst 2022 schreiben, usw. usf.), wollten wir uns also in der Zeit des Einkaufens-im-letzten-Augenblick und des Meckerns über spirrlige Weihnachtsbäume darüber freuen, dass wir von Donnerstag an wie ein Sonnenzeit-Nüsse sammelndes Eichhörnchen Licht-Minute um Licht-Minute ins Schächtelchen tun können. Und irgendwann lässt sich auch nennenswert Strom sparen.

Es handelt sich hier also um eine gern erwartete Wendung (schließlich: „Mehr Licht!“), wo sich sonst am liebsten die unerwarteten Wendungen tummeln. Sehr entschieden etwa gerade bei der Feuerwehr von Lützow, über die zu berichten war: „Unerwartete Wendung im Streit: Nach Eklat: Feuerwehr Lützow ist wieder einsatzbereit“. „Rechtsstreit um Wonnemar nimmt unerwartete Wendung“, heißt es anderswo, dieser herrlichen W-Häufung kann man nicht widerstehen. Oder auch: „Mit dieser Wendung hat wohl niemand gerechnet.“

Eigentlich aber versuchen wir gerade nur davon abzulenken, dass Sonne und Jahr ihre planmäßige Wende einleiten, wir selbst aber schon wieder keine der Wendungen geschafft haben, die wir uns Anfang Januar vorgenommen hatten. Von mehr Sport bis weniger Süßes. Von weniger fernsehen bis mehr spazierengehen. Und was ist mit den neun von zehn besten Kinofilmen, die wir nicht gesehen haben, mit den zehn von zehn besten Romanen, die ungelesen blieben, jedenfalls von uns? Alles Punkte extremer Deklination, äh, Depression.

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