+
Janine Jansen in Erwartung einer Herausforderung.

FR-Interview mit der Violinistin Janine Jansen

Viel Nähe, viel Freiheit

Die Violinistin Janine Jansen spricht im FR-Interview über musikalische Kommunikation.

Frau Jansen, Ihr erstaunliches Repertoire beginnt mit Johann Sebastian Bach und erstreckt sich von da recht gleichmäßig bis ins 21. Jahrhundert, vielleicht mit einem Schwerpunkt in der Gegenwart.

Das würde ich so nicht sagen. Ich finde, ich spiele viel Barockmusik, mindestens so viel wie Zeitgenössisches. Ich spiele auch viel Mozart und natürlich Beethoven, Brahms und romantisches Repertoire. Allerdings finde ich, dass es einfach ganz wunderbare Konzerte aus dem 20. Jahrhundert gibt: Brittens Violinkonzert, Schostakowitschs zweites. Das erste von ihm ist auch fantastisch, es ist dunkel, hat aber eine klarere Struktur. Aber das zweite hat für mich etwas Düsteres, was die Herausforderung vergrößert, es dem Publikum zu vermitteln.

Sie waren in der jetzt zu Ende gehenden Saison Artist in Residence beim HR-Sinfonieorchester und haben das Orchester sehr gut kennen gelernt. Nun haben Sie im Laufe Ihrer Karriere auch schon mit vielen international renommierten Orchestern gearbeitet. Ist das HR-Sinfonieorchester schlechter als die internationalen Spitzenorchester?

Überhaupt nicht. Wir kommen gerade von einer gemeinsamen Italien-Tournee und haben unter anderem in Bologna, Torino, Bergamo gespielt. Unter anderem hatten wir Mahlers fünfte Sinfonie im Programm, und wenn ich nicht selbst spielen musste, habe ich immer zugehört. Unglaublich! Und diese Bläsergruppen des Orchesters: bewundernswerte Musiker! Ich habe es sehr genossen, ihnen zuzuhören. Es war eine sehr gute Zeit, mit diesem Orchester zu arbeiten. Wir haben sehr unterschiedliche Sachen gespielt und waren auf mehreren Tourneen zusammen unterwegs. Wir hatten also viel Gelegenheit, uns kennenzulernen und haben sie auch wahrgenommen.

Paavo Järvi sagte neulich auf einer Pressekonferenz: Wenn man als Gastdirigent zum ersten Mal mit einem Orchester probe, würde man die Hälfte der Zeit damit verbringen, das Orchester zu beeindrucken. Und die andere Hälfte der Zeit würde das Orchester versuchen, den Dirigenten beeindrucken. Ist das bei Gastsolisten ähnlich?

Natürlich schauen die Orchestermusiker erst einmal: Was für eine ist das jetzt? Was kann sie? Und natürlich habe ich auch oft Orchester, mit denen ich spielte, zu beeindrucken versucht. Mit dem HR-Sinfonieorchester war diese Phase schnell vorbei, das Eis war sehr bald gebrochen.

Nun ist Vertrauen, das aus einer kontinuierlichen Arbeit entsteht, sicher sehr angenehm, aber neue Umgebungen zu erleben, kann doch auch sehr reizvoll sein?

Natürlich. Früher dachte ich, es wäre das Beste, so häufig wie möglich mit anderen Orchestern zu spielen oder in anderen Besetzungen Kammermusik zu machen. Inzwischen ziehe ich Kontinuität vor. Es ist ein wunderbares Erlebnis, mit den gleichen Musikern das gleiche Stück öfter zu spielen und zu merken, wie es sich jedes Mal dabei verändert. Wenn es das nicht täte, wäre das ja ein Armutszeugnis für die Musiker und für den Komponisten. Aber diese Erfahrung, dass eine Komposition etwas Lebendiges ist, kann man nur auf dem Hintergrund von Kontinuität machen.

Wie würden Sie die Unterschiede beschreiben, die entstehen, wenn man eine ganze Spielzeit lang immer wieder mit dem Orchester arbeitet, im Vergleich etwa zu einer einzigen Konzertserie mit einem Orchester?

Es sind riesige Unterschiede. Vor allem, wenn die Verbindung gut ist, und das war und ist hier der Fall. Dann ist es wunderbar, nach einiger Zeit zurück zu kommen und zusammen weiter zu arbeiten. Man fühlt sich sehr viel vertrauter mit der Umgebung, und die musikalische Kommunikation ist dann sehr viel intensiver.

Es gibt also eine spezifische musikalische Kommunikation, jenseits der verbalen?

Wenn die verbale Kommunikation gut funktioniert, macht sich das natürlich sehr angenehm bemerkbar. Musikalische Kommunikation geht aber darüber hinaus. Sie ist manchmal auch verbal, aber sie erschöpft sich nicht darin. Sie beginnt da, wo das gegenseitige Abtasten geschehen ist. Sie hat mit Vertrauen zu tun und mit Direktheit, mit der Deutung von Gesten und vor allem mit dem Zuhören. Musikalische Kommunikation enthält sehr viel Intuitives und geschieht während der Proben, ohne dass man dabei lange Sätze miteinander reden muss. Man spürt dann eher Offenheit und einen gemeinsamen Lernprozess, weniger die Grenzen zwischen den Instrumentengruppen, zwischen Dirigent und der Solistin. Musikalische Kommunikation ist eine Art ständiger Grenzüberschreitung. Sie braucht viel Nähe und gibt viel Freiheit bei der gegenseitigen Verständigung. Wenn ein Konzert wirklich interessant wird, dann ist das ein Ergebnis musikalischer Kommunikation. Sie ist das, was zählt, während der Proben und im Konzert.

Gibt es nicht auch Probensituationen, in denen Orchester und Solist jeweils nur mit dem Dirigenten kommunizieren?

Gibt es auch, aber nicht mit diesem Orchester, und Paavo Järvi ist gerade bei der Probenarbeit ein großartiger Kommunikator. Ich will als Solistin ja nicht der Beziehung zwischen ihm und seinem Orchester im Wege stehen und fange immer an, mit ihm über Probleme zu reden. Er wendet sich dann an das Orchester und sagt: Sag es ihnen! Redet miteinander! So hat sich im Laufe der Saison bei uns eine sehr direkte, offene Zusammenarbeit gebildet. Auch aus dem Orchester kommen oft sehr genaue Kommentare zur Musik. Wir sind eher etwas wie ein Arbeitskreis. Alles andere wäre für mich auch das Gegenteil von Musikmachen. Wie soll man einen Eindruck von Einheitlichkeit vermitteln, wie soll man ein Werk in seiner Einheit zum Klingen bringen, wenn man sich nicht entsprechend verhalten kann?

Interview: Hans-Jürgen Linke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion