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Eine Figurine der Vinca-Kultur aus der Jungsteinzeit. Der Fundort im heutigen Serbien wird zur Donauzivilisation gezählt.

Von wegen dunkel!

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Plädoyer für eine nachhaltige Beschäftigung mit Alteuropa und der bis zu 8000 Jahre alten Donauzivilisation, die Grundwerte vorgelebt hat.

Ohne Grundwerte funktioniert keine Zivilisation. Was aber, wenn sie mehr beschworen als gelebt werden? Dann stehen die Zeichen auf Sturm. Im Umbruchsgebrause der Europäischen Union suchen wir nach Modellen, die dieses Bündnis nicht nur zusammenhalten, sondern alle Beteiligten den Wert des Zusammenschlusses spüren lassen.

Der Blick in eine Zeitspanne, in der egalitäre Gesellschaften verschiedenster Regionen friedlich nebeneinander existierten, miteinander und weit über die Regionen hinaus Handel trieben und alle davon profitierten, kann hier Orientierung geben. Die Rede ist von einer der ältesten Zivilisationen der Welt: Alteuropa, das – einmalig in der Menschheitsgeschichte – über mehr als 3000 Jahre Bestand hatte.

Die Europäische Union wurde in einer Ära ungetrübter politischer Perspektiven konsolidiert und die Grundwerte auf die Fahnen des Fortschrittsglaubens geschrieben. Das waren die 1990er Jahre, als man meinte, der Kalte Krieg sei unwiderruflich vorbei, das Demokratieverständnis würde nun auch in den ehemaligen sozialistischen Staaten Wurzeln schlagen und die EU würde beständig erweitert. 

Doch der Glaube an die heilende Kraft demokratischer Ordnung und Grenzen überschreitender Kooperation zerbröselte. Wie schwach unser Demokratieverständnis und unsere Bereitschaft zu solidarischer Kooperation in der EU ist, hat sich deutlich mit der Krimkrise, dem Krieg in Syrien und dem internationalen Flüchtlingselend gezeigt. 

Auch innerhalb der EU kriselt es, wo die Schimären des Populismus und Nationalismus ihr Unwesen treiben. Wie nahe wir an einem offenen Konflikt stehen, zeigt uns die Krise um Katalonien. Sollen mehr politische Grenzen neuer unabhängiger Nationalstaaten die Einheit der EU zerschneiden? Soll die Selbstbestimmung der Regionen von zentraler nationaler Regierungsgewalt oder von der Brüsseler Kommission auf dem Altar des Gemeinwohls der EU geopfert werden? 

Umso mehr sind die Grundwerte gefragt, obwohl die politische Führung in einigen EU-Ländern damit zu experimentieren scheint, sie über Bord zu werfen. Welche Grundwerte meinen wir? Den folgenden idealen Bedingungen wird wohl kaum jemand widersprechen: das Recht auf Selbstbestimmung, die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Gesellschaft und in öffentlichen Entscheidungsprozessen, Prinzipien einer sozialen Marktwirtschaft, Freiheit des Individuums, sein Handeln zu bestimmen. 

Es heißt, die Griechen der Antike hätten irgendwann (genauer gesagt, im Jahre 507 v. Chr.) die glänzende Idee gehabt, eine demokratische Ordnung mit Grundwerten einzuführen. Kleisthenes wird gleichsam als der Erfinder der Demokratie in Athen gepriesen. Jeder Bürger erhielt das Recht, über die Zusammensetzung der Volksversammlung (ekklesia) abzustimmen. Nun ja, die Selbstbestimmung und die Gleichberechtigung hatten damals keinen absoluten Wert. Die Frauen von Athen hatten das Bürgerrecht, aber kein Stimmrecht. Sie waren also keine Stimmbürger, sondern Stummbürger. Und die griechische Gesellschaft war ohnehin geteilt, in Freie und Unfreie, und die Unfreien (Sklaven) hatten natürlich keinen Anteil an demokratischen Entscheidungsprozessen. Wenn wir also in der historischen Retrospektive die Athener Demokratie als weltbewegende Errungenschaft feiern, ist das genau genommen Augenwischerei.

