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Der Autor Guntram Vesper in seinem Garten in Göttingen.
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Der Autor Guntram Vesper in seinem Garten in Göttingen.

"Frohburg" von Guntram Vesper

Vesper, der penible Sammler

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Für sein neues Buch "Frohburg" hat Autor Guntram Vesper seit seiner Schulzeit Materialen zusammengetragen. Damit hat der Sammler sein Meisterstück abgeliefert. Ein Besuch bei dem Schriftsteller in Göttingen.

Die alten, knorrigen Bäume stehen wie schwarze Hände gegen den Himmel. Schneereste und feuchte Kälte rund um das kleine Haus. Hier, im Villenviertel am Rande von Göttingen, herrscht noch Winter. Ein Mann im dunklen Mantel mit auffällig rotem Schal streicht durch den Garten. Berührt prüfend die Baumrinde. Schaut immer wieder zum Strauch auf der anderen Straßenseite, der schon grünt. „Das ist mein Indikator für den Frühling“, sagt Guntram Vesper.

Als Schriftsteller ist der 74-jährige ist ein penibler, ja, ein pedantischer Beobachter. Die Augen im hageren Gesicht wandern unablässig umher. Vesper sammelt Partikel der Wirklichkeit, er sammelt und schreibt sie nieder. Seit Jahrzehnten schon. Jetzt hat der Sammler sein Meisterstück abgeliefert. „Frohburg“: Nicht einfach ein Buch, ein 1000-seitiges Trumm, ein überbordendes Zeitpanorama, eine Familiengeschichte auch, eine sich unendlich verästelnde Erzählung, mit unzähligen Figuren, die auftreten und wieder abgehen. Beim Lesen entsteht ein Sog, der einen nicht wieder loslässt. Zu Recht ist das Werk, das beim Frankfurter Schöffling Verlag erscheint, für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Frohburg: Die kleine Stadt 35 Kilometer südwestlich von Leipzig ist so etwas wie das Lebensthema des Autors. Hier ist er geboren und aufgewachsen, bis die Familie im Spätherbst 1957 aus der DDR in den Westen floh. Guntram war da „reichlich sechzehn Jahre alt“. Und „das Blutbad von Budapest“, so nennt er es noch heute, war da gerade geschehen, die Niederschlagung des Aufstandes der ungarischen Bevölkerung durch sowjetische Truppen 1956. „Es ändert sich nichts mehr“: Das wussten die Eltern jetzt – und gingen.

Die „Materialsammlung“ für die 1000 Seiten von heute begann der Sohn in seiner Schulzeit, er schrieb Tagebuch, trug Postkarten und Photographien zusammen, Lebensläufe, Schicksale. Im Jahre 2008 begann er, alle diese Puzzle-Teile am Computer zusammenzusetzen, er begann, den Roman zu schreiben. „Ich habe nachmittags, abends, nachts geschrieben.“ Er schrieb, „was ich im Kopf hatte – es ging erst einmal um mich, die Leser spielten noch keine Rolle.“

Wir sitzen an dem Tisch, an dem sich dieser einsame Kampf abspielte. Täglich zählte Vesper, wie viele Anschläge er geschafft hatte, trug die kleinen Zahlen mit Datum akribisch in eine Kladde ein, die er jetzt hervorholt. Bis Januar 2016 dauerte dieses Ringen mit dem Text, er schrieb und strich wieder, schrieb und strich. Einschübe kamen ins Buch, flogen wieder heraus. Es hätten gut und gerne 1500 Seiten werden können. Aber im Sommer 2015 hatte ihn der Verleger Klaus Schöffling aus Frankfurt besucht, der in atemlosen Nächten das Manuskript las und den Autor bremste. „Fortan wurde es ernst.“ Vesper schaut seinen Besucher an, als sei er gerade aus einem Traum erwacht: „Ich habe das Schreiben zum Inhalt meiner Tage gemacht.“

„Frohburg“ holt ein untergegangenes Kapitel deutscher Zeitgeschichte wieder an die Oberfläche: Die frühen Jahre der DDR. Die so voller Hoffnung steckten für etliche Menschen. Hoffnung darauf, dass nach der nationalsozialistischen Terrorherrschaft tatsächlich ein nicht kapitalistisches, ein demokratisches Deutschland im Osten entstehen könnte.

