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Strukturwandel in Wales. "Hardship" bedeutet Not, Mühsal.

Brexit

Wales im Zeichen des Brexit

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Die Spaltung Großbritanniens aus Sicht der Peripherie: Eine Reise durch Wales im Zeichen des Brexit.

Kaum jemand erinnert sich noch des britischen Hypes zur Jahrtausendwende, die das Land der Zukunft öffnen sollte. Anthony Giddens, Nestor der Sozialwissenschaften und Berater der New Labour-Ära, schrieb: „Wir leben bekanntlich in einer Art End-Zeit. Der Begriff fin de siècle bezeichnet im allgemeinen die Vorstellung von Orientierungslosigkeit und Dekadenz, und zwar in solchem Maße, dass sich die Frage stellt, ob die Rede vom Ende, vom Ende der Moderne, vom Ende der Geschichte, nicht einfach diese Vorstellung widerspiegelt.“ 

Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen sollten Konzepte einer „reflexiven Modernisierung“ bieten, Brüche der Deindustrialisierung mildern, Verwerfungen der Thatcher-Ära vergessen machen. Heute bestimmt ein pessimistischer Grundton die britische Debatte: der zerstörerische Sound des Brexit.

Um das Jahr 2000 waren für Stadtentwicklung und Architektur über 186 ambitionierte Projekte entwickelt worden, die, über das Land verteilt, in urbanen Zentren, an Peripherien gebaut wurden. Wales erhielt nicht nur ein Millennium Stadium und das Wales Millennium Centre für Cardiff, die Umstrukturierung des Kohlehafens der Cardiff Bay mit neuem Kulturzentrum und eigenem Parlament (The Senedd). Sondern auch, inmitten von Süd-Wales, Norman Fosters berühmtes Great Glasshouse, die Krönung des National Botanic Garden of Wales. Auf Ausläufern der Black Mountains thronend, schaut es auf Carmarthen im Westen, Llandeilo im Osten, die Weite des Vale of Tywi im Norden. Während Foster der britischen Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts eine Perspektive im 21. Jahrhundert gab, lag die Tradition des klassischen Maschinenbaus der walisischen Wollindustrie am Boden – wie das National Wool Museum im Vale of Tywi zeigt, ein nostalgisches „Must-visit für Liebhaber von Kunsthandwerk, Garn und handwerklicher Tradition“.

Die Region ist auch ein Hort des Walisischen Nationalismus: „Wir sind nicht frei, nicht selbstbestimmt. Jede Entscheidung über Wales wird von London getroffen, nicht von uns.“ So wird Gwynfor Evans, früher Aktivist, Abgeordneter im britischen House of Commons, von dem deutschen Journalisten Peter Sager zitiert. Hätte eine weitergehende Autonomie in den 1970er Jahren erreicht werden können, das kleine Luxemburg wäre zum Vorbild für Wales geworden – der großen Stahlindustrie wegen, der kaum ins Gewicht fallenden Arbeitslosigkeit. 

Das Wales von heute zeigt sich als ökonomisch geteilte Region, der Westen gehört zu den Peripherien Europas, deren Entwicklung zurückhängt. 2016 lag das regionale BIP je Einwohner, ausgedrückt in Kaufkraftstandards, bei etwa 69 Prozent des EU-Durchschnitts, 2018 bei 68 Prozent – vergleichbar der Zentralregion in Portugal. Das Verharren unter dem EU-Durchschnitt ist im britischen Vergleich besonders schmerzlich – etwa im Verhältnis zu Inner London–East mit einem regionalen BIP von 167 Prozent vor allem aber mit Inner London–West mit Prozent. 

Monmouth, Gwent, nahe der walisischen Grenze zu Gloucestershire, eine lebhafte ländliche Kreisstadt am Flüsschen Monnow, alles in Fußgängerentfernung erreichbar, da die Stadt sich im Kern kaum verändert hat. Kleine Läden an der Church Street. Darunter Munday & Jones, ein Lebensmittelgeschäft, ein traditioneller Laden („Wir akzeptieren Bargeld“) mit Obst, Gemüse aus regionalem Anbau und kleinem zusätzlichen Angebot für die Laufkundschaft. Breite Auslagen vor dem Schaufenster: Äpfel, Möhren, Tomaten, Lauch, Fenchelknollen auf Stiegen. Ein Besitzer, ein junger Mann als Hilfe. 