Und was ist mit den Idealen der Französischen Revolution von 1789? „Liberté, égalité, fraternité“ sind klingende Begriffe. Das Verhältnis dieser Grundbegriffe zueinander war aber bereits zur damaligen Zeit widersprüchlich. Der Begriff „Gleichberechtigung“ suggeriert, dass es hier um die Gleichheit der Menschen wie auch um die Gleichstellung der Geschlechter geht. Aber der Begriff „Brüderlichkeit“ zeigt bereits die Einschränkungen. Die Gleichstellung der Geschlechter war lediglich ein Lippenbekenntnis der damaligen Revolutionäre. 

Die Idee der Freiheit des Individuums und seiner Gleichheit vor dem Gesetz, von den Gründervätern Amerikas in der Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1776 zur Ikone erhoben, hatte ebenfalls nur begrenzten Wert. Zum damaligen Zeitpunkt war die Abschaffung der Sklaverei unpopulär, und die Revolutionäre „verschoben“ die politische Debatte darüber auf später. Von den einheimischen Bewohnern, den Altamerikanern, die von den Europäern „Indianer“ („Bewohner Indiens“) genannt wurden – gleichsam ein Ausdruck tradierter Ignoranz – war gar keine Rede. Ernsthafte Bemühungen um die Gleichberechtigung der Nachkommen von Altamerikanern als US-Bürger sind erst im 20. Jahrhundert unternommen worden.

Die Grundidee für die moderne Wirtschaftslehre (classic economics) wird dem Schotten Adam Smith zugeschrieben, der in seinem Werk „The Wealth of Nations“ von 1776 das Einmaleins der Marktwirtschaft buchstabiert. Die Selbstregulierung der Märkte erwies sich spätestens angesichts der jüngsten Weltwirtschaftskrisen als Mythos. 

Der Wirtschaftswissenschaftler Bengt Holmström, der 2016 den Nobelpreis erhielt, meint, dass Adam Smith wohl selbst nicht verstanden hat, welche verheerende Wirkung unvorhersehbare Störungen im Netz der Marktwirtschaft verursachen können. Smiths Lehre ermöglichte die Entstehung des räuberischen Kapitalismus, und es ist nicht verwunderlich, dass irgendwann jemand vehement dagegen aufbrauste: Karl Marx. Es sollte bis ins 20. Jahrhundert dauern, bis die Grundlagen einer im eigentlichen Sinn sozialen Marktwirtschaft geschaffen wurden – die aktuell mehr oder weniger klandestin von mächtigen Strippenziehern bedroht wird (siehe www.investigate-europe.eu).

Kriege, Krisen, kurze Friedenszeiten. Warum ist die Erfahrung von 3000 friedlichen Jahren nicht auf unserem Bildschirm? Weil der Kanon unserer Schulerziehung uns das klassische Griechenland als Wiege unserer westlichen Grundwerte präsentiert und vor der Ära von Homers Epen nur Dunkelheit sieht. 

Obwohl Archäologen das sogenannte „dunkle“ Zeitalter inzwischen als zumindest „halbhell“ einschätzen, besteht das Klischee der Dunkelheit bislang fort. Und geht man noch weiter zurück, also in die Ära vor den Mykenern und dem Trojanischen Krieg, wird es für noch dunkler als dunkel gehalten, was die Suche nach Spuren für unsere Grundwerte aussichtslos erscheinen lässt.

Doch: In den vergangenen Jahren haben Archäologen in den Ländern Südosteuropas fleißig gegraben, und bereits vor der politischen Wende von 1990/91 hatte die litauisch-amerikanische Archäologin Marija Gimbutas eine alte Zivilisation in ihren Konturen identifiziert, von ihr „Alteuropa“ (Old Europe) und heute auch „Donauzivilisation“ benannt. Sie postulierte für die Gemeinschaft der Alteuropäer friedfertige Lebensbedingungen. Die Hardliner der Zivilisationsforschung, die sich der Lehre von ex oriente lux („Das Licht aus dem Osten“) verschrieben haben und Mesopotamien als die Wiege der Zivilisation verstehen, bespöttelten Gimbutas und werteten ihr Alteuropa-Konstrukt als feministische „feel-good nostalgia“ ab. 

