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Vogelgrippe gibt es nicht

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Auch Gerüchte und Halbwahrheiten verbreiten sich in der Blogosphäre schnell. Das neueste Verschwörungsszenario: Die Vogelgrippe gibt es gar nicht.

Von MARIO SIXTUS

"Die journalistischen Prinzipien und Fähigkeiten, Informationen wahrzunehmen, zu sichten und zu bewerten, müssen ins allgemeine Bildungsgut übergehen", hat der Schriftsteller und Netzpionier Peter Glaser kürzlich in einem Interview gefordert. Journalismus sei, so Glaser, mittlerweile kein Beruf mehr, sondern ein Element der Allgemeinbildung. Wenn mal wieder Gerüchte und Halbwahrheiten durch die Blogosphäre ziehen, wünscht man sich, dieses Element wäre ein wenig gleichmäßiger in der Welt verteilt.

Als ein Beispiel mag das neueste Verschwörungsszenario dienen: Die Vogelgrippe gibt es gar nicht. "Tatsächlich liegt die Vermutung nahe, dass die Vogelgrippe erfunden wurde um die tierquälerische Käfighaltung auszuweiten", spekuliert Bloggnjus. Seine Theorie: Durch Käfighaltung sänken die Kosten, durch Verknappung zögen die Preise an, unterm Strich bliebe ein gesteigerter Gewinn. Tobias spricht vom "Profit mit der Angst".

Argumentationshilfe für ihre fantasievolle Realitätswahrnehmung liefert den Verschwörungs-Bloggern ein Interview der Online-Zeitung "Faktuell" mit dem "Virologen Stefan Lanka". Nicht ein Virus sei am Vogelsterben schuld, sondern die Massentierhaltung, erfährt der staunende Leser dort. Lanka: "Es ist moderner Subventionsbetrug mit lähmender Angsterzeugung, die nebenbei auch garantiert, dass niemand nach Beweisen fragt."

Huch, ein Skandal! Und solch erschütternde Wahrheiten müssen wir aus einer Netzgazette erfahren statt von der etablierten Presse? Klickt man sich ein wenig durch besagte Online-Postille, entdeckt man schnell eine unkritische Nähe zu obskuren Heilslehren wie etwa der "neuen germanischen Medizin". Wer auch noch den Namen des befragten "Viren-Experten" in eine Web-Suchmaschine eingibt, stellt schnell fest, dass er bereits einige Bücher geschrieben hat. Interessanterweise finden sich diese Publikationen hauptsächlich in Online-Shops, die ansonsten Literatur über "Heilgebete", "Freie Energie" und die "Reinkarnationslehre" anbieten.

In der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia heißt es über Stefan Lanka diplomatisch: "Von anerkannten Wissenschaftlern wird er meist nicht beachtet, manchmal belächelt." Dort erfährt man auch, was er an der Vogelgrippe auszusetzen hat: "Lanka vertritt die Ansicht, dass keine Viren existieren, die Krankheiten verursachen." Aha. Danke. So viel zur virusartigen Ausbreitung der Vogelgrippe-Lüge - und zum Journalismus als Element der Allgemeinbildung.

Kritik am Katastrophenschutz

Nicht überall, wo Kritik am Umgang der Politik mit dem Geflügeltod laut wird, sind Verschwörungstheoretiker der Auslöser. Das Feuerwehr-Weblog wird von fünf gestandenen Brandbekämpfern betrieben. Stefan Cimander wundert sich nicht, dass auf Rügen kein ausgebildetes Personal für die Beseitigung von Tierkadavern bereit steht. Schließlich habe die Politik nach Ende des Kalten Krieges beschlossen, bestehende Katastrophenschutzeinheiten aufzulösen.

Dieses Vorgehen erweise sich nun als kurzsichtig: "Vor 15 Jahren wurden gut ausgebildete ehrenamtliche Helfer samt Material sprichwörtlich nach Hause geschickt. Gäbe es diese Einheiten flächendeckend noch, natürlich in modernisierter Form, müsste der Ruf nach der Bundeswehr gar nicht erfolgen und wir wären des peinlichen Vorgehens der Behörden in dem betroffenen Gebiet verschont geblieben."

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