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Schluss mit Schönheitsidealen

Paralympics: Künstlerin Mari Katayama will nicht zum Gesicht der Spiele werden

  • VonFelix Lill
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Die japanische Fotokünstlerin Mari Katayama dekonstruiert normative Ideale - und zeigt in ihren Werken, dass auch behinderte Körper sinnlich sein können

Wärmer und umfassender kann ein Händedruck kaum sein. Wenn die Frau, die hier eine lokale Berühmtheit ist, zum Gruß ausstreckt, bietet sie einen ihrer zwei breiten Finger samt Handmuskel als eine Art Boden an, auf den man seine Hand legen möge. Den anderen Finger legt sie dann zu einer umschließenden Bewegung, wie eine Muschel, obendrauf. „Fühlt es sich weich an?“, fragt sie und lächelt. Das tut es. Und man versteht sofort, wie diese Frau ihre Körperteile, die andere Menschen als Handicap sehen würden, zum Zentrum ihrer Kunst macht.

Da wäre ja nicht nur diese linke Hand, die aus bloß zwei Fingern besteht. Als auffälliges Vehikel ist die auf diversen ihrer Fotos zu sehen. Für Autogramme legt Katayama ihre scherenartige Handform auf einem Papier ab, zeichnet eine Silhouette drumherum und schreibt ihren Namen rein.

Wer Katayamas Werke betrachtet, bemerkt zudem schnell die Abwesenheit ihrer Beine, an deren Stelle zwei Prothesen stehen. Ein anfängliches Staunen begleitet daher den ersten Blick auf die Fotos, welche oft geprägt sind von einer spielerischen Erotik. Doch schnell wird man warm mit dem Anblick, beginnt ihn zu mögen, zu bewundern.

Behinderung sinnlich inszenieren: Die japanische Künstlerin Mari Katayama setzt sich über konventionelle Schönheitsideale hinweg

In ihrem Heimatland Japan ist die Fotokünstlerin Mari Katayama, die vor allem sich selbst abbildet, schon länger eine größere Nummer. Vor fünf Jahren war sie das Postergirl der „Roppongi Crossing“, einer vieldiskutierten Ausstellung im Tokioter Mori Art Museum, das die vielversprechendsten jungen Künstlerinnen und Künstler des Landes zeigt. Außerhalb Japans hat sie seitdem in London, Amsterdam, Wien und anderen wichtigen Städten der Kulturszene ausgestellt. Natsumi Araki, die Kuratorin des Mori Art Museums, sieht in Katayamas Werken „die Schönheit des Verlusts.“

Ist es wirklich nur das, was die Bilder der 34-jährigen so anziehend machen? Wie sie da so in Unterwäsche auf einem Stuhl sitzt, wie eine femme fatale, aber mit den Füßen den Boden nicht erreicht, weil sie keine Füße hat. Oder wie sie eine lange Zigarette in der Hand hält - einer Hand, die nur aus zwei Fingern besteht - und das Publikum doch von ihrem tiefen Blick eingefangen wird. Den vereinnahmenden Augen, eingerahmt in einen kantigen Haarschnitt, getragen von einem emotionslos ruhenden Ausdruck.

„Bystander“, MK1, Nr. 016, 2016.

„Ich stelle bloß das dar, was ich selbst durch meinen Körper erlebe“, sagt Mari Katayama bei einem Treffen in Takasaki, einer Stadt mit knapp 400 000 Einwohnerinnen und Einwohnern in der eher ländlichen Präfektur Gunma in Zentraljapan. Hier wohnt Katayama noch heute, hier zieht sie ihre dreijährige Tochter auf, hier arbeitet sie von ihrer Wohnung aus, wenn sie nicht gerade unterwegs ist. Was man in einer etwas größeren Stadt, eingebettet jedoch in die japanische Einöde, so erlebt? Bei einem Spaziergang durch Takasaki, in nur leicht staksigen Schritten vorbei an einem Museum, in dem sie auch schon ausgestellt hat, sagt Katayama: „Man muss lernen, mit seinen eigenen Besonderheiten klarzukommen. Sonst hat man ein Problem.“

„In the Water“, MK4, Nr. 001, 2019.

Mari Katayama lernte das früh in ihrem Leben. Auf dem Weg zu ihrer heutigen Karriere fiel sie mehrmals, stand nur noch häufiger wieder auf. Als Kind wurde an ihr eine Tibiale Hemimelie entdeckt, eine angeborene Unterentwicklung der Schienbeine sowie in ihrem Fall der linken Hand. Mit neun musste Mari entscheiden, ob sie ihr Leben im Rollstuhl verbringen oder sich die Beine amputieren lassen würde. „Für mich war das klar. Nur mit der Amputation würde ich eines Tages wieder laufen können.“ Nur hatte sie damit nicht nur ihre Beine verloren, sondern auch viele Freundinnen und Freunde. Sie wurde zum Ziel von Mobbing.

Ausstellung

Ab dem 3. September 2021 zeigt das Maison Européenne de la photgraphie in Paris ausgewählte Werke von Mari Katayama.

