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Ein Präsidentschaftsbewerber der Demokraten, Pete Buttigieg (l.), im Gespräch mit dem Bürgerrechtler Al Sharpton.

USA

Weil alle Politik lokal ist

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Religiöse Linke? In den USA geht das vielleicht.

Könnten Deutsche den US-Präsidenten wählen, würden sie Barack Obama zurückholen oder Bernie Sanders das Oval Office geben. Wer sich traut, riskanter, aber nicht völlig aussichtslos auf den Sieger der Präsidentschaftswahl im November 2020 zu wetten, der setzt jetzt auf Pete Buttigieg aus South Bend im US-Bundesstaat Indiana, von wo der auch für Politikexperten ziemlich Unbekannte im Washingtoner Politikzirkus aufgetaucht ist. Übersteht er die Ochsentour der Vorwahlen und zöge er gar ins Weiße Haus ein, wäre das nach dem ersten schwarzen Präsidenten die nächste Premiere – ein Schwuler an der Spitze der Vereinigten Staaten. 2015 machte Buttigieg seine Homosexualität öffentlich, 2018 heiratete er in der Sankt-Jakob-Kathedrale von South Bend seinen Partner Chasten Glezman, einen Lehrer.

Das mag die immer noch zahlreichen Schwulenhasser schockieren, aber die sind – 50 Jahre nach dem Stonewall-Aufstand in New York – nicht mehr stark genug, um diese Kandidatur zu diskreditieren. Zwei Drittel der Amerikaner unterstützen mittlerweile gleichgeschlechtliche Ehen. Erstaunlich ist da weniger Buttigiegs sexuelle Orientierung, als seine für Politiker der Demokratischen Partei unüblich freimütige Betonung des christlichen Glaubens. Peter Paul Montgomery Buttigieg ist Mitglied der Episkopalen, einem zwischen Protestanten und Katholiken stehenden Ableger der anglikanischen Kirche, deren Gemeinden zu den ältesten in Amerika gehören und durchweg liberal eingestellt sind. Indirekt wird Homosexualität doch wieder relevant: Nicht wenige Evangelikale sehen sie als eine Krankheit an, die mit einer Konversionstherapie zu heilen sei. Buttigieg hat sich mit dem der religiösen Rechten nahestehenden Vizepräsidenten angelegt: „Ich wünschte, die Mike Pences dieser Welt würden begreifen, dass, wenn du ein Problem damit hast, wer ich bin, nicht ich dein Problem bin, sondern du dich vielmehr mit meinem Schöpfer anlegst.“

Atheisten und Agnostiker horchen auf, wenn der selbstbewusste und dabei bodenständige 37-Jährige (der noch jünger wirkt) seine politischen Überzeugungen aus der biblischen Überlieferung ableitet, die ihn lehrt, „den Fremden, den Gefangenen, den Armen zu schützen“. Er verkündet eine „Willkommensidee“, wo der evangelikale Mainstream Diskriminierung und Unbarmherzigkeit aufbietet. Aus solchen Beweggründen spricht sich der Sohn eines aus Malta eingewanderten Professors, Harvard-Absolvent in Geschichte und Literatur und Rhodes-Stipendiat, gegen die von der religiösen Rechten geduldete oder angeheizte Fremdenfeindlichkeit aus, namentlich gegen das den meisten Amerikanern unerträgliche Auseinanderreißen geflüchteter Familien. Desgleichen ist Buttigieg für Klimaschutz und die Behandlung von Drogensucht als Krankheit. Von Freiheit, will er die Demokraten ermuntern, verstehen wir mehr als der Autokrat im Oval Office und marktblöde Republikaner, die frei nur von Staat und Steuern sein wollen.