Seit Beginn unseres 21. Jahrhunderts hat sich jedoch das Kaleidoskop der Erkenntnisse über die Kulturentwicklung in Alteuropa durch die archäologische, kulturhistorische und sprachwissenschaftliche Forschung merklich erweitert und verdichtet. Fachleuten ist bekannt, dass Alteuropa technologische Fertigkeiten und komplexe Gesellschaftsstrukturen entwickelt hatte, wie es sie zur damaligen Zeit nirgendwo sonst in der Welt gab. Um 6000 v. Chr. beginnt in Alteuropa ein Stadium, das zum Aufbau einer Hochkultur führt. Spätestens um 5300 v. Chr. bietet Alteuropa Rekorde im Weltmaßstab: 

- Die Schmiede Alteuropas entwickeln Schmelzverfahren, zunächst für Kupfer, ab 4600 v. Chr. auch für Gold, sie schmelzen tonnenweise Kupfer ein und fertigen die ältesten Artefakte aus Gold in der Welt;
- Die Alteuropäer bauen zweistöckige Häuser und monumentale Tempel;
- Das von ihnen verwendete Schriftsystem ist das älteste der Welt, mindestens eineinhalb Tausend Jahre älter als die altägyptische oder sumerische Schrift, und sie haben ein Zeichensystem für Zahlen;
- Im 5. Jahrtausend v. Chr. entstehen die ersten Städte, einige mit mehr als 10 000 Einwohnern auf etwa 400 Hektar. Es gibt Hinweise auf eine administrative Infrastruktur mit „Bürgerräten“ in den einzelnen Wohnvierteln mit einem gewählten Vorsteher (dem griechischen demarchos in den Dorfgemeinden vergleichbar).

Etwas hatten die Alteuropäer nicht, wohl weil sie es nicht brauchten: politische Grenzen. Die Menschen der verschiedenen Regionen interagierten in einem konfliktfreien Milieu. Was sie miteinander verband, waren ähnliche Kulturtraditionen und Gesellschaftsstrukturen und vor allem gemeinsame wirtschaftliche Interessen. Der Wohlstand Alteuropas gründete sich auf intensive Handelsbeziehungen über die Donau (daher Donauzivilisation) und deren Nebenflüsse sowie maritimen Handel von den Küsten der Ägäis ins Schwarze Meer. Wichtige Handelszentren waren Vinca (heute Serbien), Turda (heute Rumänien) und Varna (heute Bulgarien). 

Die Handelsbeziehungen dehnten sich so weit aus, wie Partner daran teilnahmen, die ihre Transaktionen in einer Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens abwickelten. Welchen Sinn hätten da politische Grenzen gehabt? Vertrauen war Trumpf, und nur mit dieser Grundbedingung wird verständlich, wie das damalige Handelsnetz eine wahrlich internationale Ausdehnung bekommen konnte: bis nach Kleinasien (Anatolien), bis weit nach Norden (Polen) und Westen (Frankreich, Südengland). Die Handelsroute erstreckte sich über gut 3000 Kilometer. Die Erkenntnisse über Alteuropa zeigen: die Gesellschaft war egalitär mit funktionierenden demokratischen Verwaltungsstrukturen, und sie war friedlich:

- Frauen waren Männern gleichgestellt. Archäologen sind einig darin, dass Männer und Frauen in vielen Handwerkssparten gemeinsam arbeiteten und der Handel auf den Flüssen in Frauenhand lag;
- In den Städten wurden keine Wohnviertel einer (hoch-)herrschaftlichen Elite oder Reste von Palästen gefunden, einfach deshalb, weil es keine (hoch-)herrschaftliche Elite gab, die einen Sonderstatus in Anspruch nahm. Auch die Ausstattung der Gräber zeigt keine Trennung nach Reich und Arm. Lediglich die Verehrung von Gründerinnen von Sippen und Familienclanen wird sichtbar an symbolträchtige Beigaben in einigen Frauengräbern; 
- Archäologen fanden keine Schutzwälle um Siedlungen, weder um Dörfer noch um Städte, und keine einzige Grabungsschicht enthielt Hinweise auf Zerstörungen aufgrund von Feuer als Folge kriegerischer Auseinandersetzungen;
- Das Gemeinwohl hatte Leitfunktion. Der ausbalancierte Lebensstandard aller war die Leistung einer Kooperationsgesellschaft, in der ganz offensichtlich kommunale Interessen höher im Kurs standen als individualistische Aspirationen zur Mehrung privaten Reichtums. Einnahmen aus dem Handel wurden unter den an Herstellung und Handel Beteiligten aufgeteilt, Besitz war überwiegend kommunal. 

