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Die Parteien nutzen Daten aus sozialen Medien, um Wähler gezielt anzusprechen. Aber wo hört Werbung auf und fängt Manipulation an?

Microtargeting

Vernetzter Wahlkampf

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Die digitale Revolution lässt Wahlplakate antiquiert erscheinen. Microtargeting heißt die Technik, mit der die Parteien vor der Bundestagswahl im September um Stimmen ringen.

Hoch über der Stadt, im neunten Stock des Jentower, sitzt ein Mann in einem kahlen Besprechungszimmer, er packt sein Handy aus und ruft eine App auf, um zu zeigen, wie die Digitalisierung den Wahlkampf umkrempelt. Draußen ist es regnerisch, schwere dunkle Wolken treiben über rote Giebeldächer. Christian Zinke, 37 Jahre alt, Hornbrille und Jeanshemd, blickt auf das Display seines Telefons. In dem Menü glimmen dunkelblaue Schaltflächen, die Adresse erscheint automatisch, Leutragraben, 07743 Jena.

Mit dieser Software verbindet sich Zinkes Idee, sein großer Plan. Fünf Jahre schon organisiert der Politologe Wahlkämpfe für die CDU in Thüringen. Er hat dabei Strategien ausprobiert, die, wie er sagt, „als amerikanisch verschrien waren“: den Haustürwahlkampf, die direkte Mobilisierung.

Vor zwei Jahren gründete er seine Firma mit dem sehr deutschen Namen Praxisnah, die Geschäftsräume liegen in einem 160 Meter hohen Wolkenkratzer, der in der Innenstadt von Jena aus einem Einkaufszentrum aufschießt. Neun Mitarbeiter tüfteln an einer Infrastruktur, um die Wähler mit digitalen Methoden zu vermessen: Connect17 heißt das Projekt. Es stützt sich auf eine feinkörnige Wahlkreisanalyse, die es in Deutschland bisher nicht gab, angereichert mit früheren Wahlergebnissen und soziodemografischen Daten. Die Wahlhelfer wissen daher, auf welche politischen Einstellungen sie in welcher Straße treffen. Sie klingeln nur bei denen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit empfänglich für die Botschaften der CDU sind. Mit der App digitalisieren sie die Reaktion der Bürger, um das Bild weiter zu schärfen. „So eine Rückkopplung gab es vorher einfach nicht“, sagt Zinke. „Sie lernen daraus: Wer ist meine Wählerschaft? Welche Themen sind relevant, was brennt den Leuten auf der Seele?“

Das Wahljahr 2017 führt das politische Deutschland näher an eine digitale Realität heran, die anderswo längst normal ist. So wie Amazon jeden Kunden mit seinen Wünschen kennt und die Algorithmen des Konzerns individuell passende Produkte vorschlagen, schneiden die Parteistrategen bei dieser Bundestagswahl auch ihre Wahlwerbung viel genauer zu. „Microtargeting“ nennt sich diese Technik. Alle Parteien setzen darauf.

Die digitale Revolution lässt Wahlplakate antiquiert aussehen. Die Vernetzung ermöglicht Politikern, nahezu jeden Bürger mit Inhalten anzusprechen, die auf seine Bedürfnisse abgestimmt sind. Im besten Fall kann die Digitalisierung der Politik eine neue Nähe zum Wähler herstellen. Kritiker aber befürchten Manipulationen und eine Zersplitterung der Öffentlichkeit, die den demokratischen Austausch eher unterminiert.

Christian Zinke arbeitet mit seiner App an der positiven Vision. Die Wahlhelfer können damit festhalten, ob ein Mann oder eine Frau die Tür geöffnet hat, das ungefähre Alter lässt sich auf einer Skala einstellen. Er scrollt in dem Menu herunter, ganz unten erscheinen drei Emoticons, mit denen zu bewerten ist, mit welchem Gefühl das Gegenüber reagiert hat. Die App verbindet sich mit der Kampagnenführung, die Erfolge der Wahlkämpfer sehen kann; dort laufen die Daten ein, anonymisiert und bis auf fünf Haustüren hochgerechnet.

