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Edouard Daladier, französischer Premier, unterschreibt das Münchner Abkommen. Außenminister Joachim von Ribbentrop (r) und Hitlers persönlicher Adjudant Julius Schaub (2. v. r.) sehen nicht nur zu.

80 Jahre Münchner Abkommen

Wehret den Anfängen!

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Wie umgehen mit Diktaturen? Eine Erinnerung ans Münchner Abkommen.

Blicken wir kurz auf Wikipedia: „Das Münchner Abkommen (offizielle Bezeichnung: Abkommen zwischen Deutschland, dem Vereinigten Königreich, Frankreich und Italien, getroffen in München am 29. September 1938) wurde in der Nacht vom 29. auf den 30. September 1938 vom deutschen Reichskanzler Adolf Hitler, dem britischen Premierminister Neville Chamberlain, dem französischen Ministerpräsidenten Édouard Daladier und dem italienischen Regierungschef Benito Mussolini geschlossen. Die Tschechoslowakei und die mit ihr verbündete Sowjetunion waren zu der Konferenz nicht eingeladen.

Das Abkommen bestimmte, dass die Tschechoslowakei das Sudetenland an das Deutsche Reich abtreten und binnen zehn Tagen räumen musste. Der Einmarsch der Wehrmacht begann am 1. Oktober 1938. Ein internationaler Ausschuss sollte die künftigen Grenzen festlegen und Volksabstimmungen in weiteren Gebieten überwachen. Ähnliches war für die polnischen und ungarischen Minderheiten in der Tschechoslowakei vorgesehen. Polen besetzte infolge des Abkommens am 2. Oktober 1938 das Teschener Gebiet. Nach bilateralen Gesprächen erhielt Ungarn im Ersten Wiener Schiedsspruch am 2. November 1938 Gebiete in der Südslowakei und der Karpatoukraine. Mit dem Münchner Abkommen wurde die Sudetenkrise beendet.“

Die sogenannte Sudetenkrise war in den Jahren zuvor von Teilen der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei und dem nationalsozialistischen Deutschland geschürt worden. Der Wikipedia-Eintrag macht deutlich, dass es der NS-Regierung gelang, auch Polen und Ungarn zu Komplizen bei der Zerschlagung der Tschechoslowakei zu machen.

Chamberlain glaubte, nur so den Frieden zu bewahren

Das Münchner Abkommen wird immer wieder herangezogen, wenn es darum geht, sich klarzumachen, wie man mit diktatorischen Regimes umgeht. Kann man ihnen entgegenkommen oder vermehrt durch jedes Zugeständnis den Appetit der Machthaber? Die haben sich ja meist seit Jahren der innenpolitischen Opposition entledigt und sind dort an Widerspruch nicht mehr gewöhnt. So wird dann bald jeder Staat, der sich ihrer Außenpolitik entgegenstellt, als ebenfalls zu beseitigender Feind betrachtet.

Ist es richtig, sich den Diktatoren möglichst früh entgegenzustellen – wehret den Anfängen! – oder sollte man versuchen, ihnen etwas hinzuwerfen, das sie erst einmal verdauen müssen, um so Zeit zu gewinnen?

Das Münchner Abkommen von vor achtzig Jahren bietet sich für solche Überlegungen an, weil es damals – jedenfalls in der britischen Diplomatie – zwei klar zu unterscheidende, bestens dokumentierte Haltungen gab. Natürlich steht der objektiven Betrachtung der Entscheidungen der damaligen Verhandlunspartner die weitere Entwicklung massiv im Wege.

„Frieden für unsere Zeit“ meldete Chamberlain, als er mit dem Ergebnis nach London zurückkam. Nachdem nicht einmal ein Jahr später, am 1. September 1939, deutsche Truppen in Polen einmarschiert waren, entschieden sich Großbritannien und Frankreich dafür, den Beistandspakt mit Polen zu erfüllen und erklärten dem Deutschen Reich am 3. September den Krieg. Das war der Anfang des Zweiten Weltkrieges. Damals stand die Sowjetunion noch an der Seite des Naziregimes und marschierte am 17. September in Ostpolen ein. Das änderte sich erst, als am 22. Juni 1941 Wehrmachtstruppen in der Sowjetunion einfielen.

Erst damals entstand die kriegsentscheidende Koalition zwischen den Westmächten und der Sowjetunion, die Winston Churchill (1874-1965), der Widersacher Neville Chamberlains (1869-1940), schon vor dem Münchner Abkommen angestrebt hatte. 

Wer Entscheidungen bewerten will, der darf sich nicht darauf beschränken, anzuschauen, was passiert ist. Er muss sich auch anschauen, was passiert wäre, wenn man sich anders entschieden hätte. Über „Appeasement“ („Beschwichtigung“) oder Konfrontation kann man sich nur mittels einer kontrafaktischen Betrachtung Gedanken machen. Die ist verpönt, weil voller Konjunktive.

Hätte man nicht am 12. März 1938 dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich zugeschaut, wäre nicht mit einem Mal die Tschechoslowakei das nächste Ziel Hitlers gewesen. Wäre man 1936 der von General Francisco Franco bedrohten spanischen Republik zu Hilfe geeilt und wäre der Intervention von faschistischen und nationalsozialistischen Einheiten entgegengetreten, man hätte den Diktatoren gezeigt, dass sie nicht durchmarschieren können, wenn sie nur energisch genug auftreten. 

