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Vorstufe zur Insolvenz oder Sanierungsplan

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Alles auf eine Karte: Die Anwendung eines neuen Gesetz soll den Verlag vor seinem Zerfall bewahren. Riskant, sehr riskant.
Alles auf eine Karte: Die Anwendung eines neuen Gesetz soll den Verlag vor seinem Zerfall bewahren. Riskant, sehr riskant. © imago

Der gebeutelte Suhrkamp Verlag hat Anfang dieser Woche ein Schutzschirmverfahren eingeleitet. Ein kompliziertes und umstrittenes Verfahren, das den Verlag vor dem Zerfall retten kann. Wenn es gut geht.

Von Dirk Pilz

Der lustigste Vorschlag stammt von Michael Krüger, scheidender Chef des Hanser Verlags: „Warum hat Herr Hoeneß seine Millionen, statt sie heimlich in der Schweiz zu verstecken, nicht heimlich Suhrkamp zugesteckt?“ Ja, warum eigentlich nicht? Das wäre eine herrliche Geschichte: Hoeneß rettet Suhrkamp, der Fußball die Hochkultur. So wird, leider, der Suhrkamp Verlag nicht gerettet werden. Aber wie dann? Am Donnerstagnachmittag rief die Geschäftsführerin und Mehrheitseignerin des Verlags, Ulla Unseld-Berkéwicz, die Autoren des Verlags in ihre Villa in Berlin-Nikolassee. Das Treffen sollte bereits letzte Woche stattfinden und wurde kurzfristig verschoben. Es war, in bester Tradition eines Verlages, der sich in erster Linie seinen Autoren verpflichtet weiß, zunächst lediglich eben dies: ein Autorentreffen. Man trifft sich, man sieht sich, man plaudert; es waren auch viele gekommen, von Durs Grünbein über Rainald Goetz bis Volker Braun und Uwe Tellkamp.

Gesprochen hat allerdings vornehmlich ein Mann: der Anwalt Dr. Frank Kebekus. Er ist seit Anfang dieser Woche der Generalbevollmächtigte des Verlages und leitet ein Verfahren, an dessen Ende ein restrukturierter Suhrkamp Verlag stehen soll, der sich wieder ganz seinem Geschäft widmen kann: dem Verlegen von Büchern. Kebekus ist bei Suhrkamp, weil der Verlag Anfang dieser Woche beim Landgericht Berlin-Charlottenburg ein Schutzschirmverfahren eingeleitet hat. Damit bedient er sich einer Sonderform des Insolvenzrechts, des erst im März 2012 in Kraft getretenen Gesetzes zur Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG).

Was will Barlach?

Nachdem Suhrkamp diesen Schritt mitgeteilt hatte, war zu beobachten, was für den gesamten, seit Jahren dauernden Suhrkamp-Stress symptomatisch ist: Keiner weiß, was davon zu halten ist. Die FAZ wurde von schlimmen Zweifeln beschlichen, ob dies der erhoffte Befreiungsschlag sei, die Süddeutsche Zeitung sah weitreiche Möglichkeiten, die verfahrene Situation zu lösen. Für die einen ist das Schutzschirmverfahren die Vorstufe zur Insolvenz, für andere ein cleverer Sanierungsplan, gar ein genialer Coup, um Hans Barlach endgültig auszugrenzen.

Es ist zumindest der Versuch, einen Streit zu entwirren, der längst pathologische Züge trägt: Mit 39 Prozent ist die Medienholding AG von Hans Barlach an Suhrkamp beteiligt. Barlach hat eine Reihe von Verfahren gegen Berkéwicz und die Familienstiftung Unseld angezettelt und auch gewonnen. Zuletzt entschied das Landgericht Berlin, dass Berkéwicz als Geschäftsführerin abtreten müsse.

Die Frage ist: Was will Barlach eigentlich? Was treibt ihn? Als er zusammen mit dem Investmentbanker Claus Grossner die Verlagsanteile kaufte, sagte Peter Sloterdijk, bei Suhrkamp verlegt und mit größtem Einfluss im Verlag, man habe es hier mit einer „höheren Form von missgeleiteter Liebe zur Hochkultur“ zu tun, mit dem „Versuch eines Seemanns, mit dem Enterhaken an der Bordwand eines großen Kulturtankers hochzukommen“. Barlach hat damit viel Schaden angerichtet. Das Schutzschirmverfahren zwingt ihn jetzt, die hoch- oder niedrigkulturellen Karten auf den Tisch zu legen: Was will er? Wüsste man es, wäre dem Verlag schon geholfen.

Die Lage ist ernst

Aber es stellen sich weitere Fragen: Wie konnte es 2007, kurz vor dem Umzug des Verlags von Frankfurt nach Berlin, zu einem offenbar mangelhaften Gesellschaftervertrag kommen, der es den Gesellschaftern erlaubt, in die Verlagsbelange hineinzuregieren und, siehe Barlach, im Zweifelsfall zu prozessieren? Wieso hat Berkéwicz sich zu einem derart heiklen und ungewöhnlichen Vertragskonstrukt drängen lassen? Ist sie als Geschäftsfrau überfordert? Und ist das ESUG jetzt das geeignete Instrument, um – so ist der rechtliche Rahmen – binnen drei Monaten einen neuen Gesellschaftervertrag zu erzwingen, der den Verlag handlungsfähig hält? Aber steht das gesamte Schutzschirmverfahren damit nicht unter dem Verdacht, eine Scheininsolvenz herbeigeführt zu haben? Kann man mit insolvenzrechtlichen Schritten überhaupt ein verfahrensrechtliches Problem lösen? Ist hier ein Präzedenzfall gegeben, der vom Bundesgerichtshof zu entscheiden wäre, gerade weil es kaum juristische Erfahrungen im Umgang mit dem ESUG gibt?

Dass sich der Verlag auf eine derart riskante Mission einlässt, auf dieses „Fegefeuer“, so sagt Kebekus, zeigt zumindest, wie ernst die Lage ist: sehr sehr ernst. Gelingt sie, werden zum Wohle des Verlags die Einflüsse aller Gesellschafter eingeschränkt, jene von Berkéwicz genauso wie jene von Barlach. Wenn es misslingt, geht der Verlag womöglich insolvent. Dann könnten nur noch private Geldgeber helfen. Der Verleger Hubert Burda etwa. Sein angebliches Interesse an Suhrkamp wurde zwar inzwischen von ihm dementiert, aber in der Sache Suhrkamp muss man nach derzeitigem Stand alles für möglich halten. Vielleicht will Burda doch? Oder Uli Hoeneß?

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