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Der Wahlkampf erschüttert die Niederlande

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Von: Reinhard Wustlich

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Krieg der Bilder vor den Wahlen: Die Niederlande sind zerrissen zwischen pragmatischen Zielen und populistischen Untiefen.

Vier Jahre ist es her, da erlebten die Niederlande einen erhebenden Tag. Nach zehn Jahren Umbauzeit war das Amsterdamer Rijksmuseum wiedereröffnet worden. Der Besucher, der sich dem repräsentativen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert über Spiegelgracht und Museumsbrug näherte, konnte sich die Gebäudeachse durch große Halle und Ehrengalerie direkt ins Goldene Zeitalter vorstellen.

Den zeremoniellen Höhepunkt der Achse besetzte ein Schlüsselwerk der Niederlande: Rembrandts „Die Nachtwache“ (1642), das raumsprengende Bildnis, das die Bürgerwehr-Kompanie des Frans Banning Cocq, des Militärkapitäns und späteren Bürgermeisters Amsterdams, im Aufbruch zeigt. Ein Schlüsselsujet für Kunst- wie Kulturhistoriker, welche die Rolle der europäischen Eliten jener Zeit zu ergründen suchten. Nicht nur war Cocq als Repräsentant der „regenten“ zugleich Sohn eines Emigranten, eines aus Bremen stammenden Apothekers.

Er hatte zudem, so ist anzunehmen, wie „die meisten holländischen Regenten (...) andere Prioritäten, als nach der wahren Religion zu rufen“, wie der niederländische Historiker Geert Mak die landeseigene Tradition der Befriedung charakterisierte. „Im Amsterdam des 17. Jahrhunderts war, um des lieben Friedens willen, das Dulden und Wegsehen ein unersetzlicher Bestandteil der Verwaltungspraxis.“ („Der Mord an Theo van Gogh“, 2005)

Frans Banning Cocq, so die Botschaft des Bildes, war an der Wehrhaftigkeit der Stadtgesellschaft gelegen, an der Wahrung der Integrationskraft für Juden, Muslime, Protestanten und Katholiken, auch an der Sicherung der „Belastungsgrenzen“ des Gemeinwesens. Er war darin, wie auch mit seinem migratorischen Hintergrund, dem heutigen Bürgermeister der weltoffenen Hafenstadt Rotterdam, Ahmed Aboutaleb, Sohn des Imam eines kleinen Dorfes im marokkanischen Rif-Gebirge, ähnlicher, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Letzterer nutzte 2015 für eine unmissverständliche Botschaft das zeitgenössische Bildmedium, das Fernsehen: „Wenn es euch hier nicht gefällt“, stellte der bekennende Muslim klar, der das liberale Miteinander in den Niederlanden in Gefahr sah, „haut einfach ab“. Die Botschaft des Sozialdemokraten (PvdA) an eine Islamismus-affine Minderheit im Lande: „Wenn ihr die Freiheit nicht wollt, packt eure Koffer und geht“. Für die Durchlässigkeit und Aufstiegschancen in der niederländischen Gesellschaft steht exemplarisch ein weiterer Name bei den Sozialdemokraten: Khadija Arib, seit 2016 Präsidentin der Zweiten Kammer des Parlaments der Niederlande, geboren in Marokko, aufgewachsen in der Nähe von Casablanca.

Die gesellschaftliche DNA der Duldung religiöser und kultureller Vielfalt gehörte seit dem Goldenen Zeitalter zur Innenausstattung der Eliten der Niederlande. Peter Burke beschreibt in seinem 1974 veröffentlichten Klassiker „Venedig und Amsterdam im 17. Jahrhundert“, dass sie „guten Gewissens als bikulturell bezeichnet werden (konnten). Sie hatten einerseits Zugang zu einer Kultur, an der die gewöhnlichen Leute keinen Anteil hatten, einer Kultur der klassischen Literatur, der barocken Kunst und der Naturwissenschaften. Aber sie waren auch an der zweiten, der populären Kultur beteiligt, deren Artefakte sie kannten und schätzten.“ Unter den populistischen Opponenten von heute würde dieser Lebensstil, Ausdruck kultureller Liberalität, als elitär und damit bekämpfenswert aufstoßen.