Nach Informationen dieser Zeitung nutzen die Kampagnenstrategen der CDU nicht nur öffentlich zugängliche Quellen für ihre Statistiken, sondern auch kommerzielle Datenbroker. Aus der CDU-Zentrale heißt es dazu: „Wir haben über die Deutsche Post Direkt GmbH eine Potenzial-Analyse auf Straßenzugebene eingekauft. Das bedeutet, dass für einen Wohnblock eine statistische Wahrscheinlichkeit errechnet wurde, mit der dort die CDU gewählt wird.“

Digitale Durchleuchtung der Menschen

Generell, sagt Christian Zinke, behindere die fehlende Datenbasis in Deutschland bislang nicht nur Parteien, sondern auch Behörden und Regierungsstellen: „Kampagnenchefs wissen leider zu wenig über ihre Zielgruppen, deren Bedürfnisse und Wünsche, deren Probleme, und hier sehe ich eine große Chance, die digitale Kampagnentechnik bietet.“

Einer, der an der digitalen Durchleuchtung der Menschen arbeitet, steht Anfang Juli auf dem Podium der Leopoldina, der traditionsreichsten naturwissenschaftlichen Vereinigung der Welt. Michael Kosinski ist 41, trägt Anzug und lila Krawatte. Die Moderatorin kündigt ihn als denjenigen an, der für den Sieg von Donald Trump verantwortlich gemacht wird. „Donald hat nie angerufen, um sich zu bedanken“, scherzt er und weist jede Verantwortung für den Ausgang der Wahl von sich.

Michal Kosinski ist Professor an der amerikanischen Universität Stanford, sein Fachgebiet: Psychometrie. Der Psychologe berechnet aus den digitalen Fußabdrücken, die Menschen im Internet hinterlassen, ihren Charakter. Seine Studie zählt laut der Messstelle Altmetric zu den vier weltweit einflussreichsten Publikationen. Der Vortrag, den er vor den Wissenschaftlern in einem Kongresszentrum in der Berliner Friedrichstraße hält, heißt: „Das Ende der Privatsphäre“.

Auf einer Folie, die er an die Wand projiziert, steht „500 MB“. So viele Daten hinterließ ein Mensch laut IBM im Jahr 2012 im Internet. Angenommen, die Nullen und Einsen dieser Daten aller Menschen würden doppelseitig auf Papier gedruckt, in Times New Roman, Schriftgröße 12: „Wie hoch wäre der Stapel?“, fragt er. Die Antwort: vier Mal die Strecke von der Erde zur Sonne. An jedem Tag. Das war 2012. 2015 wurden so viele Daten erzeugt wie in der gesamten Geschichte der Menschheit zuvor.

Kosinski erklärt, dass die winzige Datenmenge von zehn Likes bei Facebook genüge, um mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz in Sekundenbruchteilen den Charakter eines Menschen besser einzuschätzen, als dies ein Arbeitskollege könnte. Wieder eine Folie: 100 Likes reichten, um zutreffendere Antworten zu finden als ein Freund, 300 Likes benötigten Systeme, um einen Menschen besser einzuschätzen, als dies ein Ehepartner könnte.

Alle großen US-Zeitungen schrieben über jene Firma, die Michal Kosinskis psychometrische Methoden für die Republikaner einsetzte und auch den digitalen Wahlkampf von Donald Trump steuerte: Cambridge Analytica. Der tatsächliche Einfluss der Firma auf den Wahlausgang ist zwar umstritten, nicht aber, dass es möglich ist, Profile von großen Mengen von Menschen zu bilden und Werbung exakt auf sie zuzuschneiden. Die Firma nutzt nach eigenen Angaben eine Datenbank mit psychometrischen Charakterprofilen von 220 Millionen Amerikanern. Sie arbeitet für Wahlkämpfer in mehreren Ländern, derzeit in Mexiko und Kenia.

