+
In Büchern wird versunken, und Versinken ist lobenswert.

Update

Versackens-Ängste

  • schließen

In einem Buch zu versinken, finden viele sinnvoll. Warum ist das bei Beschäftigungen vor dem Bildschirm anders?

Versacken ist eine der Haupttätigkeiten, die mit elektronischen Geräten ausgeübt werden. Jedenfalls wenn man Eltern und Lehrkräften glaubt. Die Jugendlichen, so klagen sie, können sich auf nichts mehr konzentrieren, weil sie immerzu in die Geräte glotzen, davon nicht loszureißen sind, schlicht und einfach versacken. Zum Versacken gehört häufig das Adjektiv „stumpf“ oder die Ortsbestimmung „im Nichts“. In Büchern hingegen kann man so wenig versacken, dass Google auf meine Suche nach „buch versacken“ mit „Meinten Sie: ‚buch verpacken‘?“ reagiert. In Büchern wird versunken, und Versinken ist lobenswert. Wer sich im Buch verlieren kann, beweist Konzentrationsfähigkeit.

Das war nicht immer so. In den ersten 200 Jahren des Romanlesens ähnelten die Vorwürfe ans Buch denen an die Geräte verdächtig. „Niemand bedarf dabey mehr Vorsicht und Mäßigung als ein solcher Jüngling: reißt ihn die Lesewuth mit fort, will er Alles lesen, was ihm in die Hände fällt“, schreibt Friedrich Burchard Beneken im Jahr 1788. „Lähmung und Seelenschwäche“ seien die Folge, „unüberwindliche Trägheit, Eckel und Widerwillen gegen jede reelle Arbeit – gegen Alles, was auch nur die kleinste Anstrengung fordert“. Oft haben die so Erkrankten dem Autor „mit Thränen geklagt, daß sie bey dem beßten Willen, bey der angestrengtesten Aufmerksamkeit, der sie nur fähig wären, doch kein ernstes scientistisches Buch mit gehöriger Fassung langsam und mit Nachdenken durchlesen könnten … Das waren die Früchte ihrer unseligen Lesesucht“. Anlass zur Sorge gab das gefährliche Hobby vor allem bei Frauen und Jugendlichen. Es war eine ausgesprochen langlebige Sorge, sie hielt sich bis weit ins 20. Jahrhundert. Erst die Bedrohung durch das Fernsehen verschob die Kritik zu den audiovisuellen Medien. Seitdem ist jedes Buch ein gutes Buch, und man freut sich, wenn die Jugend freiwillig „Harry Potter“ liest.

Die Konkurrenz durch das Internet führt dazu, dass inzwischen das Fernsehen als vergleichsweise wertvoll gilt. Die Medienwissenschaftlerin Charlotte Echterhoff sagte im August in einem Interview bei netzpolitik.org zum Thema öffentlich-rechtliches Fernsehen: „Wenn uns eine Tierdokumentation fesselt, dann ist das doch besser, als uns zwei Stunden ziellos durch Instagram-Feeds zu scrollen.“ Durch die Tierdokumentation erhalte man „eine höhere Gratifikation (…) als durch die Flucht in die Facebook-Timeline“. Aber so einfach ist es nicht. Die Tierdokumentation erzeugt zuverlässiger den Eindruck, man habe jetzt etwas dazugelernt, weil sie länger von ein und derselben Sache handelt. Die Lernforschung sagt aber keineswegs, dass Lernen nur in großen Blöcken stattfinden kann, im Gegenteil. Es wäre nur dann eindeutig „besser“, die Tierdokumentation zu sehen, wenn es anerkanntermaßen unmöglich wäre, aus Instagram-Feeds oder Facebook-Timelines irgendetwas zu lernen. Das wollte Echterhoff wahrscheinlich nicht behaupten. Ich habe so gut wie alles, was ich in den letzten Jahren dazugelernt habe, durch das Betrachten von Feeds und Timelines erfahren.

Meine anfängliche Hypothese lautete daher: Der einzige Unterschied zwischen Versinken und Versacken besteht darin, dass man das eine vor Papier und das andere vor einem Bildschirm tut. Eine Umfrage in der Redaktion des Techniktagebuch-Blogs (Stichprobe: vier Personen) ergab allerdings die einhellige Meinung, dass es sich um zwei unterschiedliche Tätigkeiten handelt. Versacken sei zielloses unmotiviertes Wechseln zwischen verschiedenen Dingen, Versinken hingegen eine Sache, auf die man sich konzentriere, selbst wenn sie an mehreren Orten gleichzeitig stattfinde. Oder: Nach dem Versacken tue es einem leid um die verschwendete Zeit, nach dem Versinken nicht. Egal wie man den Unterschied begründet – von außen betrachtet sind Versinken und Versacken leider ununterscheidbar. Nicht einmal von innen ist der Unterschied eindeutig zu erkennen. Bei Büchern gilt es als Qualitätsmerkmal, wenn man nachts nicht aufhören kann, obwohl man sich währenddessen über sich selbst ärgert, weil man früh aufstehen muss.

Es wäre also wie immer hilfreich, nicht vom äußeren Anschein auf das zu schließen, was im Inneren anderer Menschen vor sich geht. Was von außen wie „stumpfes Versacken“ aussieht, ist vielleicht Hingabe, Konzentration und Dazulernen. Vielleicht auch nicht, aber es gibt kein Gesetz, das uns vorschreibt, den ganzen Tag scharfsinnige Gedanken zu denken. Die Welt geht nicht unter, nur weil jemand ein paar Stunden lang ohne unmittelbaren Erkenntnisgewinn auf einen Bildschirm, in ein Buch oder einfach in die Luft schaut.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion