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„Mehr als 50 Prozent der Weltwirtschaft findet man in Asien“: Arbeiter am Hafen von Qingdao in der ostchinesischen Provinz Shandong.

Globalisierung

„Die Welt ist bereits asiatisch“

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Der Globalisierungsexperte Parag Khanna über die politische und kulturelle Vielfalt Asiens, die Wahrnehmungsprobleme in Europa, die Rolle Chinas und den Handelsstreit mit den USA.

Herr Khanna, Sie sagen, dass wir Zeugen einer tektonischen Verschiebung sind, was die Macht auf dem Planeten betrifft. Was macht Sie in Ihrem Urteil so sicher?
Ganz einfach, weil diese Verschiebung bereits erfolgt ist. Das bedeutet, dass wir bereits in einer asiatisch geprägten Welt leben. Nach wirtschaftlichen und demografischen Gesichtspunkten gesehen, ist die Welt bereits asiatisch, wir hinken nur mit unserem Bewusstsein von der Wirklichkeit etwas hinterher. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Asien, mehr als 50 Prozent der Weltwirtschaft findet man in Asien. Die Schlussfolgerung liegt also auf der Hand: Wir wohnen bereits in einer asiatischen Welt.

Was ist das für eine Welt?
Asien sollte nicht als ein Gedankenraum verstanden werden, der allein China umfasst. Es ist richtiger, Asien als Megaregion zu verstehen, die nicht allein von China abhängt, auch wenn China eine wichtige Säule darstellt, aber eben nicht die einzige. Asien ist ein System, nicht einheitlich, nicht kohärent, sondern vielfältig.

Was zählt zu Asien dazu?
Alles östlich vom Mittelmeer und dem Suez-Kanal, 53 Staaten mit 4,5 bis 5 Milliarden Menschen. Asien ist aber eigentlich kein Kontinent, sondern eine Region, genauso wie Europa: Die Geschichte Asiens ist die Geschichte einer multikulturellen Region, die sich von Japan bis zu Russland, der Türkei, also bis zum Mittelmeerraum erstreckt. Sie gehören geografisch und kulturell zu Asien, wenngleich sie genauso mit Europa verflochten sind. Die Türkei und Russland lehnen sich wieder stärker an Asien an, vor allem in den letzten 30 Jahren hat ein Umschwung stattgefunden. Das Russland von Jelzin konnte nicht in den westlichen Raum integriert werden, da hat der Westen versagt, nun steuert es auf Asien zu, genauso ist es mit der Türkei.

Sie sprechen von einem asiatischen System. Was meinen Sie damit?
Der Begriff „System“ stammt aus der Politikwissenschaft. Das asiatische System zeichnet sich durch die Intensität der Beziehungen untereinander aus. Das heißt, die Staaten in Asien haben mehr miteinander zu tun als mit dem Rest der Welt. Das ist empirisch nachweisbar. Insbesondere der Handel und die Diplomatie, also der Warenverkehr und die geopolitischen Beziehungen, sind umfangreicher und intensiver. Ein System muss in sich nicht friedlich sein, auch Krieg ist innerhalb eines Systems möglich. Man kann sogar sagen: Kriege sind ein Beleg dafür, dass die beteiligten Länder ein System verkörpern. So ist es in Europa gewesen, wo es zahlreiche Kriege gegeben hat. Noch vor 15 Jahren war Asien eine zusammenhanglose Ansammlung einzelner Staaten. Erst in dieser letzten Phase hat es sich zu einem System geformt. Asien war früher nur Geografie, heute ist es ein System.

Parag Khanna ist Politikwissenschaftler, Strategieberater und Publizist.


Wie kam es dazu?
Die asiatischen Staaten sind in den letzten 30 Jahren wieder auferstanden, viele Asiaten haben das begriffen, wir im Westen jedoch noch nicht. Japan ist die erste auferstandene asiatische Macht der Nachkriegszeit, die sich behauptet hat. 1975 war es die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, dann folgten die Tigerstaaten mit einem massiven Wirtschaftswachstum. Es war also ein kollektiver Aufstieg. China folgte erst später. Die erste Welle mit Japan hat die zweite Welle mit Südkorea angestoßen. Die vierte Welle wird von den Ländern von Süd- und Südostasien verkörpert, die eine Bevölkerungszahl von 2,5 Milliarden Menschen haben. Man muss sie als einen kollektiven Prozess verstehen, nicht als einzelne Staaten, die sich gegenseitig ersetzen wollen. Japan ist immer noch die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt und hat ein Investitionsvolumen in Asien, das größer als das chinesische ist.

Asien ist also auch ohne China wirtschaftlich ernst zu nehmen?
Auch ohne China leben in Asien 2,5 Milliarden Menschen, in Pakistan, Indien und den anderen Ländern. Das sind eine Milliarde Menschen mehr als in China. Sie haben eine jüngere Bevölkerung im Durchschnitt als China. Wir denken, dass es dort viele Rivalen gibt wie China und Japan, die nur gegeneinander kämpfen. Wir übersehen dabei, wie stark sie miteinander kooperieren.