Die Ausstellung „Home Again“ versammelt mehrere ältere Werke, zeigt aber zum ersten Mal Katayamas neue Serie „In the Water.“ Die Fotografien werden bis zum 14. Oktober 2021 in dem Pariser Museum gezeigt.

Eintrittskarten kosten 10 Euro pro Person und können online reserviert werden:
www.mep-fr.org/

Weil es im ländlichen Japan der 1990er Jahre auch keine inklusiven Kleidungsgeschäfte gab, lernte Mari schon als Kind das Nähen. „Meine Klamotten haben meine Mutter und ich gemeinsam hergestellt.“ Bald konnte sie besser nähen als schreiben. Sie machte ihre eigenen Kuscheltiere und Kissen, auch Imitationen der Beine, die sie nicht mehr hatte und Entwürfe von Schuhen, die sie theoretisch nicht mehr brauchte.

Kein Werbegesicht für die Paralympics: Künstlerin Mari Katayama hofft auf ein besseres Verständnis für das Leben mit Behinderung

Eines Tages, zu Anfang der sozialen Medien im Internet, postete die Pubertierende auf der Plattform MySpace ein Foto. Um den Maßstab ihrer Näherzeugnisse zu zeigen, stellte sie sich in ihrem Kinderzimmer selbst mit ins Bild. Die Beinstümpfe waren sichtbar, die Prothesen daneben abgestellt. „Ich habe mir nichts dabei gedacht“, sagt sie heute.

Die Reaktionen, die von Verwunderung bis Begeisterung reichten, bezogen sich weniger auf die von ihr genähten Kuscheltiere als auf die Bildkomposition, in der Mari Katayama selbst die entscheidende Rolle spielte. Ihr wurde klar, dass ihr Aussehen kein Makel sein müsste. Und dass sie sich auch von den vorgefertigten Schönheitsidealen ihrer Kindheit verabschieden könnte.

Heute spielt Katayama mit der Dekonstruktion von ebendiesen Schönheitsidealen. In ihrer bisher bekanntesten Fotoreihe, „You’re mine“, räkelt sie sich auf einem Bett, die Prothesen abgelegt, in einem weißen Negligé. Ein weiteres Bild zeigt Katayama umkreist von ihren Näherzeugnissen. Da ist ein Stoffduplikat ihrer linken Hand zu sehen sowie ein mit genähtem Stoffrand verzierter Spiegel.

„Shadow Puppet“, MK2, Nr. 014, 2016.

„Als Mädchen habe ich durch das Nähen immer versucht, die gleichen Klamotten tragen zu können, wie die anderen. Das Nähen war mein Versuch, so schön zu sein wie die anderen.“ Der Spiegel könnte diesen Standard der anderen symbolisieren. Aber die halbnackte Mari Katayama auf dem Foto fühlt sich von den Standards emanzipiert. Für dieses Bild hat sie eben keine herkömmliche Hand genäht, sondern ihre eigene, die vermeintlich imperfekte. Denn wenn man nur wolle, könne man seine ganz eigenen Maßstäbe für Schönheit erstellen.

Fotokünstlerin Mari Katayama: „Für die Paralympischen Spiele mache ich keine Kampagne“

Simon Baker, einst Kurator des Londoner Tate Modern, sagt über Katayama: „Ihre Bilder kommunizieren auf ganz eigene Weise. Da spricht diese unglaublich starke Stimme.“ Auf dem internationalen Fotofestival Kyotographie, in Japans vermeintlicher Kulturhauptstadt Kyoto, stellten Baker und Katayama im vergangenen Jahr weitere von Katayamas Fotografien aus.

Ab dem 3. September, mit einer pandemiebedingten Verspätung um gut ein Jahr, werden ihre Werke in der Maison Européenne de la Photographie in Paris ausgestellt. Auch in der Tokioter Galerie Akio Nagasawa hängen derzeit ihre Bilder.

Mari Katayamas Themen finden im Jahr 2021 großen Anklang. In Tokio finden ab heute die Paralympischen Spiele statt. Seit einiger Zeit prangt überall das Motto: „unity in diversity.“ Während in der japanischen Gesellschaft bisher vor allem Homogenität und Anpassung als positiv galt, wollen die Veranstalter des größten Sportevents der Welt nun offiziell die menschliche Vielfalt hochleben lassen.

Mari Katayama wurde deshalb schon vor einigen Jahren, kurz nachdem Tokio das Austragungsrecht gewonnen hatte, von einem Vertreter von Google angerufen, der nach einem passenden Gesicht für eine neue Werbekampagne suchte. Die erste Frage habe gelautet: „Sie sind doch behindert, oder?“ Katayama dankte für das Interesse und legte auf. „Für die Paralympischen Spiele mache ich keine Kampagne“, sagt sie heute und scheint zufrieden mit der Entscheidung. Vielfalt zu loben, sei schön und gut. Was das aber bedeute, habe leider noch nicht jeder verstanden. „Aber meine Bilder kann man sich ja jetzt an mehreren Orten ansehen.“

Rubriklistenbild: © Mari Katayama /MEP

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