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Rwandan-Flüchtlings-Camp in Benako, Tansania. 1994.

Sebastião Salgado „Exodus“

Verstörend schöne Bilder unserer Welt

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Der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado hat vor zwanzig Jahren Flüchtlinge in Afrika, Asien und Lateinamerika fotografiert. Europa spielte nur in Gibraltar eine Rolle.

Vorweg ein paar Zahlen: Zwischen 2005 und 2010 verließen etwa 42,5 Millionen Menschen pro Jahr ihre Heimat und zogen in andere Länder. Das sind 0,6 Prozent der Weltbevölkerung. Im Jahre 2014 waren es bereits 59,5 Millionen. 2015 wurden es noch einmal mehr. Das sind Zahlen der Vereinten Nationen. „Rund 40 Prozent der Migranten weltweit bewegen sich vom ‚armen‘ Süden in den ‚reichen‘ Norden. Etwa ein Drittel bewegt sich innerhalb des Südens und rund zwanzig Prozent innerhalb des Nordens.“ So schreibt es Stefan Luft in seinem in der Reihe Beck Wissen erschienenen, sehr empfehlenswerten Band „Die Flüchtlingskrise – Ursachen, Konflikte, Folgen“ (München 2016, 128 Seiten, 8,95 Euro). Dort finden sich auch diese Angaben: „Insgesamt nahmen 2014 vier Staaten 36 Prozent (5,2 Millionen) aller Flüchtlinge weltweit auf: Türkei, Pakistan, Libanon, Iran. Entwicklungsländer beherbergen 86 Prozent aller Flüchtlinge weltweit. Allein 5,9 Millionen Menschen leben unter dem Schutz des Hochkommisssars für Flüchtlinge der Vereinten Nationen (UNHCR) in Ländern, deren Bruttoinlandsprodukt pro Kopf jährlich unter 5 000 US-Dollar liegt (in der Bundesrepublik Deutschland lag es 2014 bei rund 47 600 US-Dollar).“ Aber das steht hier nur, um an die Relationen zu erinnern.

Jetzt geht es um Sebastião Ribeiro Salgados fotografisches Großprojekt „Exodus“. Der 1944 in Brasilien geborene Salgado ist gelernter Wirtschaftswissenschaftler und arbeitete zunächst für eine internationale Kaffeeorganisation. Erste fotografische Arbeiten entstanden auf Reisen für die Weltbank. Seit 1969 ist er mit der Pianistin Lélia Deluiz Wanick verheiratet. Mit ihr zog er um die Welt. Die beiden leben in Paris. Seit 1973 ist er selbstständiger Fotograf.

Berühmt ist Sebastião Ribeiro Salgado für seine weltumspannenden Langzeitprojekte. Eines davon ist „Exodus“. Salgado schreibt: „Sechs Jahre lang habe ich in vierzig Ländern diese Menschen fotografiert, die aus ihrer Heimat geflohen sind – unterwegs, in den Lagern und in den städtischen Slums, oft die letzte Station ihrer Flucht. Für viele war es die schlimmste Zeit ihres Lebens. Sie waren verängstigt, unsicher und gedemütigt. Und doch ließen sie sich fotografieren, weil sie, so glaube ich, auf ihre Misere aufmerksam machen wollten. Wenn ich konnte, erklärte ich ihnen, dass dies auch mein Anliegen war. Viele stellten sich einfach hin und fingen an zu erzählen, als wäre die Kamera ein Mikrofon.“

Es sind Fotos aus den Neunzigerjahren, aber eben nicht Bilder einer vergangenen Epoche. Der Taschen Verlag hat das alte Buch wieder neu herausgebracht. Wer darin blättert, der staunt über die Gegenwärtigkeit dieser Aufnahmen. Der Porträtfotos natürlich, aber auch der Ansichten von Lagern und Slums. Es ist, als habe sich nichts geändert. Dann aber fallen einem die Unterschiede auf. Gibt es keine Fluchtbewegungen mehr in Lateinamerika? Oder übersehen wir sie heute nur, weil die Bilder aus Europa hinzugekommen sind? Die afghanischen Frauen, die Fotos der von ihnen vermissten jungen Männer in die Kamera halten, sehen wir auch nicht mehr. Gibt es die Frauen nicht mehr oder werden sie nicht mehr fotografiert? Weil das Motiv sich erschöpft hat?

Es ist gut, sich den Band anzusehen, weil einem deutlich wird, dass die Fotografie nicht einfach abbildet, was ist. Sie folgt auch ihren eigenen Gesetzen. Und dazu noch den individuellen Impulsen eines jeden Fotografen. Die freilich sind eingebettet in sein Bildgedächtnis, das immer auch mehr ist als seines. Salgados Schwarz-Weiß-Fotos zitieren die große romantische Malerei des 19. Jahrhunderts. Die Art, wie er sie umsetzte, wie er ihre Staffelung von Vorder- und Hintergrund, wie er den Himmel verstand, wurde dann selbst zu einem immer wieder zitierten „geflügelten Wort“.