Privatsphäre - ein Begriff der Vergangenheit

Ein Experte, der Kosinskis Vortrag zuhört, ist Dirk Helbing. Der Professor der ETH Zürich für Computational Social Science wundert sich über die Zweifel am Einfluss von Cambridge Analytica, die einige Medien vor allem in Deutschland äußerten: „Die eingesetzten Methoden wurden im Bereich Neuromarketing entwickelt. Damit macht Google 95 Prozent seiner Gewinne, und es ist auch Facebooks Erfolgsrezept. Keine Frage, die Methode funktioniert. Es ist völlig absurd zu behaupten, sie sei wirkungslos.“ In Großbritannien und den USA ermitteln wegen der technologischen Manipulation mehrere Behörden, unter anderem das FBI.

Facebook nutzen zwei Milliarden Menschen, davon 30 Millionen Deutsche. Täglich profilieren sich die Bewohner dieses digitalen Staates, indem sie 800 Millionen Mal auf „Like“ klicken. Dabei kooperiert Facebook mit gigantischen Datensammlern – beispielsweise mit Acxiom, die 700 Millionen Profile horten. Die Privatsphäre, erklärt Kosinski, ist ein Begriff der Vergangenheit.

„Microtargeting“ – was genau ist das? Target heißt Ziel. Microtargeting ist das Anvisieren von kleinen Gruppen oder Menschen auf der Basis einzelner Merkmale. Wer wissen will, wie das konkret funktioniert, kann Johannes Hillje fragen.

Der Berliner Politikberater sitzt in seinem Büro in einem Altbau in Berlin-Mitte und klappt sein MacBook auf. Fischgrätparkett, Stuck an der Decke, abstrakte Kunst an den Wänden. Er ruft bei Facebook den Anzeigenmanager auf, eine Maske, in der Politiker wie Unternehmer die Ziele ihrer Werbeposts festlegen können. In dem Menü sind alle möglichen Kriterien wählbar, ein Klick auf das Feld, und schon öffnet sich eine lange Liste mit Merkmalen. „Beim detaillierten Targeting ist sehr viel möglich“, sagt Hillje, „das ist der Supermarkt für Wählergruppen, könnte man sagen.“

Auf der linken Seite zeigt eine Art Tachonadel die Reichweite an. Anfangs steht sie bei 32 Millionen: alle Nutzer in Deutschland. Zunächst grenzt Hillje ein Postleitzahlengebiet ein: 12157, Berlin Steglitz. Dann wählt er die Rubrik „Frischgebackene Eltern“. Die Tachonadel gleitet auf 312 Nutzer. Für dieses zugespitzte Ziel könnte ein Kandidat zum Beispiel Anzeigen zum Thema Kitaausbau schalten. Möglich ist auch, Nutzer nach Alter, Einkommen und Wohnverhältnis zu sortieren. Wer will, kann Menschen ansprechen, die gerade umgezogen sind, sich vor weniger als drei Monaten verlobt haben oder eine Fernbeziehung führen. „Das sind alles Lebenszustände, die mit bestimmten Emotionen verknüpft sind“, sagt Hillje. „Das ist die klassische Strategie der Werbepsychologie, dass man Menschen beruhend auf ihren Lebensumständen spezifische emotionale Werbebotschaften zuspielt.“

Die Sortierung von Menschen ist prinzipiell unbegrenzt möglich. Pionier für das digitale Wettrüsten in der Politik ist Barack Obama. In dessen Wahlkampf 2012 arbeiteten Programmierer und Analysten bereits in einem 100-Millionen-Dollar-Datenteam. Die Algorithmen errechneten aus den Datenprofilen auf einer Skala von 1 bis 100 die Bereitschaft, Obama zu wählen. Wahlhelfer speisten vor Ort eine App mit weiteren Informationen, die in die Zentrale weitergeleitet wurden. Die Wähler wurden quasi geröntgt, um Unentschiedene und Wechselwähler gezielt zu bearbeiten.

In Deutschland bleiben die Möglichkeiten im digitalen Wahlkampf noch weit hinter amerikanischen Verhältnissen zurück. Es existieren keine Wählerverzeichnisse, den Parteien liegen nur Sammeldatensätze vor. Außerdem setzen die kleineren Budgets den Politikern in Deutschland Grenzen. Trump gab jeden Monat 70 Millionen Dollar für seinen digitalen Wahlkampf aus; das Wahlkampf-Budget der deutschen Volksparteien SPD und CDU beträgt 20 bis 25 Millionen Euro.

