Festakt in der Brotfabrik

Verzweiflung und Zuversicht

Erstens: Salvador Allende ist nicht vergessen. Nicht umsonst gelten die Chilenen als die Deutschen Lateinamerikas.

Von KARIN CEBALLOS BETANCUR

Manchmal möchte man verzweifeln, wenn selbst die alternative Internetplattform Indymedia einen Beitrag zum 100. Geburtstag Salvador Allendes mit den Worten einleitet, der chilenische Präsident, der im September 1973 von Pinochets Junta aus dem Amt geputscht wurde, sei heute "hierzulande wohl fast niemandem mehr ein Begriff".

Manchmal findet man allerdings auch zurück zur glücklichen Fassung - wenn man feststellt, dass ein Festakt in der Frankfurter Brotfabrik zu eben jenem Anlass so restlos ausverkauft ist, dass die Veranstalter die Türen offen stehen lassen, damit auch jene, die keine der rund 200 Karten mehr bekommen haben, zuhören können.

Der Samstagabend macht mehreres deutlich, vor allem aber zweierlei. Erstens: Salvador Allende ist nicht vergessen, ebenso wenig wie das politische Projekt, für das er steht, die Zeit der Unidad Popular, als sich Anfang der siebziger Jahre ein kleines, schmales Land am südlichsten Zipfel des amerikanischen Kontinents aufmachte, einen friedlichen Weg zum Sozialismus zu versuchen - ein Traum, der nach 1000 Tagen brutal beendet wurde. Zweitens: Nicht umsonst gelten die Chilenen als die Deutschen Lateinamerikas, was schon daran deutlich wird, dass ihre Veranstaltung pünktlicher beginnt als die Vorlesung eines jedweden Universitätsdozenten.

Exil-Chilenen unterschiedlichster politischer Provenienz haben sich zur Gruppe Chile Popular Frankfurt zusammengeschlossen, um mit Ansprachen, Gedichten und Musik an Salvador Allende zu erinnern, an sein Leben, seinen Kampf und an sein Sterben im Bombenhagel der Militärs.

Der zentrale Auftritt des Abends ist ein Konzert der siebenköpfigen Combo Inti Illimani, die mit dem Zusatz "histórico" auftreten muss, seit sich die Ursprungsformation getrennt hat und zwei Nachfolger um den Namen ringen. Den Zuhörern kann das egal sein.

Vom Saitenchor aus Gitarre, Charango und Cuatro venezolango, der von Kontrabass, Akkordeon, Klavier und etlichen Percussionfarben begleitet wird, geht eine rhythmische Kraft aus, die spürbar macht, wie viel Hoffnung und Zuversicht in der Bewegung gelegen haben muss, für die Inti Illimani in künstlerischer Hinsicht neben Musikern wie Violeta Parra und Victor Jara steht, dem die Militärs 1973 im Nationalstadion die Finger brachen, um zu verhindern, dass er weiterhin Gitarre spielte.

Dass der Abend mit dem Klassiker "El pueblo unido jamás será vencido" endet, ist mehr als Folklore. Es ist der trotzige Aufruf in eine Welt, die längst dazu übergegangen ist, zum lästigen Pathos zu erklären, was ihre Gewissheiten in Frage stellt.

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