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Anhaltende Trockenheit, hier am Lake Mead in Nevada/USA.

Moral und Klimawandel

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Der Philosoph Thomas Pogge spricht im FR-Interview über Moral angesichts des Klimawandels, die Maximierung der eigenen Bequemlichkeit und ernüchternde Kosten-Nutzen-Rechnungen.

Herr Pogge, ist ein Hedonist verpflichtet, etwas gegen den Klimawandel zu tun?
Als Hedonist wohl eher nicht. Wenn man die eigene Bequemlichkeit maximieren möchte, kann man das wahrscheinlich tun, ohne sich groß anzustrengen. Und das tun auch viele der Menschen, die in Banken und großen Firmen arbeiten. Sie sagen sich: „Ich habe viel Geld und wenn es durch den Klimawandel notwendig werden sollte, kann ich leicht umziehen. In meiner Lebenszeit ist das kein Problem."

Sind also diejenigen, die nichts gegen den Klimawandel unternehmen, Hedonisten?
Vielleicht nicht explizit, implizit schon recht häufig. Ich kenne eine ganze Reihe von Leuten, die relativ reich sind in den Vereinigten Staaten. Da ist diese Haltung recht weit verbreitet, in der Nachfolge von der Schriftstellerin Ayn Rand (1905–1982), die sagt, dass es kulturell ganz wunderbar ist, wenn Menschen so leben, wie sie leben möchten, und sich damit durchsetzen. Es hat ein bisschen etwas mit Nietzsche gemein. Ayn Rand hat ja unter anderem auch den US-Philosophen Robert Nozick sehr beeindruckt. Im kulturellen Geist der USA ist immer noch ein Stück dieses Randismus enthalten.

Wenn man die Haltung zum Klimawandel von philosophischen Positionen aus betrachtet: Gebietet uns der kategorische Imperativ von Kant, etwas gegen den Klimawandel zu tun?
Wir verletzten die fundamentalen und vitalen Interessen von Menschen dadurch, dass wir für die Veränderung des Klimas mitverantwortlich sind. Wir handeln hier nach Maximen, die nicht verallgemeinerbar sind, nicht jeder kann in gleicher Weise einen Vorteil ziehen aus der Atmosphäre, in die man Schadstoffe einleiten kann. Wenn alle versuchten, große Schadstoffmenge so zu entsorgen, dann würde keiner sie wirklich los. Genauso wie nicht alle erfolgreich versuchen können, je einen Quadratkilometer Land an sich zu nehmen. Die Maxime solcher Handlungen ist also nicht verallgemeinerbar.

Wie verhielte sich denn jemand, der eine Nutzenmaximierung für die meistmöglichen anstrebt, also ein Utilitarist?
Utilitaristen würden unsere Klimapflichten anders begründen: Der Gesamtschaden, den ein Einzelner mit seinen Treibhausgasemissionen anrichtet, ist größer als sein persönlicher Nutzen. Zwar sind die Schäden, die ich anderen durch meine Autofahrt zufüge, äußert gering relativ zu meinem Nutzen, aber weil Milliarden geschädigt werden, überwiegt am Ende doch der Schaden.

Verursacher und Leidtragende des Klimawandels sind nicht identisch. Was sagt die Moralphilosophie zu dieser Asymmetrie?
Der wichtigste Aspekt der Moral ist, dass man die Interessen anderer Menschen ernst nehmen muss und sie nicht schädigen darf. Wenn man es utilitaristisch betrachtet, muss man es von einem impersonalen Standpunkt aus betrachten: Wenn ich ein guter Mensch bin und mir die Welt von oben anschaue, muss ich die Interessen derer, die unter meinem Handeln leiden, genauso ernst nehmen, wie meine eignen Interessen.

Wichtig ist der Aspekt der Generationengerechtigkeit. Wir verderben unseren Nachfolgern die Umwelt.
Wenn wir moralisch denken und den Interessen anderer Menschen das gleiche Gewicht zusprechen wie unseren eigenen, dann sind unsere Verpflichtungen gegenüber unseren Mitmenschen in derselben Generation relativ klar. Ich kann nicht einfach etwas tun, was mir einen kleinen Nutzen bringt und anderen einen großen Schaden. Diesen Standpunkt kann man auch intergenerationell einnehmen. Allerdings ist es ein wenig schwieriger, weil diese anderen Menschen noch nicht existieren. Es kann ja sein, dass die zukünftigen Generationen, die wir vor dem Klimawandel schützen wollen, gar nicht existieren werden. Zusätzlich ist zu bedenken, dass unsere Entscheidungen die Identität zukünftiger Menschen beeinflussen. Manche glauben, dass von unseren Emissionen geschädigte zukünftige Menschen sich darüber nicht plausibel beklagen können; denn, hätten wir diese Emissionen unterlassen, wären an ihrer statt andere Menschen geboren worden.

Wir sprechen über Menschen als moralische Subjekte. Sind auch Unternehmen und Staaten moralische Subjekte?
Man kann Unternehmen und Staaten als Organisationen oder Organismen verstehen, die aus moralischen Subjekten, den Menschen, bestehen. Die Verantwortlichkeit von Staaten und Firmen lässt sich reduzieren auf die Verantwortlichkeit von Menschen, die in ihnen aktiv sind. Ein Beispiel: Deutschland hat schlimme Verbrechen im Zweiten Weltkrieg verübt. Die Verantwortung wird bei denen gesucht, die hierbei in der Zeit mitgemacht haben.

Kann man dem Staat neben rechtlichen auch mit moralischen Kategorien zu Leibe rücken?
Ich würde sagen, auch mit moralischen. Ich sehe kein Problem darin zu sagen, dass der Krieg, den die USA in Vietnam geführt haben, ein unmoralischer Krieg war und dieser Staat moralisch verpflichtet war, diesen Krieg nicht zu führen und sich vieler der Mittel zu enthalten, die er in diesem Krieg angewandt hat. Die moralische Kritik am Staat ist dann letztlich moralische Kritik an seinen relevanten Entscheidungen und Entscheidungsträgern: an Entscheidungen des Kongresses oder des Präsidenten oder der militärischen Befehlshaber. Diese Dimension moralischer Beurteilung brauchen wir unbedingt, denn, wenn das Recht korrupt ist, können ja auch legale Entscheidungen im höchsten Grade ungerecht sein.

Interview: Michael Hesse

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