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Während das Schiff hinterherdampfte

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Von: Sylvia Staude

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Waljäger bei der Arbeit. Der Grönlandwal war ein beliebtes Ziel wegen des biegsamen „Fischbeins“ für Korsetts. Ende des 19. Jahrhunderts war das Tier fast ausgerottet.
Waljäger bei der Arbeit. Der Grönlandwal war ein beliebtes Ziel wegen des biegsamen „Fischbeins“ für Korsetts. Ende des 19. Jahrhunderts war das Tier fast ausgerottet. © imago/Bluegreen Pictures

Davon, wie der junge Arthur Conan Doyle auf Walfang war, erzählt sein Arktis-Tagebuch von 1880. Literatur ist das nicht, vielmehr ein unbefangenes Zeugnis aus einer Zeit, als man bereits ahnte, dass zu viel Raubbau betrieben worden war, und trotzdem auf alles schoss, was sich bewegte.

Am Samstag, dem 22. Mai 1880 wurde der Medizinstudent Arthur Conan Doyle 21 und damit volljährig, und er wurde es auf einer außergewöhnlichen Reise: „Ziemlich witziger Ort dafür“, schrieb er am 22. Mai über seinen Geburtstag in sein Tagebuch, „nur ungefähr 600 Meilen vom Nordpol entfernt.“ Einige Monate vorher, im Februar, hatte ihn ein Kommilitone der Universität Edinburgh gefragt, ob er nicht einspringen wolle als Schiffsarzt auf dem Walfänger Hope – Abfahrt nächste Woche. Der junge Mann war schnell entschlossen, übernahm die Arktis-Ausrüstung des Kommilitonen und war am 28. Februar erwartungsfroh an Bord, als die SS Hope vom schottischen Peterhead ablegte. Am 11. August kehrten sie zurück, sie waren nicht sehr erfolgreich gewesen, denn die allgemeine Abschlachterei in den Meeren dauerte schon zu lange.

Das nicht sehr umfangreiche, aber muntere und mit zahlreichen anschaulichen Zeichnungen versehene Reise-Tagebuch Conan Doyles wurde 2012 von Jon Lellenberg und Daniel Stashower erstmals herausgegeben und ist nun im mareverlag in Übersetzung erschienen unter dem Titel „‚Heute dreimal ins Polarmeer gefallen‘. Tagebuch einer arktischen Reise“. Nützliche Anmerkungen und Faksimiles sind beigefügt, im Anhang auch ein Magazinbericht des Autors von 1897. Zudem seine 1883 erschienene Erzählung „Der Kapitän der Pole-Star“ und die Sherlock-Holmes-Geschichte „Der Schwarze Peter“ von 1904: Die beiden zeigen, wie die Arktis-Abenteuer später zu Literatur wurden.

Literatur, das ist das Tagebuch des späteren Meisterdetektiv-Erfinders gewiss nicht. Vielmehr ein unbefangenes Zeugnis aus einer Zeit, als man bereits mehr als nur ahnte, dass zu viel Raubbau betrieben worden war, und trotzdem auf alles schoss, mit Gewehr wie Harpune, was sich auf dem Eis, im Wasser und in der Luft bewegte. Conan Doyle notierte am 13. Juni 1880, freilich ohne Schlüsse daraus zu ziehen: „wir sind die einzigen Überlebenden jener Männer, die einst Grönland vom 80. bis zum 72. Breitengrad plünderten“. Die Grönlandwale, beliebt auch wegen des biegsamen „Fischbeins“ für Korsetts, waren Ende des 19. Jahrhunderts schon fast ausgerottet, diverse Robbenarten stark dezimiert. Auf der SS Hope, das dokumentiert Arthur Conan Doyles Tagebuch, ging es trotzdem zu, als gäbe es kein Morgen.

Tabak- und Schnapsverteiler

Nicht vorrangig wegen ihrer medizinischen Fähigkeiten wurden häufig Studenten als Schiffsarzt an Bord genommen, sondern als Schreiber, Buchführer – penibel stellte Conan Doyle Listen der getöteten Tiere auf –, als Tabak- und Schnapsverteiler. Gut schießen sollten sie können (eine Bedingung, die der spätere Schriftsteller offenbar erfüllte), dazu den Kapitän unterhalten, für den es nicht schicklich war, sich unter die Mannschaft zu mischen. Ein kundiges Gespräch über Goethe und Shakespeare erwähnt Conan Doyle am 21. Juli, zuvor auch, dass er den „Faust“ liest und Goethes Hexen „viel schauerlicher“ findet als Shakespeares.

Die „kritische Analyse“ von „Faust“ und Shakespeare fasst er zusammen: „wir sind also hier draußen nicht völlig barbarisch“. Doch mit wie frohem Mut sie metzeln, Arthur Conan Doyle eingeschlossen, erscheint aus heutiger Sicht durchaus barbarisch. Am 3. April notiert er über die von der SS Hope wann immer möglich ausgeübte Robbenjagd: „alle Mann kletterten über die Bordwand, sprangen von einer Treibeisscholle zur nächsten und töteten alles, was sie sahen, während das Schiff hinterherdampfte und die Felle einsammelte.“ Im Eisschollenspringen unerfahren, fiel Conan Doyle – siehe Titel – einige Male ins Wasser. Wurde rausgefischt oder zog sich selbst raus. Wechselte die Kleidung und machte weiter. Empfindlich war der Schriftsteller als junger Mann jedenfalls nicht.

Arthur Conan Doyle: „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“. Tagebuch einer arktischen Reise. Hrsg. Jon Lellenberg und Daniel Stashower. Aus dem Englischen von Alexander Pechmann. mareverlag 2015. 336 Seiten, 28 Euro.

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