Diese Erwartungen trogen, wurden blutig enttäuscht. Eines der düstersten Kapitel des Buches erzählt vom Vorgehen der sowjetischen Besatzungstruppen gegen Frohburger Bauern, die betrunkene russische Soldaten von ihrem Hof gejagt hatten. Am Tag darauf rückten Sowjet-Truppen in die Stadt ein, verhafteten Einwohner – und richteten sie hin, durch Genickschuss. Andere verschwanden für immer in sowjetischen Lagern. Das hat sich Vesper nicht ausgedacht, das geschah tatsächlich. Erst nach der Wende und dem Fall der Mauer wurde ein Mahnmal errichtet. „Aber die Vorgänge sind bis heute ein völliges Tabu.“

Viele Zeitzeugen treten auf im Buch, die der Schriftsteller tatsächlich getroffen, die er gehasst oder geliebt hat. Der Leipziger Schriftsteller-Kollege Erich Loest zum Beispiel, erst vor einigen Jahren hochbetagt gestorben. Und viele andere wandern durch die Vor- und Rückblenden und erzählen so auch ein Stück Literaturgeschichte der deutschen Nachkriegszeit: Herbert Heckmann etwa, seinerzeit Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, die Autoren Walter Kempowski oder Peter Wapnewski.

Denn Guntram Vesper ist kein Unbekannter, der als Schriftsteller aus dem Nichts aufgetaucht wäre. Er schreibt und veröffentlicht seit Jahrzehnten, sein erster Gedichtband erschien, als er zweiundzwanzig war. 1967 las er beim letzten Treffen der legendären Gruppe 47 im oberfränkischen Waischenfeld in der Pulvermühle. „Ich habe Gedichte gelesen“, erinnert sich Vesper: „Aber die Atmosphäre, der Umgang der Gruppe miteinander, war irre kalt.“

Im Laufe der Jahrzehnte entstanden nur wenige Freundschaften mit anderen Autoren. Mit Gert Loschütz, mit Christoph Meckel, „ein ganz Vertrauter“, mit Kempowski, den er immer wieder in seinem Haus in Nartum bei Bremen besuchte. Doch seit Jahrzehnten lebt Vesper zurückgezogen in Göttingen: „Ich habe mit dem Literaturbetrieb nicht mehr viel zu tun.“

Ein Gespräch mit Guntram Vesper: Das ist wie ein langer, sanft mäandernder Strom. Immer mal wieder versucht der Besucher, sich ans Ufer zu retten. Beim Gang durch das kleine Haus: Der Schriftsteller ist, natürlich, auch ein Bücher-Sammler. Überall stapeln sich die Objekte seiner Zuneigung. Die Kriege und Konflikte seit dem Bauernkrieg haben es ihm angetan, aber auch die Frühsozialisten wie Bebel und Bernstein. Und dann natürlich die historischen Kriminalromane und und ....

Der Hausherr beklagt das Verschwinden der guten Antiquariate, in Göttingen sei ja überhaupt nur noch eines, das Antiquariat Pretzsch, übriggeblieben, bei dem er Stammkunde sei....

Wie im Leben, so auch im Roman „Frohburg“ nimmt das Tempo manchmal ab und dann wieder zu. Die Sätze hasten ohne Prädikat dahin, kurz, atemlos, um sich dann wieder langsamer auszubreiten. An der Prosa ist abzulesen, dass Vesper auch Lyrik schreibt. In seinen kurzen Poemen verdichtet er Zeitgeschichte und privates Leben auf engstem Raum:

„Brennglas

Das ganze Jahr zweiundfünfzig ein
einziger Blick in die Ferne
Die entlarvten Juden von Prag
Rosenbergs in der
Todeszelle Singsing
und über Korea streute Ridgway
die Pest aus.

Dann, im Advent,
stürzte der Sohn des Gastwirts
aus dem vereisten Baum
und schlug vor mir
aufs Pflaster, der erste
wirkliche Tote.“

Eingestreut in das große Panorama von „Frohburg“ sind auch Zitate von Karl May, den der Autor liebt, griechischer Philosophen, Mörike und Johann Peter Hebel.

Am Ende stehen wir wieder draußen im Garten, der noch so karg und kahl ist. Vesper erzählt, dass er sich natürlich eine militärische Karte des Städtchens Frohburg besorgt habe, eine ganz präzise, „da ist selbst die Dicke der Baumstämme verzeichnet“.

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