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Wagner for Sale

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Mit "Wagner for Sale" läuft in der Neuköllner Oper eine urkomische, ziemlich abgedrehte Bühnenshow, die sich zum 200. Jubiläum der Themen des Dichters annimmt. Sechzig Minuten Nonsense, Situationskomik und Spaß formen eine gelungene Parodie.

Von Clemens Haustein

Es gehört zum Schicksal der Welterklärer, dass die Welt, die sie soeben erklärt haben, ihnen nicht nur mit dankbarer Bewunderung antwortet, sondern auch mit Spott. Es bleibt wohl dabei: Jeder kann immer nur seine eigene Welt erklären, und sobald er Allgemeingültigkeit beansprucht, begibt er sich auf glattes Eis. Es gibt dann diejenigen, die meinen, ihnen sei auch ihre Welt erklärt worden – und die zu Jüngern werden. Und wohl ebenso viele andere, denen das alles absurd oder komisch vorkommt. Richard Wagner hat der Welt große Welterklärungsdramen geschenkt – und naturgemäß ebenso viele Steilvorlagen, sich darüber lustig zu machen.

Die ergeben sich nicht zuletzt aus dem mythischen, zuweilen pseudoreligiösen Nebel, mit dem der Dichterkomponist seinen Gültigkeitsanspruch inszeniert: Altertümelnde Sprache, der Hang zum Weihevollen, ein Opernpersonal, das selten ohne Speer, Schild und Helm ausgeht. Das wurde schon zu Lebzeiten Wagners eifrig parodiert und karikiert. Wenn jetzt 200 Jahre Wagner gefeiert werden, bedeutet das zugleich mindestens 150 Jahre Wagner-Parodie, -Karikatur und -Witz. Diese wichtige Seite der Wagner-Rezeption wird bei den Feierlichkeiten bislang erstaunlich wenig gewürdigt. Vermutlich auch, weil sich das Witzeln über Wagner im Laufe der Jahre dann doch etwas totgelaufen hat.

Neurosen in Hosen

An der Neuköllner Oper wagt man es dennoch und brachte am Dienstag mit „Wagner for Sale“ einen urkomischen, ziemlich abgedrehten Beitrag zum Jubiläumsjahr heraus. Was da von vier Schauspielern auf der Bühne des Studios aufgeführt wird, ist vielleicht auch deshalb so gelungen, weil man sich auf Wagners große Themen erst gar nicht einlässt. Ausgangspunkt ist die heftige Wirkung seiner Opern auf die Kunstkonsumenten. Die Begeisterungswilligsten unter ihnen werden bekanntlich „Wagnerianer“ genannt. Drei Wagnerianer sind es auch, die hier den Devotionalienhandel „Ring und Gral“ betreiben – drei Personen mit einem deutlichen Zug zum Neurotischen.

Darunter ein bedächtiger Herr im braunen Cordanzug (Moritz Gagern), der den ganzen Abend lang keine Miene verzieht, aber der Leiter dieses Geschäfts sein muss, weil er noch weniger zu tun hat als alle anderen; er setzt sieht es gar nicht gern, wenn sein Kollege (Christian Bo Salle) beim gemeinsamen Hören von Wagner-Highlights enthusiastisch mitdirigiert. Der Kollege selbst ist meist mit dem Abzählen der herumstehenden Kartons beschäftigt, wenn er nicht gerade bei einem Monolog über die „Revolution in der Musik Wagners“ außer sich gerät.

Das Horn ruft nach vorn

Den Hauptteil der Arbeit verrichtet ein Frauenzimmer in Kniestrümpfen, Rock und Rüschenbluse (Sommer Ulrickson). Sie nimmt Bestellungen auf, die über ein mit Siegfrieds Hornruf auf sich aufmerksam machendes Telefon eingehen. Sobald Wagner-Musik erklingt (in sehr gelungenen Klangcollagen, ebenfalls Moritz Gagern), muss sie wie eine Besessene tanzen, zucken, sich auf dem Boden wälzen. Bleibt als vierte Person eine echte Sängerin (Olivia Stahn), die zum Angebot des Wagner-Kramladens gehört und sich praktischerweise durch Drehen an ihrem Fingerring lauter und leiser stellen lässt.

Sechzig Minuten Nonsense, Situationskomik und überraschende Nichtigkeiten sind das; eine gelungene Parodie auf all jene, die süchtig sind nach dem Schauer, den Wagners Musik ihnen über den Rücken jagt. Unheimlich ist auch eine Tür im Hintergrund der Bühne, aus der es beim Öffnen windet und blitzt. Es ist der Ausgang aus dem Lagerraum von „Ring und Gral“, dort lauert die Außenwelt, die Realität. Und die ist der Horror für jeden Enthusiasten.

Nächste Vorstellungen: 12.,14. sowie 15. Mai, jeweils 20 Uhr im Studio der Neuköllner Oper.

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