Amanda Palmer.

Amanda Palmer

Und weit reicht die Stimme

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Amanda Palmers famoses Album „There Will Be No Intermission“.

Mein persönlichstes Album“ – wenn eine Amanda Palmer das sagt, darf man ihr abnehmen, dass sie es auch so meint, mag diese Formel in der Anpreisung von Produkten in der Pop- wie erst recht der Schlagerbranche auch noch so abgedroschen sein. Nun also gibt Amanda Palmer diese Worte ihrem Album „There Will Be No Intermission“ bei, ihrem ersten nach sechs Jahren. Tatsächlich mutet die Form, in der sie eigene Erfahrungen der vergangenen Jahre zu Songs verarbeitet hat, außergewöhnlich unmittelbar. Quasi wie aus dem Alltag heraus, in einer ansprechenden Weise. Bekannt geworden ist die US-amerikanische Sängerin und Pianistin Mitte der nuller Jahre mit dem Duo Dresden Dolls, das seinen konzeptuellen Ansatz zwischen der Unterhaltungskultur im Berlin der Weimarer Republik und dem New Yorker CBGBs auf den Punkt treffend als „Brechtian Punk-Cabaret“ apostrophiert hatte.

Die Musik auf Amanda Palmers drittem Soloalbum ist in einer theatralischen Art aufwühlend, der Gesang exaltiert und pathetisch – und eben zugleich auch wieder ganz intim. Bei den Songs handelt es sich im Kern zumeist um Klavierballaden, das ein oder andere Mal aber begleitet Palmer ihre Stimme auf der Ukulele. Zehn Lieder sind es an der Zahl, manche davon von ausladend epischer Dimension, die längsten dauern beinahe elf Minuten, länger und immer länger fließen die Gedanken, in einer faszinierenden Art. Zwischen den Songs eingeschoben sind instrumentale Interludien von filmmusikalischem Charakter. Eines davon hat den herrlichen Titel „You Know the Statistics“; die Titel der Zwischenspiele tauchen im Übrigen an ganz anderer Stelle des Albums als Songzeile wieder auf.

Eines sind diese Songs nicht: griffig, im Sinne eines Pop-Appeals. Am Anfang, in „The Ride“, steht ein Zitat des amerikanischen Comedians Bill Hicks: „The World Is Like a Ride In an Amusement Park“, frei übertragen: Die Welt ist wie eine Achterbahnfahrt. Amanda Palmer handelt von erschütternden Erlebnissen wie dem Krebstod eines Freundes, von Abtreibung und Fehlgeburt – und den starken Forderungen eines Lebens als Mutter.

Die musikalische Struktur der Songs folgt praktisch durchweg dem immergleichen, sich indes nicht abnutzenden Muster. Weitreichend wird die Stimme bloß von einem einzigen Instrument begleitet, stellenweise nur kommen kurz beispielsweise ein atmosphärischer Synthiesound, ein Bass oder ein Chor ins Spiel. Und wieder geht es zurück zu Stimme und Klavier oder eben Ukulele. Song für Song, über 76 Minuten hinweg, gelingt es Amanda Palmer, einen in ihren Bann zu ziehen. Bei aller Dramatik – das ist ihre paradoxe Qualität seit jeher, auch schon bei den Dresden Dolls – bleibt sie darüber völlig unprätentiös.

Amanda Palmer hat die Produktion dieses Albums – durch John Congleton, der schon für die Swans, Sigur Rós, Conor Oberst gearbeitet hat – wiederum per Crowdfunding über die Plattform Patreon als Rekordhalterin mit bislang 12 000 Unterstützern finanziert. Ein Textheft hat sie leider nicht beigelegt. Stattdessen aber eine Kollektion von elf sogenannten „Mini Art Prints“, herausragenden Fotoinszenierungen mit Palmer als Rollenspielerin in einer romantischen Tradition, was im Sinne der Idee vom Gesamtkunstwerk zu sehen ist.

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