Die Neueröffnung des Rijksmuseum 2013, zum Ende der Ära von Königin Beatrix, war ein Symbol des kollektiven Standhaltens der niederländischen Gesellschaft. Der Gründungslegende zufolge eines Standhaltens gegen die allgegenwärtige Bedrohung durch die See, gegen die sie sich über die Generationen mit großen kollektiven Projekten behauptete. Mit der Errichtung der Polder und Deiche, der Absperrbauwerke und Häfen bis hin zu den Stadtentwicklungsprojekten und modernen Hafenumbauten unserer Zeit. Die Entwicklungsimpulse waren kräftig genug, um die Niederlande nicht als „communauté dés?vrée“ stagnieren zu lassen, um eine Formulierung von Jean-Luc Nancy zu zitieren – nicht als untätiges Gemeinwesen, das keine Werke hervorzubringen vermochte. Im Gegenteil. Nicht weniger herausfordernd war, in anderer Hinsicht, das Angehen gegen das Trauma der Nazi-Okkupation oder die Bewältigung von Folgen des Kolonialismus.

1975 und 1977 wurden erste „Risse im nationalen Idyll“ offenkundig, als sich jugendliche Aktivisten von der Inselgruppe der Molukken mit Gewaltakten „der holländischen Unterstützung im Kampf um die Unabhängigkeit von Indonesien versichern“ wollten (Ian Buruma: „Die Grenzen der Toleranz“, 2006).

Die Opfer der Zugentführungen, Geiselnahmen, Konsulats- und Schulbesetzungen der Molukker waren lange vergessen, bis man sich aus Anlass der Ereignisse der Jahre 2002 und 2004 wieder ihrer erinnerte. Vor der Jahrtausendwende hatte die Überwindung der „holländischen Krankheit“ der 1980er Jahre im Vordergrund gestanden: die Stagnation einer entwickelten Wohlfahrtsgesellschaft bei gleichzeitig zunehmender Arbeitslosigkeit von bis zu 14 Prozent. Die integrierten Konzepte „Sozialer Konsens“, „Lohnzurückhaltung“, „Reform des Sozialstaates“ und „Aktivierung des Arbeitsmarktes“ in den Niederlanden (Jelle Visser, Anton Hemerijk: „Ein holländisches Wunder?“, 1998) konnten als Blaupause der deutschen „Agenda 2010“ angesehen werden. Deren Folgen „unter der Oberfläche“ bis heute spürbar sind.

Schmerzhafte Konsequenzen

Das tradierte Korporationsmodell, in den Niederlanden als „Säulenmodell“ bezeichnet, wurde im Prozess der ökonomischen Anpassung strapaziert. „Verbesserung der öffentlichen Finanzen“ bedeutete Konsolidierung des Staates. Nicht Konsolidierung der Lage des Einzelnen. Zeitgleich ging es für die Niederlande um die Gestaltung von Anforderungen der Globalisierung, eine Existenzfrage für das Nachbarland, das „eine der offensten Ökonomien der Welt“ entwickelt hat. Der große Anteil multinationaler Konzerne gilt als außergewöhnlich.

Schmerzhafte Konsequenzen waren die Folge für Menschen, die von den Reformen betroffen waren. Teilzeitarbeit nahm zu, ethnische Minoritäten beklagten geringe Beschäftigungschancen, Abstiegsängste verfestigten sich in der Mittelschicht. Hatte man ursprünglich in „geschlossenen Gemeinschaften (...) in politischer Hinsicht weitgehend aneinander vorbei (gelebt)“, „Säule neben Säule“ (Geert Mak: „Niederlande“, 2008), so wurde das tradierte Modell abgelöst durch eine immer weiter ausdifferenzierte Gesellschaft, deren ursprünglich religiöse und korporationistische Bindekräfte schwanden.