Wie er 1994 Flüchtlinge aus Ruanda im Lager von Benako in Tansania fotografierte, so sehen wir inzwischen Flüchtlingslager. Es sind die Augen Salgados, mit denen wir die Welt erkennen. Das ist eine Bereicherung, und es ist eine Grenze. Es hängt alles davon ab, dass wir uns unser eigenes Bild von der Welt machen. Wenn das nur unser Bild ist, ist es falsch. Wenn es nur das der anderen ist, auch. Wenn sich gar ein überkommenes Bild übermächtig vor die Gegenwart stellt, ist es fatal. Andererseits hilft uns der Blick in die Vergangenheit, die Gegenwart genauer wahrzunehmen.

Der bei Taschen erschienene Band ist ein großes Stück Mythologisierung. Die Aufnahmen bilden vier große Erzählungen: „Migranten und Flüchtlinge: Der Überlebensinstinkt“, „Afrikanische Tragödie: Kontinent der Entwurzelten“, „Lateinamerika: Landflucht und Chaos in den Städten“ und „Asien: Das neue urbane Gesicht der Welt“. Die mehr als 400 Aufnahmen werden im Buch nicht erläutert. Das hat wahrscheinlich Kostengründe. So kann man, von den kurzen Einführungen abgesehen, den völlig textfreien Abbildungsteil für sich drucken lassen. Die Informationen zu den Abbildungen liefert ein der jeweiligen Ausgabe zugefügtes Beiheft. Ohne das bleibt das Buch gänzlich unverständlich.

Das stimmt natürlich nicht. Das Buch selbst liefert die condition humaine des Flüchtlings. Das Beiheft fügt die besonderen Umstände, das jeweils Spezifische hinzu. Der Leser hat also beides: die Mythologie und ihre Aufklärung. Zu dem Foto auf dieser Seite heißt es: „Aufnahme des Lagers Benako, in dem Tausende von Menschen zusammengepfercht sind und versuchen, sich mit Zelten oder Plastikplanen vor Regen und Wind zu schützen. Tansania. 1994.“ Das ist nicht viel an Information, aber schon Datierung und Lokalisierung machen aus dem Foto, das so schön ist, dass man es gar zu schnell nur ästhetisch wahrnimmt, fast eine Reportage. Unser Gehirn neigt zu Metaphernbildungen. Wir brauchen das. Genauso aber brauchen wir den Metaphernabbau. Es wäre viel gewonnen, wir wüssten den Namen der Frau und den des Kindes, die den Vordergrund des Bildes einnehmen. So denken wir sofort an „Mutter und Kind“, und schon setzt unser unentwegt Bilder produzierendes Gehirn sich fast nur noch in eine Richtung in Bewegung. Dabei könnte die Botschaft dieser Aufnahme sein, dass die Mutter des Kindes ermordet wurde, dass niemand sich um es kümmert, dass aber für dieses Bild eine Frau sich seiner annahm.

Fotos zeigen nicht die Wirklichkeit. Sie zeigen Momente, winzige Augenblicke. Bei Sebastião Salgado neigt man dazu, das zu vergessen. Sie scheinen die Menschheit selbst zu erfassen. Das hat sicher auch damit zu tun, dass der brasilianische Fotograf seine Sujets gerne einbettet in die Natur. Ja, manchmal lösen sie sich, wie auf dieser Aufnahme, fast darin auf. Der Hintergrund ist wie eine Landschaft aus Menschen und Dunst. Großartig. Wir spüren, noch bevor wir es begreifen, wie brüchig und bedroht unsere Existenz ist. Wir ahnen, dass auch wir an unseren Computern, in den gekühlten Räumen dem Schicksal, Staub zu werden, nicht entkommen werden. Das lehrt uns Sebastião Salgado.

Das Beiheft informiert uns darüber, wo und wann man zu Staub gemacht wird, ohne eine Möglichkeit gehabt zu haben, zu leben. In dem Buch gibt es keine Leichen im Mittelmeer. In seinem Vorwort zur Neuauflage schreibt Sebastião Salgado: „Europa war völlig unvorbereitet auf die Welle von Migranten und Flüchtlingen, die 2015 aus dem Nahen Osten in die Region strömten. Über Nacht erreichten die menschlichen Tragödien, die die Europäer aus sicherem Abstand in fernen Ländern mitverfolgen konnten, nun ihre Straßen und die Gewässer ihrer Küsten. Seit Erscheinen des Buches mag sich der Fokus der weltweiten Aufmerksamkeit mithin verlagert haben, doch das Phänomen bleibt das gleiche. Solange weiter ländliche Armut besteht, Diktaturen ihre Völker unterdrücken und Bürgerkriege toben, wird der Überlebensinstinkt die Menschen aus ihrer Heimat hinaus auf die Suche nach Sicherheit und einem besseren Leben treiben. Dieses Buch erzählt ihre Geschichte.“

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