Johannes Hillje lehnt sich zurück in der Stille seines Büros. Er leitete 2014 den Europa-Wahlkampf der Grünen in Brüssel. Er ist außerdem der Berliner Repräsentant der Pariser Agentur Ligey Muller Pons (LMP), die dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron zum Wahlerfolg verhalf. „Sag mir, wo du wohnst, und ich sage dir, wen du wählst“, hat Guillaume Ligey während des französischen Wahlkampfs gesagt. Generell sei dies auch in Deutschland möglich, meint Hillje, allerdings stünden die Parteien noch sehr am Anfang. „Das Potenzial dieser genauen Zielgruppen nutzen sie nur bedingt, weil noch der nötige Erfahrungsschatz fehlt.“ Und die volle Wirkung entfalte eine Kampagne in den sozialen Medien erst, wenn Daten aus unterschiedlichen Quellen kombiniert würden: „Weiß ich, dass genau meine Wähler in Steglitz sind und dass da viele junge Eltern leben, die für meine Botschaft empfänglich sind? In Steglitz sind ja andere frischgebackene Eltern als in Prenzlauer Berg.“

Die Wahlkämpfer der CDU können die Connect17-App nutzen, um Namen, E-Mail-Adresse und Telefonnummer der Befragten einzutragen, wenn diese zustimmen. Die anderen Parteien nutzen ähnliche Systeme, das Modell der Union ist am ambitioniertesten. Mit den Informationen kann die Zielgruppe bei Facebook noch feiner definiert werden.

Der Österreicher Wolfie Christl hat im Juni seine Studie „Corporate Surveillance In Everyday Life“ veröffentlicht. Das Spezialgebiet des Datenschützers und gelernten Nachrichtentechnikers: kommerzielle Überwachung. „Ich kann ganze Listen mit E-Mail-Adressen und Telefonnummern an Facebook geben. Ich kann meine Inhalte sehr genau anpassen und erreichen, dass diese Menschen sich möglichst so verhalten, wie ich das möchte. Dass sie etwa auf bestimmte Inhalte klicken oder sich auf einer Website registrieren oder auch in letzter Konsequenz: dass sie eher eine bestimmte Partei wählen.“ Wo hört die zielgenaue Kommunikation mit Konsumenten auf? Und wo fängt die Manipulation von Wählern an, die heute mit denselben Methoden angepeilt werden?

Wolfie Christl sagt: „Mit diesen Technologien kann man kleinen Gruppen von Menschen exakt die Botschaften schicken, die ihrer politischen Einstellung entsprechen. Dieselbe Partei kann einer anderen Gruppe genau das Gegenteil suggerieren. Das alles bleibt intransparent, weil diese Botschaften jeweils nur von bestimmten Gruppen von Menschen gesehen werden.“

Politik in der digitalen Transformation

Mit datenbasierter Wahlwerbung lässt sich „die Wahlbeteiligung von definierten Gruppen erhöhen. Es können auch Gruppen verunsichert werden“, sagt Christl. Das Trump-Team zum Beispiel nutzte solche Methoden, um gezielt die schwarze Minderheit von der Wahl abzuhalten. Johannes Hillje erkennt die Vorteile der digitalen Techniken, aber auch die Gefahren: „Die personalisierte Wahlwerbung steht im Widerspruch zu den demokratischen Grundmechanismen von Kompromissfindung, von Interessenausgleich. Politik sollte fürs Allgemeinwohl gemacht werden, nicht für den einzelnen Facebook-Nutzer.“

Der Bundestagswahlkampf spielt sich in einer Phase der digitalen Transformation von Politik ab. Einerseits können Wahlkämpfer in nie dagewesener Form mit Millionen Bürgern ins Gespräch kommen, andererseits löst sich mit der Individualisierung von Botschaften der politische Raum auf. Es besteht in unserer Gesellschaft die Möglichkeit, sich besser zu informieren als je zuvor, zugleich eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten der Manipulation, die mit dem zusammenhängen, was Kosinski mit dem „Ende der Privatsphäre“ beschreibt.

