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Das weite Feld

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Von: Christian Thomas

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Heute wird die letzte Stele des Holocaust-Mahnmals installiert: Überlegungen zu einer autonomen Skulptur und einem MonumentDer letzte Betonblock auf dem Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals wird in Berlin installiert. Der Architekt Peter Eisenman hat sich bei seiner Skulptur für einen kompromisslosen Minimalismus entschieden. Das Ergebnis ist ein weites Feld des Vieldeutigen.

Noch hält der Bauzaun zurück vom Besuch. Noch hält er die Passanten auf Distanz. Doch bald werden in Berlin zwei überirdische Irrgänge begehbar sein, nach dem E.T.A.-Hoffmann-Garten im Hof des Jüdischen Museums auch derjenige, der durch das Holocaust-Mahnmal errichtet werden soll. Der E.T.A.-Hofmann-Garten stammt von Daniel Libeskind; seit 1999, mit Eröffnung seines Museums, ist er ein in die Schräge gebrachter Beton-Wald, ein Hain aus 49 Beton-Stelen, bepflanzt mit Ölweiden.

Gar über 2700 Stelen hat Peter Eisenman anbauen lassen. Aus ihnen wachsen keine Ölweiden. Kein erzählerisches Ornament, keine forcierte Rhetorik. Der Dekonstruktivismus, zu dem sich in der Architektur beide bekennen, Eisenman genauso leidenschaftlich wie Libeskind, und der im Falle des Jüdischen Museums auch deklamatorische Wege gesucht hat, scheint im Falle des Holocaust-Mahnmals ausgesetzt.

Noch hindert der Bauzaun am Eintritt. Doch schon lässt sich das monumentale Stelenfeld erfahren. Dass es wegen der unterschiedlichen Höhe der Betonblöcke gar wogt, ist, wenn man es wortwörtlich sehen möchte, die pure Übertreibung. Es sei denn, man glaubt an die Brisanz von Metaphern. So, zumal nachts, wenn der Passant an dem Mahnmal vorbeigeht, bilden die von 30 Zentimeter bis zu annähernd fünf Meter hohen Betonquader eine wellige Landschaft; fast möchte man dann an ein steinernes Tuch denken. Bei Tage ordnen sich die Quader, die wie in Reih und Glied errichtet worden sind, zu Gassen. Über das, was immer wieder bereits als ein Labyrinth bezeichnet worden ist, hat der Architekt Eisenman einen grid gelegt. Ein Raster, ein starres Schema für darin ein wenig mehr als menschenschulterbreite Gassen.

Peter Eisenman hat in den Interviews zu seinem Mahnmal den Gewissheiten beharrlich eine Absage erteilt. Wo sich die Gespräche dem Symbolgehalt seines Bauwerks näherten, sind eindeutige Antworten verweigert worden. "Place of no meaning" hat Eisenman den von ihm in der Nachbarschaft von Brandenburger Tor und Tiergarten, von Pariser und Potsdamer Platz errichten Gedächtnisraum einmal genannt. Die Gedanken, die Eisenman bei solchen Gelegenheiten anstellte, umkreisten ein rückhaltlos modernes Bauwerk. Der Hegemonie der Medienbilder, die sich der Erinnerung an den Holocaust längst bemächtigt haben, ist Eisenman mit der Abstraktionszumutung einer modernen Skulptur begegnet.

Der heute 72jährige Eisenman hat im Laufe seiner Architekturkarriere auf mancherlei gebaut - vor allem auf die Verunsicherung seines Publikums. Sein Theoriegebäude hat im Gewebe der Stadt immer wieder Baukörper hinterlassen, die sich wie schmerzende Fremdkörper ausnehmen. Denn Eisenman ist alles andere als ein Stadtbaumeister. Der Ensemblegedanke der Architektur ist ihm so fremd wie der in der Stadtentwicklung.

Eisenmans Ästhetik der Differenz will die gebaute Skulptur in Szene setzten. Ebenfalls für Berlin sah er das Max-Reinhardt-Haus vor, mit dem Bau in Erinnerung an den großen Theaterregisseur einen gewaltigen Hochhausturm, den er der Metropole wie ein monumentales Stadttor implantieren wollte. Es ist nicht dazu gekommen, dass sich eine gigantische Spange in der Form eines Moebiusbandes in vielfältigen Faltungen und bizarren Verdrehungen aufwerfen sollte.

