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Lebhaft ging es 1848 in der Frankfurter Paulskirche zu, auch stürmisch, zumal wenn es in der Nationalversammlung um Preußen ging.

Arthur Schopenhauer

Zur Weißglut gebracht

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Im September 1848 sah sich Arthur Schopenhauer von Revolutionären bedrängt. Dritter und abschließender Teil eines Rückblicks auf Tage der Empörung in Frankfurt, in Deutschland, im Kopf des Philosophen.

Diese Revolution wollte nicht nur den Fortschritt, sie nutzte ihn. Sie unterschied nicht nur zwischen Stillstandsmenschen, Rückschrittsmenschen und Fortschrittsmenschen, sie nutzte die treibenden Kräfte der Maschinen, die allein Betrieb und Bewegung zuließen. Die 48er-Revolution wäre keine geworden ohne die Fortentwicklung der Produktivkräfte, den Webstuhl, die Dampfmaschine. Kein Halt mehr, und ein Halten auch nicht. 

Denn keine Revolution in diesen Tagen ohne so eine neue Errungenschaft wie die Eisenbahn, aber auch keine Gegenrevolution. Im Postbahnhof erreichten die Demonstranten, die von auswärts herangeschafft wurden, Frankfurt. Es war den Empörten ernst; dem Militär, das in der Festung Mainz ebenfalls auf die Bahn gesetzt wurde, aber auch. Im Jahr der allgemeinen Mobilisierung von Emotionen und Hoffnungen bekam die Mobilität eine vollkommen neue Qualität. 

In dieser Zeit der Beschleunigung gingen die Unzufriedenen auf die Straße und probten den Straßenkampf, mit Paulskirchenstürmung, mit Barrikaden, mit einem brutalen Doppelmord auf offener Straße, denn die Aufrührer wollten Schrecken verbreiten. Zur Wahrheit gehört auch, dass eines der beiden Opfer, Fürst Felix Lichnowsky, einer der schillerndsten Figuren unter den aufreizenden und frivolen Selbstdarstellern des Frankfurter Parlaments, in die Menge geschossen hatte. 

Der Historiker Veit Valentin nannte den Fürsten einen „adeligen Landsknecht“, Kriegslust trieb ihn nach Spanien, als „Spanienkämpfer“, der in dem äußerst brutalen Krieg der spanischen Krone gegen die Guerilla seine Revolutionserfahrungen gesammelt hatte, war ihm bewusst, was Eskalation bedeutete. 

Nach dem fehlgeschlagenen Sturm der Paulskirche tagte das Parlament weiter – ohne dass die mittlerweile tobenden Kämpfe dort bekannt geworden wären, weder der Barrikadenbau der Revolutionäre, noch das Heranrücken der preußischen und österreichischen Bataillone, über die Landstraße, auf Schienen. Ruhig, so Valentin, fuhren die Abgeordneten „in ihren Beratungen fort, während sich schon die Parlamentsstadt zum Kampf um das Parlament rüstete. In der Pause traten die Abgeordneten auf den Paulsplatz hinaus. Die Stimmung war ganz friedlich. An die Soldaten hatte sie sich schon gewöhnt. Die Menge schien sich so gut wie verlaufen zu haben. Die Sonne schien warm. Es war ein wundervoller, reiner Herbsttag.“ 

Am Ende des Tages dennoch 80 Tote. Dass die Frankfurter Ausstellung zum 200. Geburtstag von Arthur Schopenhauer, 1988, kein Sterbenswort über diese zwei, drei auch den Denker aufwühlenden Tage verlor, ist erstaunlich (oder denkwürdig). Wo doch Frankfurt ein zweifellos besonders unruhiges Pflaster war. In der Stadt war man in den Jahren vor der Revolution darangegangen, die ersten Straßen zu befestigen. Dass dann die Aufrührer anfingen, das Pflaster aus dem Boden zu reißen, hatte sicherlich den Grund, um sich zu munitionieren. Aber womöglich spielte auch ein Affekt mit, vage, unausgesprochen, nicht bewusst, ein anti-moderner Akt, gegen den Umbau der Stadt. 