Nachklänge vom Gemeinwohl als Grundwert finden wir in der politischen Theorie von Platon, in dessen Gedankengut sich das alteuropäische Kulturerbe spiegelt, nämlich im altgriechischen Ausdruck für Gemeinwohl, to agathon, einem vorgriechischen Lehnwort, das aus der Sprache der Alteuropäer tradiert wurde. Das Wort korrelierte im kulturellen Gedächtnis mit der Idee sozialer Gemeinschaftsbildung.

Die Donauzivilisation, wo elementare Werte im Verbund ihre konzertierte Manifestation erlebten, florierte stabil über eine Zeitspanne von rund 3000 Jahren, von circa 6000 bis circa 3000 v. Chr.. Das Ende für Alteuropa kam also nicht, weil die Gesellschaft instabil gewesen wäre. Die Entwicklung wurde sozusagen durch force majeure (höhere Gewalt) als Folge der Migrationen der Viehnomaden aus der südrussischen Steppe verändert. 

Im Verlauf des 3. Jahrtausends v. Chr. erfolgte die Landnahme der Griechen in Hellas, der Thraker in Bulgarien, der Illyrer im westlichen Balkan. Was dann geschah, wird derzeit ausgiebig erforscht: Es kam zu einer Fusion des alteuropäischen Kulturerbes (mitsamt den Grundwerten) und indoeuropäischer Traditionen, wozu auch die von den Nomaden eingeführte soziale Hierarchie in der Gesellschaft gehört. 

Zwei Ausdrücke machen den Umbruch deutlich: amilla mit der Bedeutung „friedfertiger Wettbewerb“ und eris „Wettstreit, Konflikt, militärische Auseinandersetzung“. Amilla ist vorgriechisch und spiegelt das friedfertige Wetteifern im Handel oder bei sportlichen Wettkämpfen. Eris ist ein griechisches Erbwort, angewendet in den zahlreichen Bruderkriegen der Griechen. Vielleicht verstärkte sich bei den Griechen in ihren ständigen kriegerischen Auseinandersetzungen ein nostalgisches Sehnen nach Frieden. Anders kann man kaum erklären, warum sie ausgerechnet für diesen Kernbegriff ein Lehnwort aus der Sprache der Alteuropäer adaptierten: eirene, „Frieden“. 

Gibt es ein Vermächtnis Alteuropas? Ja, das gibt es in der Tat. Wenn wir den Blick auf Alteuropa richten und bei der Betrachtung jener Gesellschaft, in der wir unsere Grundwerte erkennen können, die Summe der nützlichen Lehren ziehen, dann sehen wir das Konstruktive. Die Donauzivilisation hat viel Licht in die Geschichte der Menschheit gebracht. Für uns im Jetzt und Heute aus großer historischer Distanz (vielleicht) nur als Dimmern wahrnehmbar – und dennoch ein Licht. Ein Licht, das wir nutzen sollten, wenn wir an Zukunftsmodellen für die Europäische Union werkeln. 

Noch etwas: Es kann nicht verwundern, dass eine Gesellschaft, in der zeitlos elementare Werte kommunalen Zusammenlebens im Verbund wirkten, auch eine zeitlose Ästhetik in der Kunst entwickelte. Die alteuropäische Kunst erlebte ihre Renaissance im Werk von Constantin Brancusi. Der rumänische Filmemacher Viorel Costea ist dabei, die Inspiration, die für Brancusi von alteuropäischer Kunst ausging, in einem Film zu dokumentieren. Stellt man die in den letzten Jahren gefundenen Artefakte Alteuropas und Brancusis Arbeiten nebeneinander, folgt Linien und Formen, der Reduktion, dann sieht man die Verbindung von kulturellem Gedächtnis und persönlicher Inspiration. Was hat den jungen Brancusi in seiner künstlerischen Haltung so bestärkt, dass er die Chance, im Atelier des arrivierten Auguste Rodin zu lernen, nach kurzer Zeit aufgab, um eigensinnig reflektierend umzusetzen, was er nicht alles gesehen haben kann? 

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