Keine Selbstbedienung. „Hallo!“ „Welcome!“ Während der Reisende sich eine Cola aus der Kühlbox angelt: „Woher kommen Sie?“ „Germany.“ „Ah, great.“ Der Reisende, ironisch-zugewandt: „Ist weit entfernt, wissen Sie, Europa...“ Grinsen. Der Besitzer lacht. „Auf der Rundreise?“ „Yeah. Was Europa betrifft, wie haben Sie gewählt, Yes or No?“ „Hab‘ für No gestimmt (Leave).“ Kurze Pause im Geplänkel, dann: „Trump ist ein guter Typ...“ Grinsen. „Wirklich?“ Kostprobe zur Stimmungslage. 

„Es fängt an, wo es anfängt.“ (Dylan Thomas). Durch das Schaufenster sieht man Rossiter Books gegenüber. Daneben das Savoy Theatre. Im Vorgarten des Cornwall House von 1752 ein Aufsteller: Barbier nach 58 Jahren in Rente. Das alte Schaufenster bereits übernommen durch „The Monmouthshire Beacon“ – Your local weekly newspaper, check us out on facebook.

Drängt sich der Eindruck auf, durch eine „verlorene“ Region zu reisen? Teile von Wales haben seit langem zu kämpfen. Nur zwanzig Meilen nach Westen, in den ehemaligen Bergbau-Regionen – deren Symbol Big Pit ist, die aufgelassene Mine mit dem Nationalen Kohle-Museum in Blaenavon, Gwent – finden sich Orte des Abstiegs. 

Das Muster von Auf- und Abstieg ist hier, ist in Europa ähnlich: der Ort stellte das Rohmaterial – Erz, Kohle, Kalkstein, bot eine arme Bevölkerung, die zwischen Bleiben und Emigration schwankte. Technologie und Kapital für die Entwicklung stammten aus England, machten die Fördertürme zu Symbolen des Profits. Die Thatcher-Jahre sind hier unvergessen. 1980 musste Big Pit schließen, drei Jahre später öffnete die Zeche neu als Museum für „Industrial Discovery Weekends“.

Carmarthen, Dyfed, Mitte von Süd-Wales. Ein Gastspiel mit Chorgesang, dem Pfeiler walisischer Tradition. Ein Männerchor aus dem Marktstädtchen Llandeilo: Côr Meibion Dinefwr, der zwei Jahre zuvor fünfzigstes Jubiläum feierte. Nun ein Auftritt in der Stadt der Merlin-Eiche. Die 25 Mitglieder des „Working Man Choir“ sind eingestimmt: aufrechte, kompakte, eher klein gewachsene Männer, in weißen Oberhemden mit Schlips, mit Ehrennadel des Chors. Einleitung des „Sekretärs“, man habe gehört, das Auditorium komme aus „Europa“. Freundlich-selbstironisch gemeint, hatte das diesen Anklang. Das Repertoire: gälisches Liedgut, interkulturelle Klassiker.

Ein wunderbar walisischer Abend. Eine losgelöst-europäische Atmosphäre? Das Bedauern über den Brexit wird zur Bassstimme der Begegnung. Müssen wir neu lernen, kulturelle Beziehungen zu denken?

Eines der Chormitglieder versteht sofort, was gemeint ist: Eifion, gestandener Elektroingenieur, ehedem Werksingenieur im Bergbau. Nach dem Zusammenbruch der walisischen Kohlegruben, Folge der Streiks und Hüttenschließungen unter Margaret Thatcher, für die deutsche ThyssenKrupp tätig: Fertigung von Tunnelbohrmaschinen („Der Profit ging nach Deutschland“).
Der Reisende erinnert sich an John Steinbecks Neugier, auf der „Suche nach Amerika“ herauszuhören, „was die Leute politisch dachten. Die, denen ich begegnet bin, sprachen nicht über Politik, schienen nicht darüber sprechen zu wollen“, so nachzulesen in „Die Reise mit Charley“.

In Wales ist die Offenheit für den Austausch groß: Eifion stimmte für „Leave“. Seine Familie nicht. Die Frau stand für „Remain“, der Sohn, in London bei einer internationalen Firma tätig, stimmte für „Remain“.