Das unruhige Frankfurt war ein besonderes Pflaster. Dem berühmten Revolutionär Hecker, dem viele Revolutionäre nacheiferten, galt Frankfurt als die Hauptstadt der Revolution. Frankfurt war die heimliche Hauptstadt, Deutschlands Mittelpunkt auf jeden Fall. Heine allerdings spottete von Paris aus, aus der Weltstadtperspektive. Wiederum ein Stadthistoriker Frankfurts schwärmte 1910, rückblickend auf die Revolutionszeit: „Frankfurt war wirklich die ,Spindel, um die sich alles dreht.‘“ Das war eine kühne Behauptung. Mit Blick und im Rückblick auf den Verlauf der Revolution und die vehemente Konterrevolution in Wien und Berlin war ein solcher Lokalpatriotismus abwegig. 

Frankfurt hatte sich sicherlich verändert, doch schon vor den Tagen der Revolution. Die Festungsmauern waren niedergelegt worden, die Stadt war über die Stadtgrenze hinausgewachsen, und nicht nur das eine oder andere Ausflugslokal oder diese oder jene Villa, sondern Gewerbetriebe und Industrie. Im Rücken der gotischen Altstadt, den Main entlang, hatte der Stadtbaumeister Hess einen modernen Prospekt errichten lassen, eine Schaufront des Klassizismus. In einem der Häuser zur „Schönen Aussicht“ hatte sich der verschrobene Schopenhauer eingerichtet, als Einsiedler stadtbekannt. Eine auch nur lockere Assoziation mit diesem Verein oder jenem Clübchen in der Stadt – undenkbar. Keiner Anhängerschaft schloss er sich an, auch wenn er die Fraktion der Fürsten klar favorisierte. Herr Schopenhauer?

„Allerdings also ist das Volk souverain: jedoch ist es ein ewig unmündiger Souverain, welcher daher unter bleibender Vormundschaft stehn muß und nie seine Rechte selber verwalten kann, ohne gränzenlose Gefahren herbeizuführen.“ 

Schopenhauer, der massive Vorurteile hatte, ohne dass er dies eingestanden hätte, teilte den Hochmut des Ancien régime gegen die „Canaille“. Seine Aversion gründete in seinem Verständnis von Eigentum. Die Meute demonstrierte ihm schlagend, wie sehr der Wille die Welt, ein blinder, wilder Trieb, beherrscht. Der politische Aufruhr schien den Metaphysiker nur zu bestätigen. Die jüngsten Anläufe zur Verbesserung des Menschengeschlechts waren zu dramatisch verlaufen, als dass er den Optimismus der Menschenverbesserer hätte teilen können. Die Französische Revolution war für Schopenhauer ein grausiges Ereignis, angesichts der Gewaltexzesse verhielt sich jeder Menschenverbesserungsenthusiasmus entweder „ruchlos“ oder „albern“.

Das Schicksal in die eigenen Hände nehmen – das war die unausgesprochene Losung der Revolution, die im Namen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit antrat. Die empirischen Einwände des Reaktionärs waren metaphysisch begründet. Schopenhauers Einspruch gegen die Revolution galt einer Politik, die sich als Schicksalsmacht aufschwang, unübersehbar auch ihm gegenüber am 18. September 1848.

Durch die Aufständischen trat ihm das Ungestüm entgegen, ein ungebärdiger, ungezügelter Wille. Draußen die „Canaille“, hinter dem Fenster der Denker. Eine Konstellation, bei der sich zwei „Monster“ gegenüberstanden“. Nicht dass er den Zusammenstoß als Duell beschrieben hätte, aber in seinem Spätwerk spricht er von der Frontstellung zwischen Genie, dem „monstrum per excessum“, und dem „hirnlose Wüterich“, dem durch Leidenschaften gesteuerten Wesen. 
Das erklärt oder mag erklären, warum das „monstrum per excessum“, der durch ein Übermaß an Intellekt gesteuerte Schopenhauer in den Österreichern, in den „20 blauhosigen Stockböhmen“, die in seine Stube stürzen, „um aus meinem Fenster auf die Souveränen zu schießen“, Befreier sieht. Die Retter seines Eigentums, die bewaffneten Garanten seiner bürgerlichen Existenz, die Gewährsleute seiner Selbstbehauptung. 

Wenn er sich Sorgen um sein Eigentum machte, dann als jemand, der viele Jahre seine Rente verzehren konnte, ein beträchtliches privates Erbe. Rüdiger Safranski hat in seiner wahrhaftig großen, Schopenhauer in seiner ungeheuren Komplexität würdigenden Biografie den sarkastischen Satz formuliert: „In den Tagen der Revolution sieht man Schopenhauer zusammenschrumpfen auf den Selbsterhaltungswillen eines philosophierenden Couponschneiders.“ 

Die Aktivitäten der Aufrührer waren empörende Tathandlungen, die die Schützenhilfe für den Offizier rechtfertigten. Schützenhilfe? In der Tat dachte der Denker unmittelbar praktisch: „Ab dem ersten Stock rekognocirt der Offizier das Pack hinter der Barrikade: sogleich schicke ich ihm den großen doppelten Opernkucker.“   

Eine ungeheuerliche Handreichung. Eine ruchlose Tat, man kann es nicht oft genug wiederholen, womöglich einem Aufruhr in seinem Kopf geschuldet? Weil ihm die Ereignisse über den Kopf wuchsen? Einen solchen Eindruck vermittelt der Kopfmensch nicht. Zumal man spekulieren könnte – etwa so: Ausgeprägt seine metaphysische Skepsis gegenüber der Revolution, entschieden seine philosophischen Einwände gegen eine Ethik der Empörung, der er antimoralische Affekte unterstellte. Nicht auszuräumen war sein Zweifel an einem Altruismus, dem er nicht über den Weg traute, weil er im Menschen das egoistische Tier sah. 

Offenkundig sei der Egoismus amoralischer Natur, nicht direkt antimoralisch wie die Gehässigkeit, die aus Bosheit handele, deren Antrieb die Missgunst und der Neid sei, deren Motiv Rachsucht, und deren Mittel Grausamkeit. Zum Verhältnis von Egoismus und Gehässigkeit meinte er: „Die erste Wurzel ist mehr thierisch, die zweite mehr teuflisch.“ 

Erinnerte ihn die Anmaßung, die sich auf der Straße artikulierte, womöglich an das „physisch und moralisch vermaledeite Nest“ Berlin? Womöglich gar an die vermaledeite Berliner Philosophie, die das Ich absolut setzte. So wie das reine, transzendentale Ich des befehdeten Philosophieprofessors Fichte eine Chimäre war, so war der offensichtliche Egoismus der Empörer ein Affront. Der Irrsinn eines wild gewordenen Ich setzte sich selbst, der Egoismus setzte sich selbst. Das alles war nicht sein Ding. 

Die Ereignisse, denen er zusah, überstürzten sich, die Barrikadenkämpfe dauerten bis in die Nacht hinein, das hinderte Bürger der Stadt nicht, mit ihren Frauen am Arm durch Straßen und über Plätze zu spazieren, um die Dinge aus nächster Nähe zu inspizieren. Allerdings waren die Feuer der Biwakierenden keine neutralen Feuerstellen. 

Der Triumph der provisorischen Zentralgewalt, nicht des Senats der Stadt wurde gefeiert, er wurde ausgekostet. An den Lagerfeuern, neben den zusammengestellten Gewehrgarben, wurde ein Lied angestimmt, das ein auch antifranzösisches Kampflied war: „Mein Vaterland kannst ruhig sein, Treu steht und fest die Wacht am Rhein.“ Noch eine nationale Note in dieser gescheiterten sozialen Revolution. 

Für Schopenhauer brach im Anschluss an die gescheiterte Revolution eine erfolgreiche Zeit an; nicht unmittelbar an die niedergeschlagene Revolution geschah das, aber doch so allmählich und dann stetig. Mit Deutschland hatte er weiterhin nichts im Sinn: „Ich lege hier für den Fall meines Todes das Bekenntniß ab, dass ich die deutsche Nation wegen ihrer überschwenglichen Dummheit verachte, und mich schäme ihr anzugehören.“

Deutschland als Land, Deutschland als deutsche Nation, Deutschland als der deutsche Staat – das Zitat wurde zu einem geflügelten Wort für veritable Deutschlandverächter. Der Grund war eine gesteigerte Aufmerksamkeit, die er schließlich dann doch genoss, und er kostete sie aus. Aus welchen Gründen auch immer das Herbeizitieren geschah, ob aus Dummheit, Bekenntniszwang, aus Überschwang oder reiflicher Überlegung, es geschah.

Er wurde also doch noch berühmt. Seinen Lesern ist nicht entgangen, dass ihm für andere als monarchistische Verhältnisse das bürgerliche Bewusstsein und die soziale Phantasie fehlten. Es entsprach seinem Willen als Pessimist, dass er sich von der Demokratie einfach keine genaueren Vorstellungen machen wollte. Stattdessen sah er die Welt als Wille zum Weiterwurschteln. Auch so ein Kalauer, der ihn zur Weißglut gebracht hätte. 

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