Eisenmans philosophisch begründete Splitterästhetik ist zum Bauplan für zahlreiche seiner Gedankengebäude geworden. Gemessen an der bewusst herbeigeführten Störung der Perfektion ist der kompromisslose Minimalismus seines Holocaust-Mahnmals augenfällig. Man wird sich an diesem Ort daran gewöhnen, dass Eisenmans Gedächtnisraum ein Verstörungsraum ist: das weite Feld des Ungewissen. Dazu hat Eisenman nicht in Inhalte, sondern in eine Ästhetik des Ausdrucks investiert. Noch kann man das Mahnmal nicht betreten, doch angesichts der Erinnerung an das Grauen scheint das Holocaust-Mahnmal dazu gemacht, die Grenzen des begrifflichen Denkens abzustecken und die Bedeutung der vielfältigen Figur, des Signifikanten zu betonen. Damit, so scheint es, wird in Berlin-Mitte, an historischem Ort, nicht nur den gut gemeinten Therapieangeboten eine Absage erteilt. Überhaupt, so lässt es sich bereits vom Bauzaun aus ausmachen, erlebt das Symbolische, erpicht auf Eindeutiges, seinen Exodus zwischen den Steinquadern.

Aus der Philosophie Hans Blumenbergs wissen wir um die Erklärungsnot nicht nur der Begriffswelt, sondern auch der in ihr wichtig tuenden Symbole. Blumenbergs Philosophie bestand in dem Anliegen, die Metapher zu rehabilitieren. Er sah in ihr eine Unruhestifterin, die die Fundamente und Garantieleistungen der Symbole nachhaltig zu verunsichern weiß.

Die Metapher setzt Bedeutungen frei jenseits mutmaßlicher Eindeutigkeit. Die Metapher steckt gleichsam einen Irrgarten an Bedeutungen ab. Als solche ist sie in der Welt der Symbole ein Fremdkörper. Darüber hinaus erhebt sich die Frage, ob nicht die Metapher Einspruch gegen die Debatte um das Mahnmal erhebt? Mit Blick auf deren Hegemonie (die dogmatische Behauptung, die Debatte sei bereits das Monument) zeigt sich Eisenmans Skulptur widerständig.

Die schmerzende Metapher

Der Fremdkörper als Resonanzkörper des Ungewissen. Das Stelenfeld als schmerzende Metapher. Allein in der Metapher rumort, so Blumenberg, ein Rest, eine Ahnung, die an den konventionellen Traditionsbeständen keinen Halt findet. Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum sich Peter Eisenman das Mahnmal immer schon als einen "Ort der Stille" gewünscht hat.

Schiefergrau ist auch der Betonblock, der heute als letzter in das Ensemble gesetzt wird. Bahndammschotterfarben ist die letzte Stele, die platziert wird in eine Kolonne der Gedenksteine. Für den Bauzaungast ist heute bereits absehbar, dass er sich als Passant, wenn er denn dieses Stelenfeld aufsucht, zwischen unterschiedlich hohen, nackten Betonkörpern, auf einem wie gewellten, einem sich mal aufwerfenden, mal abgesenkten Untergrund bewegen wird. Es geschieht im Rahmen eines monumentalen orthogonalen Rasters, das zur Orientierungslosigkeit genutzt werden kann.

Mit dem Berliner Holocaust-Mahnmal soll der Ermordung der sechs Millionen europäischer Juden durch Nazideutschland gedacht werden. Der Tag der Einweihung, im Mai des kommenden Jahres, wird auch der Tag der Anstrengung der Begriffe sein. In diesen Zusammenhang gehört auch der Gedanke, ob für Peter Eisenman, der an seinem Entwurf letztendlich festgehalten hat wie an einem autonomen Kunstwerk, dieser Gedenktag nicht auch zu einem der verzweifelten Dogmatisierungen und unangemessener Symbolpolitik wird. Eisenman wird einem Tag entgegensehen, an dem die Unterordnung seiner Skulptur unter das begriffliche Denken Rechnung getragen wird.

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