Der Reisende erwähnt einen Bericht des „Observer“ vom August 2018, dessen Schlagzeile lautete: „Mehr als 112 Wahlkreise, die Brexit unterstützt haben, sind nun für Bleiben in der EU“. Eifion kennt die Umfragen, die Wechselstimmung („shift“) von „Leave“ zu „Remain“. Selbst in den Wahlkreisen der „Leavers“ Boris Johnson und Michael Gove. Er meint dennoch, die Grundtendenz bleibe: knapp für Austritt („slightly leave“). Erzählt von Armut nach der Schließung der Berg- und Hüttenwerke. Hebt den Umstand hervor, dass es trotz des absehbaren Absturzes der alten Schwerindustrien keine politischen Pläne zum Auffangen der Regionen gegeben habe. Führt die Landwirtschaftspolitik der EU an, die Frankreich enorme Zuschüsse zubillige, Wales dagegen benachteilige, obgleich die Region im Zentrum wie im Norden Agrarland sei.

Auf die Frage, ob Regional- und Strukturpolitik zuvorderst Aufgabe Londons oder aber Brüssels bzw. der EU seien, die Antwort: eher Londons Aufgabe, aber Westminster sei eine „Blase“. Die Regierung interessiere sich weder für Wales noch für andere periphere Regionen. Aber „Leave“ – trotz der mehr als 1,4 Milliarden Pfund, die Wales seit 2014 aus Brüssel erhalten habe?
Ob das Votum für „Leave“ auch – oder eher – ein Votum „gegen London“ gewesen sei? Antwort: daran sei etwas Wahres. Sie glaubten (in Wales), sie könnten es womöglich allein schaffen, aus eigener Kraft.

Auf den Hinweis zum Beispiel Portugals, das sich mit einer sozialistischen Regierungskoalition gegen die Austeritätspolitik des hegemonialen Zentrums behauptete, innerhalb der EU auf neuem Kurs gut entwickelt sei, führt er ein Identitätsargument an: Für den Brexit „einzustehen“, sei sein „letztes Projekt“. Seine ureigene Frage von Selbstachtung.

Aus Selbstachtung gegen die eigenen Interessen? Die Motivlage ist nicht ungewöhnlich, sie kommt auch in Krisenregionen der USA vor, in denen „Arbeiterpatrioten“ das Treuegelöbnis zu Amerika hersagen, „während sie ihre eigenen Lebenschancen abwürgen“, in denen „kleine Farmer sich mit ihrer Stimmabgabe stolz um ihr Ackerland bringen“, schreibt Gert Mak in „Amerika!“.

Chirk Castle bei Wrexham im Norden, nahe der walisischen Grenze zu Shropshire. In Lord Howard de Waldens State Rooms zeigt eine Empire-Kommode mit Intarsien, dreischübiger Ordnung und Marmordeckung zwei Statuetten von Tänzerinnen, davor eine Ausgabe der Zeitschrift Country Life vom 29. November 1924 mit Field-Marshal Lord Alenby auf dem Cover. Von zweiarmigen Wandleuchtern gerahmt, erstrahlt das Porträt der Lady des Hauses, gemalt von Augustus John.

Der Guide in dieser urkonservativen Szenerie, John, nennt die gesellschaftlichen Brüche des Brexit eine „Tragödie“, gegen die es wirksame Mittel nicht gebe. Die „anderen“, die Lauten, beherrschten die „Straße“, blockierten die öffentliche Aufmerksamkeit. Er habe sich für „Remain“ ausgesprochen, sei aber, trotz der Verschiebungen in den Wahlkreisen, die der „Observer“ zitiere, im Zweifel, ob man „das Ganze“ zurückdrehen könne. Der Brexit sei ein Grabenkampf („battle line“).

Zu den Initiatoren zählte der „Guardian“ den früheren Ukip-Aktivisten Arron Banks, der dem Blatt zufolge den „Brexit finanzierte“. Banks wird zitiert: „Brexit war Krieg. Wir haben gesiegt. Es gibt jetzt kein Zurück“.

Fünfzig Meilen sind es nur nach Norden, zur Küste der Irischen See. Silhouetten großer Offshore-Windanlagen stricheln den ganzen Horizont, illustrieren die Abwendung von absterbenden Industrien des 19. Jahrhunderts, stehen für gewaltige Investitionen. Wales, denkt man, schafft den Weg zu Neuem doch. Aber die Energiefelder wurden nicht von walisischen oder britischen Investoren auf den Weg gebracht, sondern von der rheinischen RWE. Ausgerechnet der RWE, die an der Heimatfront im Braunkohlentagbau darum kämpft, das 19. Jahrhundert noch eine Weile fortzuschreiben. 

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