Als Benito Mussolinis Truppen am 3. Oktober 1935 das Kaiserreich Abessinien annektierten, als ersten Schritt zur Wiederherstellung eines das Mittelmeer überwölbenden Römischen Reiches, da regnete es zwar Protestnoten, aber niemand trat seinen Streitkräften entgegen. Wohl auch darum, weil Abessinien neben Liberia der letzte nicht-kolonisierte Staat Afrikas war. Erst nachdem Italien 1941 in den Zweiten Weltkrieg eingetreten war, vertrieben britische und französische Truppen die Italiener aus Abessinien.

Winston Churchill betrachtete es stets als entscheidenden Fehler der Politik der Westmächte, dass sie am 7. März 1936 zugeschaut hatten, als Hitlers Truppen ins aufgrund des Friedensvertrags von Versailles entmilitarisierte Rheinland einzogen.

Dass die Westmächte Mussolini, Hitler und Franco gewähren ließen, hat sicher mit der Sowjetunion, mit der Vorstellung, die Diktatoren böten den besten Schutz gegen sie, zu tun. Man darf auch nicht übersehen, wie sehr gerade führende Kreise in Großbritannien und Frankreich mit autoritären Lösungen liebäugelten. Daneben aber drängt sich jedem, der die Auseinandersetzungen von damals liest, der Eindruck auf, dass der Friedensvertrag von Versailles, seine territorialen, seine finanziellen, militärischen und politischen Regelungen auch von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges inzwischen sehr kritisch gesehen wurden.

Angesichts der Begeisterung der Österreicher für die Integration ins Deutsche Reich erschien jede Intervention dagegen sich von selbst zu verbieten. „Ein Volk, ein Reich“ – das verstanden auch Demokraten, die kein Verständnis hatten für die letzte Note des Dreiklangs: „ein Führer“. Warum sollten französische oder britische Soldaten geopfert werden für die Unabhängigkeit einer Nation, die so froh war, sie endlich loszuwerden?

Vor 1939 wusste niemand, was 1939 bringen würde. Das stimmt natürlich. Andererseits aber belehrt gerade das Münchner Abkommen uns darüber, dass Politik nicht auskommt ohne ein Bild von der Zukunft. Neville Chamberlain sah seine historische Mission darin, zu zeigen, dass es möglich war, die europäischen Diktaturen, die wie die europäischen Demokratien ein Ergebnis des Ersten Weltkriegs waren, zu „beschwichtigen“. Das war für ihn die einzige Möglichkeit, einen neuen Weltkrieg zu verhindern. Churchill dagegen glaubte, dafür müssten kleine Kriege geführt werden, die den Diktatoren deutlich machten, dass ein neuer „Griff nach der Weltmacht“ ebenso enden würde wie der zuvor.

Inzwischen weiß man, wie sehr das Interesse des Reichs an den Sudetendeutschen anstieg nach der erfolgreichen Einverleibung Österreichs. Für die Hitler sich erst wenige Tage zuvor endgültig entschieden hatte. Wer „Mein Kampf“ liest und mit Hitlers Politik vergleicht, der erliegt leicht dem Irrtum, die sei nichts als die Verwirklichung früher Pläne gewesen. In Wahrheit war es so, dass Hitler sich immer wieder viele Wege offen hielt, dass er aber, sobald er eine Chance witterte, das Maximum herauszuschlagen, sie ergriff. Selten geschah das, ohne sich zu vergewissern, wer sich denn wirklich entschlossen gegen ihn stellen werde.

Diktatoren regieren mit Gewalt

Die Vorgeschichte des Einmarsches in Österreich belegt das ebenso gut wie die des Münchner Abkommens. Diktatoren mögen gezeichnet sein von Größenwahn und unfassbarem Ehrgeiz. Aber beides muss sie nicht blind machen. Sie regieren mit Gewalt. Sie wissen darum, wie man sie einsetzt. Sie wissen auch, dass es ohne Schläue nicht geht. Hitler, Mussolini und Stalin waren Experten in der Ausübung der Macht, in der Unterwerfung nicht nur von Apparaten, sondern auch von Menschenmassen.  Diese Eigenschaften, Erfahrungen hatten sie den demokratischen Regierungschefs ihrer Zeit voraus. Wer davon ausgeht, dass er sich nur der Gewalt beugen wird, ist mehr zu riskieren bereit, ist also stärker, als ein Demokrat, der bereit ist, jedem ordentlich gewählten Nachfolger und sei es ein noch so großer Verbrecher, das Feld zu räumen.

Diktatoren hatten es leicht in den krisengeschüttelten Demokratien der Zwischenkriegsjahre und sie hatten es leicht in einer Welt, die darauf setzte, dass alles darauf ankäme, miteinander im Gespräch zu bleiben. Sie konnten das gut. Wer mit ihnen sprach, statt sich ihnen entgegenzustellen, der hatte – in ihren Augen – sich schon ergeben. Das war nicht falsch. Bis es dann doch falsch wurde. Ihr Erfolg blendete sie. Sie erkannten nicht mehr ihre Lage. Bevor sie von den gegnerischen Truppen besiegt wurden, waren die Diktatoren besiegt worden von ihren Siegen. Viel zu spät. Nach wohl 65 Millionen Toten.

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