Bei wachsender internationaler Anerkennung haben die Niederlande in den vergangenen zwanzig Jahren zugleich im Inneren schwere Erschütterungen durchmachen müssen – zum Teil durch den Strukturwandel seit den 1990er Jahren verursacht, zum Teil durch ungeregelte Migrationsfolgen begründet. Diese Verwerfungen im System wurden nicht erst 2002 und 2004 ausgelöst – durch die „high-profile political murders“ („Guardian“) an dem exzentrischen, rechtspopulistischen Politiker Pim Fortuyn in Hilversum und dem in vielfacher Hinsicht auffälligen Regisseur Theo Van Gogh in Amsterdam.

Die Bilder der „high-profile political murders“, der politisch motivierten Morde an Pim Fortuyn und Theo van Gogh bezeichneten eine absolute Sonderstellung in der Bilderflut, mit der Menschen in modernen, medial und digital vermittelten Erregungs-Gesellschaften – wie beiläufig – konfrontiert werden.

Als „Schlagbilder“ und „Filmsequenzen“ repräsentierten sie Ereignisse als einschneidend, die „das kulturelle wie das kommunikative Gedächtnis nachhaltig formen und überformen“, wie der Historiker Gerhard Paul feststellte. „Ohne dass der einzelne Mensch in der Lage gewesen wäre, diese Bilder zu dechiffrieren, geschweige denn sich ihnen zu entziehen“, verursachen sie grundlegende Wandlungen gesellschaftlicher Befindlichkeiten („Bilder des Krieges – Krieg der Bilder“, 2004).

Dem Rechtspopulisten Pim Fortuyn, der sich 2001 in der Gruppierung „Leefbar Nederland“ und 2002 in der von ihm gegründeten Lijst Pim Fortuyn (LPF) engagierte, hatte ein Fächer von Aussagen gegen politische Korrektheit genügt, darunter als auffälligste Exemplare „Islam als rückständige Kultur“, „Schließung der Grenzen gegen Asylsuchende und Muslime“ oder „Zuspitzung der Integrationsdebatte“ – und ein rhetorisches Ausnahmetalent, um die Vertreter des niederländischen Konsensmodells grau aussehen zu lassen. Er profitierte davon, ungelöste Probleme zuzuspitzen, denn deren Unlösbarkeit ist die Basis des Populismus.

Der Mord an Fortuyn, begangen durch den militanten Tierschützer Volkert van der Graaf, der später das Motiv nachreichte, er habe „Muslime schützen“ wollen, da sie als „Sündenböcke“ benutzt worden seien, fand 2002 in Hilversum quasi auf der gesellschaftlichen Backstage statt, wenngleich unter so geheimnisvollen Umständen, dass er von dem Kriminalschriftsteller Tomas Ross in einem Polit-Thriller rekonstruiert wurde („Der Tod des Kandidaten“, 2009).

Der Mord an dem Regisseur Theo van Gogh, zu dessen extremem Begriff der Freiheit der Rede auch das vermeintliche Recht zur Beleidigung Andersdenkender gehörte, war 2004 als rituelle Inszenierung eines jungen marokkanischen Holländers choreografiert worden, Mohammed Bouyeri, der nahe des Oosterpark in der Amsterdamer Linnaeusstraat den Regisseur auf offener Bühne vom Fahrrad stieß, einige Male auf ihn schoss, ihm dann die Kehle mit zwei Schnitten durchtrennte, um ihm schließlich mit einem zweiten Messer eine Botschaft, ein „Manifest“, auf den Körper zu heften.

„Den ganzen langen Morgen lag der Filmemacher Theo van Gogh in seinem blauen T-Shirt da und war und blieb tot, auch noch Monate später, und im Kopf und im Herzen seiner besten Freunde hörte es gar nicht mehr auf.“ Geert Maks Beschreibung vermittelt das Trauma der Situation, das sich festzusetzen, jeden Gedanken einzufrieren drohte.

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