Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Fingerabdrücke auf einer Anklagebank.
+
Fingerabdrücke auf einer Anklagebank.

Pressekodex

Wann ist Nationalität von öffentlichem Interesse?

  • Christian Bommarius
    VonChristian Bommarius
    schließen

Der Presserat ändert seine Richtlinie, wenn es um die Herkunftsnennung bei Tätern geht. Ein unbestimmter Begriff wird gegen einen anderen getauscht. Doch das eigentständige Denken nimmt er damit niemandem ab.

Zu den Zumutungen im Leben eines Journalisten zählt der Missstand, dass ihm niemand das Denken abnehmen kann. Das ist schon oft beklagt, aber noch nie ist versucht worden, den Journalisten einschlägig zu erleichtern und von der Last des Denkens zu befreien. Erst in diesen Tagen hat der Deutsche Presserat vermeintlich den Mut dazu gefunden und den Pressekodex, den das Selbstkontrollorgan zur Handreichung formuliert hat, entsprechend verändert.

In jüngerer Zeit hatten manche Journalisten geklagt, sie sähen sich außerstande zu entscheiden, ob und gegebenenfalls welche Angaben zur Herkunft von Straftätern oder Tatverdächtigen in einem Artikel geboten seien. Um diskriminierende Verallgemeinerungen in Presseberichten zu verhindern, bestimmte dazu bisher die Richtlinie 12.1: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“

Weil diese Formulierung mehr Fragen aufwirft als beantwortet, weil insbesondere nicht klar ist, wann zwischen einer Tat und der Herkunft des Täters ein „begründbarer Sachbezug“ besteht, war die Not vieler Journalisten groß, das Problem selbstdenkend lösen zu müssen. Besteht beispielsweise ein Sachbezug zwischen dem Diebstahl einer Büchse Bier und der Herkunft des Täters, wenn dieser Österreicher ist? Anderseits: Wie verhält es sich, wenn es sich zwar um einen Österreicher handelt, aber mit Migrationshintergrund, oder um keinen Österreicher, sondern um einen Türken, eventuell aber mit doppelter Staatsbürgerschaft? In all diesen Fällen dürfte es schon deshalb an einem begründbaren Sachbezug mangeln, weil die Sache fehlt – der Diebstahl einer Büchse Bier ist erstens eine Bagatelle, zweitens mit der Herkunft des Täters sicher nicht zu erklären.

Der unbestimmte Begriff bleibt

Wie aber liegen die Dinge im Fall einer in Freiburg getöteten Studentin, in dem ein aus Afghanistan eingereister Flüchtling in Tatverdacht geraten war? Er kam unter dem Verdacht der Vergewaltigung und des Mordes in Untersuchungshaft, später stellte sich heraus, dass er bereits in Griechenland wegen eines an einer Frau verübten Gewaltverbrechens verurteilt, aber freigekommen und nach Deutschland gereist war. Kein Vernünftiger wird hier einen „begründbaren Sachbezug“ bezweifeln.

Offensichtlich aber doch so viele, dass der Presserat jetzt seinen Kodex änderte: „Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse.“ So wurde ein unbestimmter Begriff – begründbarer Sachbezug – gegen einen unbestimmten Rechtsbegriff – öffentliches Interesse – ausgetauscht. Das Problem der Journalisten aber bleibt: selber denken.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare