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Franz Beckenbauer redet in der Öffentlichkeit nicht mehr.

Franz Beckenbauer

Verzeihen oder verurteilen?

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Aufstieg und Fall des Franz Beckenbauer werden die Republik noch lange beschäftigen ? auch dank Bundestrainer Jogi Löw.

Kurz vor Weihnachten, die 51. Kalenderwoche 2017. Keiner schläft, alle hellwach. Ging es doch, die ARD ließ einfach nicht locker, um die ehemalige Lichtgestalt schlechthin, und so wurde es nichts mit einem Friedensfest, jedenfalls nicht für die wichtigste Nebensache der Welt - wie bitter. Aber den Mentalitätsmonstern ein Wohlgefallen.

Die ARD-Doku, um es kurz zu rekapitulieren, stand am Abend des 20. Dezember, unter der Überschrift „Der Fall des Kaisers“, was natürlich mehr als nur eine Titelzeile ist, vielmehr ein Motto, eines, für das ein Schlagzeilenmacher in jeder Redaktion Schulterklopfen erntet. Welcher Doppelsinn – alles drin: der juristische Fall des Franz B. ebenso wie der tiefe Absturz des Kaisers Franz. Keine Weihnachtsfeier in dieser 51. Kalenderwoche, auf der eine solche Schlagzeile nicht auch ein Jahresabschlussschulterklopfen ausgelöst hätte.

Wenn man den Film kurz zusammenfassen möchte, dann ging es den Autoren, Sven Klaubars und Ole Zeisler, um die ganz große Fragen. Und die größte, die gewiss auch eine rhetorische Frage ist, ist obendrein eine ungemein kitschig gestellte Frage: „Gibt es den einen, den Königsweg, welcher Weg ist angemessen, um den Fall des Kaisers zu bewerten?“ Auf diesem glitschigen Weg wurde der Frage nachgegangen, wie es zu dem Geld-Transfer von 6,7 Millionen Euro kam, bei der Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006 nach Deutschland. Ein sehr komplexer Sachverhalt, hieß es in der Doku; und ein sehr komplizierter, hieß es auch.

Geldflüsse wurden verschleiert. Und Transparenz gibt es nicht, nicht bis heute. Der Kaiser, eine öffentliche Figur in Deutschland wie keine zehn weiteren, hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Der Mensch, der nie nur ein Mensch war, weil er als Sportler ein Held war (oder ein Kaiser), spielt nicht mehr mit. Einen solchen Entschluss kann nur derjenige komisch finden, der die Entwicklung hin zu diesem Entschluss nicht als tragisch begreift. 

Denn wahrscheinlich füllt sich jeder Heros, der ertappt wird, missverstanden, so jedenfalls war es schon oft. Wenn eine Institution in Deutschland täglich mit Helden und Heroen zu tun hat, dann ist es der deutsche Sport-Informationsdienst (sid). Und so war er es, der sich aufgerufen sah, über das Beckenbauer-Doku-Drama zu schreiben, „dass allerdings auch die deutsche Mentalität mit ihrem ewigen Nachkarten Schuld an dem Verschwinden des Kaisers habe“. Das ist natürlich, wie so oft, eine für den sid typische, eine sehr steile Sentenz, Ausdruck einer typischen sid-Mentalität. Zum Wochenende hin hochschreiben, montags hämisch niedermachen. Himmelhochjauchzend, heuchlerisch betrübt. 

Der Kaiser ist verschwunden

Der Kaiser ist abgetaucht, verschwunden, er steht der Öffentlichkeit nicht mehr zur Verfügung. Und dafür gibt es Gründe, sehr persönliche, den Tod seines Sohnes, im Sommer 2015, der mit 46 Jahren an einem Hirntumor starb. Ein Jahr später musste sich Beckenbauer einer Herzoperation unterziehen, in diesem Jahr einer zweiten – und als das Filmteam ihn schließlich nach 45 (!) Minuten aufgespürt hat, nachdem Beckenbauer jede Anfrage abgelehnt, jede Auskunft zuvor verweigert hatte, sieht man, reiner Zufall, einen sehr gebeugten, einen sehr gealterten Mann. 

Es ist wie bei einem Pokal-Los, es ist der reine Zufall, dass sie auf ihn treffen. Doch es ist keine Begegnung auf dem Olymp, ja, nicht einmal eine im Münchner Olympiastadion, es ist ein Warten, ein Ausharren, und es ist der Klassiker, denn es ist ein Anstehen und Abpassen vor einem Nobelrestaurant. Aus dem Nichts zeigt sich Beckenbauer – aber wer da durch die Szene huscht, ist ein alter Mann mit gekrümmtem Rücken. Es war ein nicht so gut erträglicher Anblick, auf jeden Fall weit entfernt von der Erinnerung an den vielleicht optimistischsten Satz, den Beckenbauer in seinem Leben ungezählte Male aussprach, häufig lächelnd, stets unverschämt lässig: Schau mer mal.

Das war sein Motto. Dass ihm die Lösung stets zusteht und dabei auch zufliegt. Es mochten die Verhältnisse noch so widrig sein, die Probleme Riesenprobleme sein, die Gegner konnten grässliche Angstgegner – wenn jemand unabsteigbar war, dann er. 

45 Minuten dauerte der Film, aber dann war nicht etwa Halbzeit, dann war Schluss. Um aber vielleicht doch noch mal einige filmentscheidende Szenen hier zu rekapitulieren. Darunter schon die aus der ersten Minute, als sein Freund, der Starkoch Alfons Schubeck meint, man habe den Franz zerstückelt, zerhackt – sagt also der Koch wortwörtlich und deutet, durch den schlechten Ton hindurch so etwas wie das Wort Fleischwolf an. 

Bei dieser komischen Situation blieb es nicht. Und weil der Film ja noch bis zum Zweiten Weihnachtstag in der ARD-Mediathek zu finden ist, kann man im Präsens fortfahren und sagen, dass die beiden „Spiegel“-Redakteure, die all die Ungereimtheiten aufdeckten, um ein Statement gebeten werden. Gunther Latsch, einer der beiden, sagt, all die Verdienste Beckenbauers, als Weltklassespieler, als Weltklassetrainer, „suspendieren“ ihn nicht „von der Pflicht, die Geldflüsse bei der WM“ offenzulegen. 

Beckenbauer, so erinnert man sich, hat oft gerne geredet, und auch auf diesem Feld war er elegant. Anders als ein alter Mitspieler Netzer hat er nie den Dozenten gegeben. Sein alter Mitspieler Breitner lauert weiterhin stets auf das tödliche Gegenargument. Dagegen spielte Beckenbauer mit seinem Gesprächspartner gerne einen frohgemuten Doppelpass. Auch der Redner Beckenbauer hatte irgendwie Grandezza. Ja, wer erinnert sich nicht?

Jetzt redet er nicht mehr. Er, der, wenn er sich so beim Reden zuhörte, nie ins Stolpern geriet, wohl aber, mit einem Mal, zu dem Ergebnis kommen konnte: „Das ist ein Widerspruch.“ Sowie, schon im nächsten Satz, zu dem Endergebnis: „Aber so ist es.“ Jetzt ist es dazu gekommen, dass er nicht mehr redet, jedenfalls nicht in einer Öffentlichkeit, die ihn bei Widersprüchen ertappt hat. 

Zurück zum Film. Dass in der Sache ungeheuer viel Komplexes drin ist und auch ungeheuer viel Kompliziertes, ist keine Neuigkeit. Gut kann der ehemalige TV-Reporter Marcel Reif das Problem erklären, wenn er sagt, der Fall habe natürlich seine „juristische“ Seite, sein „justiziable Seite“, ergänzt Reif, und man weiß nicht, ob er sich dabei absichtlich verbessert oder unabsichtlich. Das übersetzt der ehemalige Weltklassemann Lothar Matthäus so, dass er viel im Ausland sei und dass es die Ausländer seien, die ihm sagen, „wenn’s auch so gewesen wäre, so billig hat noch nie ein Land eine Weltmeisterschaft bekommen“. 

Ein Dementi, eine Bestätigung? Der ehemalige Pressesprecher beim DFB, Harald Stenger, macht deutlich, dass das „Organisationskomitee im DFB ein Staat im Staate“ war. Stenger widerspricht ausdrücklich dem „Spiegel“, „es ist nicht erwiesen, dass die WM-Vergabe erkauft wurde“. Allerdings ist es dann der „Spiegel“-Redakteur, der vor der Kamera die Finger seiner Hand abzählt und sagt: seine Bankdaten, seine Überweisungen, seine Unterschrift, sein Konto. Seine – damit ist Beckenbauer gemeint. 

Viel ist in dem Film von einer gewissen Mentalität die Rede. Und tatsächlich geht es irgendwann im Grunde gar nicht mehr so sehr um Beckenbauer. Oder nicht mehr nur noch darum, warum er für das Ehrenamt als Chef des WM-Organisationskomitees angeblich 5,5 Millionen Euro bezog. Es geht nicht mehr darum, warum er als Kommentator bei Sky zurücktrat oder als Kolumnist bei „Bild“. Es geht nicht mehr darum, warum er sich in dem langen, berühmt-berüchtigten Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ um Kopf um Kragen redete. Es geht nicht mehr um die unglaubwürdige Version, er habe eine Blankounterschrift geleistet. 