Außerhalb Indianas, „The Hoosier State“ (unfreundlich mit Hinterwälder übersetzt), war „Mayor Pete“ bis zu Beginn des Jahres kaum bekannt. Dabei hätte sein Ruf als beliebter Bürgermeister der 100 000-Einwohner-Stadt South Bend, knapp zwei Autostunden von Chicago entfernt, längst über die Großen Seen im Mittleren Westen hinausreichen können – selbst wenn die Reporter vor Ort jetzt auch Kritiker aufspüren, die Mayor Pete vorwerfen, zu wenig für die Minderheiten und Armen getan zu haben, wie der scharfzüngige Nathan Robinson in der von ihm herausgegebenen progressiven Zeitschrift „Current Affairs“.

Es ist kein Nachteil, aus der Provinz zu stammen

In den USA, wo alle Politik lokal ist, ist es politisch kein Nachteil, aus der Provinz zu stammen, und so füllte sich Buttigiegs Kriegskasse rasch, die man für eine Bewerbung benötigt (Lobbyistengeld wies er zurück). Der Kandidat stieg in den Meinungsumfragen auf Platz 3 hinter Joe Biden und Bernie Sanders; diesen Geronten zeigt er das Gesicht eines Millennials, der keine Skandale zu verheimlichen und nur einen schwer zu merkenden Namen hat: Boudidjidj.

Die Erfahrungen, die der Unaussprechliche in der Privatwirtschaft wie in der öffentlichen Verwaltung erworben hat, qualifizieren ihn für das Ethos öffentlicher Ämter, in denen nun auch ganz oben vor allem Ranküne, Vetternwirtschaft und schlichte Dummheit herrschen: der geborene Anti-Trump. Gegen den weißen Nationalismus setzt der Navy- und Afghanistan-Veteran einen Gemeinsinn, den viele Familien und Arbeitsstätten nicht mehr bieten. Vielleicht kann er, ein Vertreter der Ivy-League- und McKinsey-Elite, eine Brücke bauen zu jenen „Deplorables“, die Hillary Clinton nicht erreichen konnte.

Indiana ist ein „Trump-Staat“, viele Arbeiter sind dort gegen Immigranten eingestellt. Buttigieg verurteilt sie nicht; für ihn sind sie Opfer einer verhängnisvollen Rhetorik, die Menschen klein macht, Ängste anfeuert und in Zeiten zurückblickt, als angeblich alles besser war. Dagegen setzt der junge Mann eine so patriotische wie weltoffene „American Greatness“ und eine bessere Zukunft mit einem „Green New Deal“. Die Präsidentschaftswahl 2020 wird wohl im Mittleren Westen entschieden. Geht es nach Buttigieg, sollen die Demokraten Trumps Hetze nicht mit einer Rhetorik offener Grenzen und Identity Politics begegnen, sondern mit pragmatischen Vorschlägen für geregelte Immigration, die Legalisierung der Papierlosen und die Einbürgerung von Geflüchteten. Buttigieg will die derzeit niedrigste Quote seit Jahrzehnten für Asylbewerber erhöhen. „Die größte Nation der Erde muss nichts fürchten von Familien, die der Gewalt entfliehen wollen, und ihre Kinder sollten wissen, dass sie von dem besten Land der Welt nichts zu fürchten haben.“

Für viele Liberale und Linke, speziell in Europa, ist das längst zu viel Religion und Patriotismus. Aber Amerika ist anders, selbst wenn Kirchenbesuch und Volksgläubigkeit in den letzten Jahren rückläufig waren. In der Demokratischen Partei überwiegen die „nones“, Menschen, die keine Konfession ankreuzen, und Hillary Clinton hat 2016 mit Rücksicht darauf einen ausdrücklich nichtchristlichen Wahlkampf geführt.

Buttigieg steht für das Experiment einer „Religious Left“, und eine gute Mischung aus Bürgermeisterschlauheit und Glaubenszuversicht ist vermutlich das probate Mittel gegen eine zweite Amtszeit Trumps. South Bend ist nicht Amerika, aber irgendwie doch. Wäre ich Amerikaner, ich setzte auf ihn.

Der Autor ist Politologe und lehrte viele Jahre in den USA.

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