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Kanada

Kathleen Winter: „Sein Name war Annabel“ - Was ist die richtige Welt?

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Kathleen Winter erzählt von einem Hermaphroditen in der Provinz

An einem Tag des Aufbruch-Jahres 1968 kommt ein Baby zur Welt, das einen Penis und eine Vagina hat, einen Hoden, eine Schamlippe und eine Gebärmutter. Das Kleine ist ein Hermaphrodit, aber dort, wo es zur Welt kommt, sind jeder Aufbruch und jedes Verständnis für seine Besonderheit fern, ist das Leben harsch und wird von Traditionen beherrscht. Die in der kanadischen Provinz Neufundland und Labrador aufgewachsene Kathleen Winter lässt ihren Debütroman in einem fiktiven Ort namens Croydon Harbour spielen. Es muss ein Kaff sein, denn in Labrador leben keine 30 000 Menschen auf einer Fläche so groß wie Italien. Und dreimal so kalt.

„Sein Name war Annabel“ (Orig. „Annabel“, 2010) fasst sein ungewöhnliches Sujet in eine behutsame, poetische Form. Manchmal ist es, als blicke die Leserin durch eine Milchglasscheibe. Auf der anderen Seite huscht Treadway, der Vater, huscht Jacinta, die Mutter, dazu ihre Freundin Thomasina – eine herbe, selbst als Außenseiterin behandelte Frau, die angesichts des Babys findet: „Auf der Welt ist genügend Platz.“

Treadway und Jacinta: Er verbringt große Teile des Jahres auf der Jagd, sie ist allein und sehnt sich bisweilen nach der Stadt, St. John’s, dort vor allem nach dem Kino, in dem man mit seinen Träumen aufgehoben im Dunkeln sitzen konnte. „In Croydon Harbour gab es keinen Ort, an dem man vor einem gleißenden Wintertag oder einem grellen Sommertag fliehen konnte.“

Aber Treadway ist verlässlich, pflichtbewusst, gibt sein Geld nicht für Alkohol aus, findet immer seinen Weg, auch tief im Wald. Vielleicht beschließt er gerade deswegen, dass sein Kind lernen soll, was er gelernt hat, dass es als Junge aufwachsen soll, als Wayne Blake, denn es „muss in der richtigen Welt leben“. Und die „richtige Welt“ ist nicht aufgeschlossen gegenüber Menschen, die sie nicht einsortieren kann.

Er ist aus Mädchenmaterial

Jacinta sieht die Tochter im Zwitter, spürt die Tochter. Manchmal weht ein Wind durch ihren Mund, dann nimmt sie wahr, dass ihr Kind aus „Mädchenmaterial, Mädchenmolekülen, Mädchenlichtdurchlässigkeit“ besteht. Doch sie ordnet sich ihrem Mann unter, das tut man 1968 nicht nur in Labrador; das Ehepaar wird sich fortan entfremden. Treadway bleibt immer länger weg, bei seinen Fallen, Jacinta fühlt sich ungesehen und unberührt, unwirklich „für alle außer für sie selbst“.

Aber im Zentrum steht der aufwachsende Wayne/Annabel – letzteres ist der Name, den Thomasina benutzt, denn sie hat eine Tochter namens Annabel und ihren Mann verloren, als die beiden mit dem Kanu kenterten. Das Kind, Treadways Sohn, wird also operiert und muss Tabletten nehmen, seine weiblichen Anteile sollen zum Verschwinden gebracht werden. In aller Unschuld wünscht sich Wayne, Synchronschwimmer zu werden, wünscht sich einen glitzernden Badeanzug, baut sich zusammen mit seiner Schulfreundin Wally Michelin ein prächtig verspieltes Brückenhäuschen über den nahen Bach. Treadway baut es wieder ab, sein Sohn soll nicht mit „so etwas“ auffallen.

Mit behutsamem Strich zeichnet Kathleen Winter das Unbehagen Waynes an seinem Körper. Diesen Verdacht, dass er nicht nur krank, sondern auch anders ist. Was ist mit seinen Brüsten, was zieht da zwischen seinen Beinen? Es ist „ein Wesen“ in ihm, er empfindet es als ruhelos: „Es war die ganze Nacht auf den Beinen.“ Da ist eines Tages auch dieses unerklärliche Blut in ihm, das im Krankenhaus herausgelassen werden muss – Wayne menstruiert, ist starr vor Angst und Panik. Niemand hat ihn darauf vorbereitet, sein Vater hat auf Bitten Jacintas nur ein hilfloses Gespräch von Mann zu Mann mit ihm geführt.

„Sein Name war Annabel“ ist auch ein Bildungsroman. In St. John’s fährt der junge Wayne Fleisch aus, bringt „Rippchen, Koteletts und Herzen“ zu den Leuten. Kämpft mit sich, geht einen Schritt vor, einen zurück, setzt die Tabletten ab, beobachtet seinen Körper wie ein scheues Reh. „Er wusste nicht, was aus ihm geworden war“, aber er wird ein bisschen Freiheit suchen.

Kathleen Winter: Sein Name war Annabel. Roman. A. d. Engl. von Elke Link. btb Verlag. 446 S., 22 Euro.

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