Unter Tieren

Aus der Vogelküche

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Soll man Vögel im Winter füttern? Soll man sie gar das ganze Jahr füttern? Und wie viele Futterarten sind nötig?

I ch möchte nicht behaupten, dass es in meinem Haushalt besonders ordentlich oder auch nur bürgerlich zugeht. Sobald man die Haustür geöffnet hat, stolpert man über verdreckte Stiefel oder die Tonne mit dem Schafkraftfutter, schlängelt sich an einem Tablett mit diversen Tier-Medikamenten vorbei und fällt dann fast in das ehemalige Gästezimmer, in dem jetzt zwei chronisch schnupfende Kaninchen wohnen. Futternäpfe, Fieberthermometer (fürs Schaf) und Heureste finden sich praktisch überall.

Aber dass man jetzt nicht mal mehr vom Gartentörchen aus die Haustür erreichen kann, ohne von einem Dutzend Speed-Meisen umgeflogen zu werden, das ist neu!

Schuld daran ist meine Freundin T., die offenbar den Eindruck hatte, dass ich mit vierzig Schafen, Ziegen, Gänsen, Kaninchen und „dem bisschen Schreiben“ noch nicht ausgelastet bin. In einer Tageszeitung fand sie kürzlich ein Interview mit dem Ornithologen Peter Berthold, der für eine ganzjährige Vogelfütterung wirbt. Die Überschrift überzeugte sie sofort: „Vögel füttern ist unsere moralische Pflicht“, und bei der Vorstellung, dass man meine Diele um etliche weitere Futtervorräte und meinen Tagesablauf um weitere tierbezogene Pflichttermine bereichern könnte, dachte sie gleich, das sei was für mich! Natürlich habe ich die Vögel früher schon in harten Wintern gefüttert, aber anscheinend setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass man das ganze Jahr über füttern muss. Gerade auch in der Aufzuchtsaison benötigen die Elterntiere Unterstützung, weil bereinigte Gärten und Felder nicht mehr genug Insekten, Körner und Samen hergeben.

Hier fangen die Probleme schon an: Mir scheint es widersprüchlich, „unseren“ Vögeln konventionell angebautes Futter anzubieten, wenn die Anbaumethoden daran schuld sind, dass das Nahrungsangebot für Vögel insgesamt schrumpft. Also müssen Biohaferflocken her, die in Bio-Sonnenblumenöl getränkt werden. Das ist für die Amseln, Tauben, Eichelhäher und den Buntspecht; Meisen, Kleiber, Gimpel und Finken erhalten Sonnenblumenkerne in an Bäumen schaukelnden Futtersilos.

Insgesamt haben wir zwei konventionelle Futterhäuser sowie fünf Futtersilos installiert. Und natürlich, für weitere Anregungen, das Buch des besagten Ornithologen bestellt. Zu meinem Schreck lese ich darin, dass manche Vögel ihr Futter partout nur vom Erdboden aufnehmen wollen, da muss man also auch noch was hinstreuen. Außerdem werden Ringe und Kugeln mit Samen in Fett dringend empfohlen. Das Ganze erinnert mich ein bisschen an die Puppenküche meiner Kindheitsfreundin Ornella, auf deren Miniaturherd wir Grasmahlzeiten für ihre Pferde kochten… Aber dies hier ist natürlich Ernst, will sagen: moralische Pflicht.

Etwas wehmütig berichtet der Vogelfütterexperte von der früheren Sitte, Reste von erjagten Wildschweinen oder „Fuchskerne“ für die Meisen rauszuhängen.

„Was ist ein Fuchskern?“, fragt T. Das muss ich erst googeln. „Anscheinend das, was vom Fuchs übrig bleibt, wenn man ihn gehäutet hat“, sage ich.

Generell scheint der Ornithologe Füchse nicht sehr zu lieben: Wenn man an den Futterstellen Probleme mit Füchsen, Mardern oder Waschbären bekommt, soll man den zuständigen Jäger konsultieren, heißt es. Bei Ratten helfe Gift.

„Sicher nicht!“, sagt T. „Dabei war mir das, was er über die moralische Pflicht zur Vogelfütterung gesagt hat, so sympathisch.“

Ihre Empörung über Jagd und Gift teile ich. Aber insgeheim bin ich doch auch froh, dass mit dem moralischen Glaubwürdigkeitsverlust des Ornithologen der endlosen Ausweitung der Vogelfütterung ein gewisser Riegel vorgeschoben ist. Zwei Mal am Tag muss ich inzwischen nachlegen, überall piept es, und im Vorgarten geht es zu wie auf dem Nürburgring. Immerhin ist es nett, die Vögel zu beobachten – sagen die Leute. Kann ich so nicht bestätigen. Manche hungrige Kerlchen kapierten das mit den Fensterscheiben nicht, und um weitere Unfälle zu vermeiden, haben wir die Fensterscheiben des Erdgeschosses nach und nach mit Blättern, Zweigen und Verpackungsmaterial beklebt. Meine Sicht nach draußen ist daher etwas eingeschränkt.

Aber ich kann ja im Innern meinen Blick wohlig über die ständig wachsende Landschaft von Futtermitteln schweifen lassen. Sehe gerade, T. hat noch Erdnüsse gekauft. Außerdem liegt da ein Block Pflanzenfett. – Ist das etwa Palmöl? Nee, meine Liebe, so geht das nicht!

Hilal Sezgin , Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“. Kürzlich ist ihr neues Buch „Nichtstun ist keine Lösung. Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs“ im DuMont Buchverlag erschienen.

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