Ist die EU aus dem asiatischen System ausgeschlossen?
Die kommerzielle Rolle Europas ist für die Asiaten viel wichtiger als alles andere. Das sieht man vor allem durch die Handelskriege zwischen China und den USA. Europa profitiert vor allem dadurch, dass US-Güter teuer geworden sind.

Hat Europa ein Wahrnehmungsproblem? Sollte man nicht auf jeden Tweet von Trump achten, sondern den Blick lieber nach Asien wenden?
Ich versuche, dieses Argument möglichst stark zu machen. Europa sollte den Blick nicht gegen Amerika wenden, sondern die Gelegenheit nutzen, das Seidenstraßenprojekt für sich und seine wirtschaftlichen Interessen zu nutzen. Ich bin ein großer Unterstützer einer stärkeren europäischen Rolle in der Belts-and-Roads-Initiative. Die Deutschen werden auf jeden Fall dabei sein, das gilt auch für deutsche Firmen und französische.

Sie haben in Ihrem Buch geschrieben, dass China ein großes Deutschland werden will. Was bedeutet das?
Das kommt natürlich gut an in Deutschland! Es hat auch philosophische Ursachen, was deutsche Ideen angeht, auch in Bezug auf Karl Marx. Aber es geht auch um die Vorzüge des Wohlfahrtsstaates und der Stärke der deutschen Wirtschaft. Deutschland ist hier ein Vorbild, genauso wie Aspekte der japanischen Wirtschaft und politischen Kultur von China adaptiert werden. Als Konfuzianer würde auch ich Deutschland und Japan als Vorbild nehmen.

Die USA sind kein Vorbild?
Die Chinesen studieren die Weltgeschichte, die Gründe des Abstiegs und Niedergangs der Großmächte. Man schaut auf die Grundlagen des chinesischen Neo-Merkantilismus und studiert daher die Anfänge der USA als industrielle Großmacht, was ebenfalls auf einem merkantilistischen Modell beruhte. China hat einen gemischten Kapitalismus, eine solche Zusammenarbeit zwischen Staat und Industrie gibt es eher in Europa, weniger in den USA. Darin sieht China einen Vorteil. Die USA mit ihrem freien Kapitalismus waren nie ein Vorbild für China. Europa ist das Vorbild. Nach der Finanzkrise von 2008 sehen sich die Chinesen vielleicht nicht als Gewinner, sie sehen sich aber auf dem richtigen Weg.

Die Finanzkrise war eine Art Geburtshelfer?
Die Exportmärkte der asiatischen Märkte befanden sich in der Krise. Eine enorme Herausforderung, die sie aber besser meisterten, als sie gedacht hatten. Sie handelten untereinander eben schon mehr als mit dem Westen. Die Krise des Westens hat die Stärke Asiens erst sichtbar gemacht.

Apropos Stärke: In Asien fehlt es an Demokratie, das ist doch eher eine Schwäche.
Wenn ich das höre! Es wohnen mehr Menschen in demokratischen Staaten in Asien als im ganzen Rest der Welt. Asien ist mehr als China, wo eine Diktatur herrscht. Es gibt mehr als zwei Milliarden Menschen, die in Demokratien leben. Allein in den letzten drei Monaten haben Wahlen in Indien, Philippinen und Pakistan stattgefunden, wo allein fast zwei Milliarden Menschen leben. Diese Verallgemeinerung ist also völliger Unsinn.

Und der Handelskrieg, wird er den wichtigsten Staat, China, nicht schwächen?
Die USA und China werden verlieren. Die Frage ist, welche Seite die Nachteile besser kompensieren kann und das können die Chinesen besser. Für die Chinesen sind die Nachbarstaaten und die Europäer größere Handelspartner als die USA. China kann die von den USA importierten Güter besser ersetzen.

Wenn die Welt nun asiatisch ist, dann ist da doch nichts Neues, das war sie bis ins 19. Jahrhundert doch immer.
Wir leben immer noch in einer europäisierten und amerikanisierten Welt. Das sind Schichten in der historischen Entwicklung, die bleiben werden. Elemente der Europäisierungen im 19. Jahrhundert werden immer Bestand haben. Jetzt kommt eine neue Schicht. Die Asiaten halten sehr, sehr viel von der westlichen Prägung. Was jetzt kommt, ist eher eine Mischung der kulturellen Formen. Es geht nicht darum, dass der eine den anderen ersetzt, sondern um das Gemeinsame.

Interview: Michael Hesse

Zur Person

Parag Khanna, geboren 1977 in Kanpur (Indien), ist Politikwissenschaftler, Strategieberater und Publizist. Er arbeitete u.a. für den Council on Foreign Relations, das World Economic Forum und als außenpolitischer Berater der Präsidentschaftskampagne von Barack Obama. Heute lehrt Khanna an der Nationaluniversität Singapur. Er ist CNN-Experte für Globalisierung und Geopolitik, regelmäßig veröffentlicht er Artikel und Essays in verschiedenen Zeitungen. Khanna ist Autor mehrerer Bücher, darunter „Der Kampf um die Zweite Welt“ (2008) und „Wie man die Welt regiert“ (2012). Sein neues Buch „Unsere asiatische Zukunft“ erscheint im Oktober im Rowohlt Verlag.

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