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Dirk Ippen: „Die Leser sind keine Ware, über die man beliebig verfügen kann.“

Dirk Ippen wird 80

Vom Laub unter schneebedeckten Gipfeln

  • Thomas Kaspar
    vonThomas Kaspar
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Verleger Dirk Ippen wird heute 80 Jahre alt – er hat ein Medien-Imperium aufgebaut.

Es gibt verschiedene Arten von Interesse. Gerade wenn das Gegenüber eine Machtposition innehat, und Dirk Ippen ist nun wahrlich einer der mächtigsten Männer in der deutschen Medienindustrie, wenn sich also Machtinteresse mit persönlicher Neugier verbindet, kann sich manchmal das Gegenüber nicht sicher sein, ob er nicht eigentlich für die eigenen Interessen befragt wird.

Anders bei Dirk Ippen, der heute am 13. Oktober seinen 80. Geburtstag feiert. Er lebt das Interesse am Menschen an sich und dem einzelnen Menschen vor sich im Wortsinn – „inter esse“, dazwischen sein. Wirklich zuhören, ganz in diesem Moment beim anderen sein, das kann er wie kaum ein anderer – und er macht dabei keine Unterschiede, nicht zwischen dem Zeitungsausträger in Hamm oder dem Vorstandsvorsitzenden in München. Für ihn zählt einzig, ob das Gegenüber wahrhaftig und offen ist, und vielleicht auch, ob es seine Ansprüche an Klugheit nicht beleidigt. Mit wachen Augen und noch wacherem Verstand zieht er aus diesen Momenten des Dazwischenseins vorurteilsfreie Informationen, die ihn die Welt so sehen lassen, wie sie ist. So ist er über die Lage seiner Heimatzeitungen vor Ort ebenso aus erster Hand informiert wie über den Stand der Weltwirtschaft.

„Vides, ut alta stet nive candidum Socrate“. „Du siehst, wie im tiefen Schnee weiß dasteht, der Berg Socrate“, hat diesen Spruch des römischen Humanisten Horaz der Dichter Christian Morgenstern übersetzt. Diese Sentenz findet, wem es gelingt, in das oberbayrische Refugium Dirk Ippens eingeladen zu werden. Die Übersetzung kann wörtlich nehmen, wer auf einer der Bänke seines renovierten Bauernhofes hinüber in die Alpengipfel blickt. Der Gründer der mittlerweile größten Lokalzeitungsgruppe, zu der inzwischen auch der nationale Titel „Frankfurter Rundschau“ gehört, wäre nicht er selbst, wenn er nicht auch den Spaß an der Ambiguität, der Vieldeutigkeit, der Vielinspiration da an seine Hauswand gemeißelt hätte. In der gleichen Ode von Horaz heißt es etwa weiter „ausgeglichen gedenke in harten Verhältnissen zu bewahren den Sinn, nicht anders als du in glücklichen ihn gemäßigt bewahrtest“.

Wenige würden Dirk Ippen als ausgeglichen beschreiben, sondern vielleicht eher sein Feuer und seine Leidenschaft für neue Projekte betonen. Und doch trifft es den Kern seines unternehmerischen Handelns, das Feuer des Handelns, den Drang zur Expansion mit einem inneren Gleichmut zu verbinden. Ippen ist auf der einen Seite Micromanager, der sich um jedes Detail kümmert, gleichzeitig lässt er die gewähren, von denen er erkannt hat, dass sie ihr Handwerk beherrschen und in seinem Sinne das Neue wagen. Auf einer seiner leisen Ansprachen vor seinem Mangagementkreis fielen einmal Sätze wie: „Sie werden vielleicht nicht verstehen, was die jungen Wilden im Digitalen unternehmen. Aber das ist gut so. Nur so entsteht Neues. Bitte unterstützen Sie das.“ Das kann nur, wer in sich ruht, auf die schneebedeckten Gipfel schaut und sich nicht in den Wirren der Talwege verirrt.

Nach ärmlichen Anfängen der Nachkriegstage verdiente Dirk Ippen früh sein erstes Geld mit Zeitungen. Er sammelte das Altpapier und verkaufte es gebündelt als Kilopakete an einen Fischhändler. Er erinnert sich in seinen Memoiren nicht mehr an die Geldsummen, die er damit verdient hat, sehr wohl aber an die Chance, über sein erstes Geschäft mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen.

In der Folge baute sich Dirk Ippen schrittweise sein Verlags-Netzwerk auf. Sein Stammhaus wurde der „Westfälische Anzeiger“ in Hamm. Von dort aus erweiterte er sein Wirkfeld immer weiter: Die Kreiszeitung in Syke, die „Offenbach Post“, „Allgemeine Zeitung Uelzen“, der „Münchner Merkur“. Signifikant ist, dass ihm die kleine „Leine-Deister-Zeitung“ oder das „Fehmarnsche Tagblatt“ innerlich mindestens so wichtig sind wie die großen Flaggschiffe wie das Boulevardblatt „tz“ in München.

Dirk Ippen, der inzwischen zu den reichsten Deutschen zählt, hat die Summe seiner Unternehmungen nach außen nie addiert, nie die eigene Größe aufgeblasen. So konnte er unter Verzicht auf sichtbare Statussymbole stets die Augenhöhe wahren, mit der er sich jeweils wieder mit seinen Gegenübern besprach. Und so konnte er immer im Blick behalten, wessen Interessen für ihn im Vordergrund stehen: Seine Leserinnen und Leser. „Die Leser sind keine Ware, über die man beliebig verfügen kann“, ist einer der Schlüsselsätze Ippens. So versendet er bis heute Mails an seine Chefredakteure, in der er darum bittet, nicht zu übersehen für wie viele Menschen es eine Mühsal ist, sich mit dem Laub der Herbstbäume zu plagen. Das kann man als kleinteilige Einmischung sehen – im Kern ist es die andauernde Mahnung, nie den Kontakt zum realen Leben, zur Haftung mit dem laubbedeckten Boden unter den schneebedeckten Gipfeln zu verlieren, immer Service und lebensnahe Relevanz für die Menschen zu bieten.

Früh hat Dirk Ippen erkannt, wie fundamental das Internet die Medienlandschaft verändern wird. Regelmäßig reiste er in die USA und beobachtete Entwicklungen, sprach mit Verlagsvertretern ebenso wie mit jenen, die heute Startup-Gründer heißen, bevor der Begriff erfunden war. Gemäß seinem Grundsatz, dass Unternehmertum „Mut zur kreativen Zerstörung des Alten“ bedeute, wagte er früh den Einstieg in das Digitalgeschäft. Nicht indem er seine Zeitungen ins Internet brachte, sondern indem er komplett neue Geschäftsmodelle versuchte. Seine digitalen Rubrikenmärkte wuchsen dank der Weitsicht schnell zu den größten im deutschsprachigen Raum und brachten ihm Erlöse in Millionenhöhe. Diese Strategie verfolgt er bis heute: Diejenigen, die wissen wie es geht, machen zu lassen und nur einzuschreiten, wenn ihm die Grundrichtung falsch erscheint. Entstanden ist so eine digitale Plattform, auf der alle seine Zeitungstitel, auch die Frankfurter Rundschau, erscheinen. Und die kontinuierlich wächst und Journalismus auch in Zukunft ermöglicht.

Dirk Ippen wird heute unzählige Glückwünsche und Grußbotschaften erhalten, die sein Werk würdigen. Im Kern wird von diesem Tag ein Substrat bleiben: Wer so viel Interesse lebt, erlangt als Mensch wahres Sein.

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