Philosophie

Die Welt erklären, auch wenn es sie gar nicht gibt

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Auf einem Kongress in Köln geht es um die Frage, wie viel Philosophie die Öffentlichkeit braucht und verträgt.

Wie viel Philosophie braucht die Öffentlichkeit? Oder anders gefragt: Wie viel verträgt sie? Über die Frage der Wirksamkeit der akademischen Philosophie für ein breites Publikum diskutierten Philosophen und Vertreter von TV- und Printmedien im Rahmen der Konferenz der Gesellschaft für analytische Philosophie (GAP) an der Universität zu Köln. Deren Präsident, der Kölner Philosophie-Professor Thomas Grundmann, erkennt ein großes Interesse der Bürger am Fach der Denker – „und das nicht nur am Schöngeistigen, sondern auch in Bezug auf Fake News, Klimawandel oder Flüchtlinge“. Zeugnis hierfür seien philosophische TV-Sendungen, das Philosophie-Festival Phil.Cologne, vielfach verkaufte Bücher oder das populäre „Philosophie Magazin“.

Dennoch finde die Arbeit der akademischen Philosophie zu selten in eine breite Öffentlichkeit. „Und das ist frappierend“, sagte Grundmann. Überdies werde man noch kritisiert, wie von dem früheren Chefredakteur des „Philosophie Magazins“, Wolfram Eilenberger, in der „Zeit“ – Eilenberger hatte geschrieben, dass die deutsche Philosophie zurzeit eine der schwächsten Perioden in ihrer Geschichte erlebe.

Das aber sei falsch. „Es gibt einen regelrechten Boom der deutschen Philosophie in aller Welt“, sagte Grundmann und verwies auf viele Lehrstühle im Ausland, die von deutschen Denkern besetzt seien. Gerade die Gesellschaft für analytische Philosophie hatte sich munter in die Debatten eingemischt. Mit einem Essay-Wettbewerb – der preisgekrönte Text von Marcel Twele wurde in der FR abgedruckt (29. April 2016) – versuchte man, rationale Argumente in eine emotional geführte Flüchtlingsdebatte einzuführen. Allerdings sei unübersehbar, dass eher populäre Publizisten wie Richard David Precht oder Peter Sloterdijk die Worthoheit in Deutschland hätten und nicht etwa universitäre Philosophen. Das Problem sei, so Grundmann, dass die populären Denker vom Publikum zwar geschätzt würden, ihre argumentative Kraft jedoch eher schwach sei.

Auf dem Kongress in Köln wurden aktuelle Themen philosophisch durchleuchtet: So etwa referierte die US-Philosophin Louisa Antony über die Gender-Problematik. Oder es wurde über die Rationalität von Fake News diskutiert. Und gewürdigt wurde mit dem Gottlob-Frege-Preis ein Philosoph, der sich vor allem auf Fragen der konkreten Ethik bezieht: Dieter Birnbacher von der Universität Düsseldorf hat zahlreiche kluge Aufsätze zu den Themen Sterbehilfe, Klimawandel, Stammzellforschung oder autonomes Fahren verfasst.

Warum also finden sich solche Philosophen nicht häufiger in den Medien wieder, die Argumente tatsächlich auf Herz und Nieren prüfen könnten? Jürgen Kaube, Herausgeber und Feuilleton-Chef der FAZ, erkennt einen Grund dafür in der zunehmenden Spezialisierung der Philosophen an den Universitäten. Anstelle eines Buches, das vielen zugänglich sei, stehe nun der Fachaufsatz. Das breit gesetzte Thema werde durch immer tiefergehende Spezialisierungen ersetzt. Und in diese Lücke hätten sich andere geschoben – wie eben Sloterdijk, der Italiener Georgio Agamben oder Precht.

Oder der Bonner Philosophie-Professor Markus Gabriel. Der hatte es Kaube mit seiner Behauptung „Die Welt gibt es nicht“ besonders angetan. „Wenn einer wie er so etwas behauptet, muss man ihn fragen, warum“, fand er. Kaube verwies auf die „wichtige Fähigkeit, so zu formulieren, dass das nicht jeder so hätte sagen können“ – das sei bei Gabriel der Fall. Kaube gab auch gleich an, welche Hürde ein Text bei ihm nehmen muss: „Meine eigene Mutter muss ihn verstehen können.“

Lars Weisbrod, Redakteur der „Zeit“, empfahl den Philosophen, einen Kurs in kreativem Schreiben zu belegen. Natürlich sei das Schreiben auch eine Talentfrage, so Weisbrod, aber so könnte es doch eine kleine Speerspitze in die Medien schaffen. Geert Keil, Ordinarius an der Berliner Humboldt-Universität, sah ein, dass sich die Öffentlichkeit nicht für kleinteilige Fortschritte in der Philosophie interessiert. Wie aber solle diese dann eingreifen, wenn sie vor allem an Problem- und Begriffsklärungen orientiert sei, fragte er. Man dürfe auf philosophischer Seite nicht betriebsblind werden.

„Warum wollen Sie denn überhaupt in die Medien?“, fragte FAZ-Mann Kaube in die Philosophen-Runde. „Damit wir zum Beispiel einseitige normative Beiträge wie etwa von Ökonomen bereinigen können“, erwiderte aus dem Publikum die Philosophie-Professorin Kerstin Meyer. Weisbrod konstatierte, dass gerade die politisch durch Trump und Rechtsextremismus aufgeheizten Zeiten es Philosophen erschwerten, in die Zeitungen zu finden. Dies gelte vor allem dann, wenn diese stark formal arbeiteten, wie es im Bereich der analytischen Philosophie der Fall sei.

Yves Bossart von der TV-Sendung „Sternstunde Philosophie“ (3sat) räumte ein, dass das Fernsehen auch mit einer „inspirierenden Desorientierung“ zu beglücken sei. Und Gerhard Scobel, Moderator der gleichnamigen Sendung „Scobel“, glaubt, dass die Angelsachsen besser schreiben und reden könnten als ihre deutschen Kollegen. „Aber ich will hier niemanden beleidigen.“ Allerdings ist die Quote von Beiträgen amerikanischer Philosophen in US-Zeitungen deutlich geringer als in Deutschland. Überdies, so Scobel, hätten die Philosophen ihren Nimbus einer Übertragungsdisziplin eingebüßt. Früher seien die Denker zu Rate gezogen worden, wenn es darum gegangen sei, Wissen aus einem Feld in einem anderen anzuwenden. „Diesen Status haben Philosophen nicht mehr.“

Er machte sich dann zu einem Psychologen-Kongress nach Frankfurt auf. „Die haben die gleichen Probleme wie Ihr Philosophen“, sagte er. Aufgeklärt wurde die Frage nicht, wie die Denker in die Medien finden. Aber das lag eher nicht an den Philosophen.

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