Es geht darum, dass in dieser Dokumentation über Beckenbauer ohne Beckenbauer andere als Hauptdarsteller nach vorne drängen, angefangen Paul Breitner: „Ja, verdammt noch mal, welche Großveranstaltung ist in den letzten hundert Jahren nicht gekauft worden?“ Was heißt das, es war nicht nur opportun, sondern sogar legitim, wenn es auch nicht legal war. Und dann setzt Breitner zur Gegenattacke an: „Das macht der Deutsche mit am liebsten. Ja keinen ausbrechen lassen. Jeden herunterzuholen auf die eigene Ebene.“ Dabei heftig gestikulierend, die deutsche Ebene zackig veranschaulichend. „Und wenn der Deutsche da eine Ebene sieht, dann macht er das. Brutal wie wahrscheinlich kein anderer.“

Lust am Denkmalsturz

Die Lust am Denkmalsturz – eine deutsche Mentalität? Reif will nicht verallgemeinern. Aber da ist der Film längst gekippt, um unfreiwillig eine offenbar beim FC Bayern verbreitete Mentalität deutlich zu machen. Man weiß sich dort ja in einer anderen Liga, nein, nicht nur als Spieler in einer anderen Klasse, sondern als Zeitgenosse. Uli Hoeneß, Bayern-Boss, nutzt den Auftritt auf einer Veranstaltung zur ultra-populistischen Attacke, schwadroniert über „gewisse Leute bei den Medien“, poltert, wahrscheinlich zum fünfhunderttausendsten Mal in seinem Managerleben, über eine „Riesenschweinerei“. Macht ein Leben mit, ein Leben für den Fußball eigentlich aggressiv?

Ja, es ist in dem Film unfassbar viel von deutscher Mentalität die Rede. Und immerzu, ob von Breitner oder von Hoeneß als Vorwurf. Nur, wenn der Film aufschlussreich ist, dann wegen dieser beiden Mentalitätsmonster des FC Bayern. Immer Attacke, auch auf den Rechtsstaat. Allerdings wird dabei auch ignoriert, dass das Verfahren gegen Beckenbauer in Bern eröffnet wurde, und das muss man hier schon deswegen ausdrücklich nachtragen, weil Bern, auch wenn Deutschland dort 1954 Fußball Weltmeister wurde, trotzdem nicht Deutschland ist. Bern, Ausland also. Wie man ja auch betonen muss, dass weiterhin die Unschuldsvermutung gilt. 

Ein aufschlussreicher Film. Innehalten lässt er, wenn er aufmerksam macht auf die persönlichen Schicksalsschläge, den Krebstod des Sohns, das Ringen mit dem eigenen Herzen. Zugleich ist es ein auch komischer Film, wenn Lothar Matthäus, mit seinem sonnigen Gemüt, noch einmal den Sommermärchen-Kalauer aufwärmt, ja, der Franz habe seinem Deutschland sogar Kaiserwetter spendiert. Auch ist der Film dann aufschlussreich, wenn der Sportwissenschaftler Gunter Gebauer darauf beharrt, nicht das schöne Wetter sei gekauft worden, nicht die Spiele, nicht die Stimmung, nicht die Feier, nicht die Reaktionen der deutschen Bevölkerung. Ein Sommermärchen, ja doch!

Klug ist die teletaugliche Antwort von Marcel Reif auf die zugespitzte Alternative: verzeihen oder verurteilen? „Weder noch, sagt Marcel Reif, er könne sich „nicht zu seinem Anwalt aufschwingen, aber ganz sicher bin ich nicht sein Ankläger. Und jeder, den es dazu treibt, eine dieser Rollen anzunehmen, ist gut beraten, ein bisschen nachzudenken“.

Nachdenklich macht der Film aber noch aus einem anderen Grund. Das hat mit Joachim („Jogi“) Löw zu tun. „Wie man so manchmal damit umgegangen ist“, so hebt der Bundestrainer an, wie ein Mann, der mental quasi ohne breite Brust ist. Wie oft haben wir Löw schon erlebt, im Fernsehen seiner selbstbewussten Körpersprache zugesehen, zugleich aber seiner ungemein seltsamen Eiertanzsprache zuhören müssen. Der Jogi. 

Wie anders stets Beckenbauer, der Kaiser, der ja immer ein vollkommen unängstlicher Redner und Kommentator war. Ein Mensch, der sich neben dem Spielfeld und in welchem Umfeld auch immer in kein Korsett zwingen ließ. Manchmal ist das gut ausgegangen, denn es sprach der Kaiser. Gelegentlich ist es dem Trainer erschreckend danebengegangen, aber auch wenn er arrogant danebengriff oder krass oder lustig oder rassistisch oder schlecht beraten oder schier naiv – es sprach der Kaiser.

Schau mer mal. Vielleicht, sagte sich die Republik, lernt der Kaiser ja doch noch dazu. Mochte der Kaiser gar einen Satz über die Sklavenarbeit auf den WM-Baustelle von Katar heraushauen, der humanitär eine Katastrophe war – es wurde ihm dann doch nachgesehen. Irgendwie kein Nachspiel für den Bürger Beckenbauer. Und das lässt sich nur so erklären, dass über den Bürger irgendwie immer ein Kaiser die Hand hielt.

Dem Fußballweltmeister Löw ist das nicht gegeben. Löws Stimme im Vorspann zu dem Film, aus dem Off, ist womöglich ein Statement zu der gnadenlosen Heuchelei um Beckenbauer. Aber dieses Statement ist ein einziger Eiertanz: „Wie man so manchmal damit umgegangen ist, finde ich schon auch, ja, nicht unbedingt gerade lustig, muss ich ehrlich sagen.“ 

Was für ein Satz. Was für eine Mentalität, wie wenig Mumm. Auch damit starten wir in das WM-Jahr 2018. Schauen wir mal.

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