Der deutsche Datenschutz hat der Macht der Datenkonzerne wenig entgegenzusetzen. Das glaubt Christoph Bornscheid, dessen Agentur TLGG Konzerne bei der digitalen Transformation berät. Bornscheid, Brille und flusiger Bart, könnte als Student durchgehen. Doch das täuscht. Als Jungunternehmer beschäftigt er auf mehreren Etagen in einem Kreuzberger Hinterhof 180 Angestellte. Er bezeichnet sich als „Erklärbär“. Seine Expertise schätzen sowohl Sigmar Gabriel als auch Angela Merkel. „Ich kann alle möglichen Botschaften in einem Wahlkampf an alle möglichen Leute umverteilen. Es muss aber transparent sein, dass dies Parteienkommunikation ist.“ Bloß wer soll diese Prinzipien überwachen? „Auch heute kann sich jemand mit Algorithmen auf die Seite einer Partei schlagen und Botschaften mit einer hohen Targetierung bei Facebook senden. Mit genügend Geld lässt sich auf diese Weise eine persönliche Weltanschauung in die Welt tragen.“ Ein Risiko ist, dass finanzkräftige Akteure so ihren Einfluss geltend machen: Es gibt zum Beispiel anonyme Spender, die den Wahlkampf der AfD mit Plakaten und Gratiszeitungen unterstützen. Solche undurchsichtigen Player könnten sich auch in die digitale Kampagne mischen.

Die Effekte bei einem gigantischen Netzwerk wie Facebook können erheblich sein. Ende Juli berichtete der New Scientist über eine neue Studie, die erstmals belege, dass mit psychometrischer Targetierung des Konzerns der Ausgang von Wahlen bestimmt werden könne.

Eine intransparente Mathematik kommerzieller Algorithmen definiert, wie Wähler erfolgreich angesprochen werden. Johannes Hillje sagt: „Facebook entscheidet mit, in welche Richtung politische Kommunikation sich derzeit entwickelt, weil es so ein zentrales Medium für die politische Meinungsbildung geworden ist.“ Facebook legt fest, dass Politiker Videos und den Facebook-Livestream nutzen müssen, weil der Algorithmus diese Formate bevorzugt.

Potsdamer Platz, siebter Stock des Sony Centers. Hier, zwischen Legoland und Dunkin Donuts, befindet sich das Büro dieser Politikmaschine. 2016 belegte der Konzern mit 441 Milliarden Dollar Platz vier der wertvollsten Unternehmen der Welt. In Berlin beschäftigt er rund 40 Mitarbeiter. Für den Bereich „Politics and Government“ ist Anika Geisel zuständig. Sie berät Politiker im Umgang mit den Instrumenten, die ihnen der Konzern zur Verfügung stellt. Facebook organisiert auch Schulungen und Workshops. Zum Beispiel im Bundestag – für Mitarbeiter der Abgeordneten. Wer eine Anfrage an die Presseabteilung schickt, erhält eine Antwort von Apco Worldwide, einer PR- und Lobbyorganisation: „Facebook prüft aktuell, wie und wann sie zu dem Thema Wahlen sprechen werden.“ Man werde sich „bald möglichst“ wieder melden. Danach kommt nichts mehr.

Auf eine direkte Mail an Anika Geisel antwortet eine Unternehmenssprecherin, die nicht mit Namen genannt werden will. Sie erklärt, Geisel sei zu beschäftigt, und bietet an, Fragen zu beantworten. Wie bewertet Facebook die Möglichkeiten der Manipulation durch Microtargeting? Das Wort, sagt sie, berge Missverständnisse, der Konzern verwende es daher nicht: „Facebook stellt allen Werbetreibenden, also auch den Parteien, Werkzeuge zur Verfügung, um ihre Zielgruppen zu erreichen. Sie können aber keine Menschen einzeln identifizieren, denn die Daten sind aggregiert und anonymisiert.“ Und wie sieht es mit Dark Ads aus, mit Werbung, die nur definierte Zielgruppen sehen können? An dieser Anzeigenform sei nichts dark. „Diese Beiträge können offen geliked und geteilt werden.“

Nur wenige Kilometer weiter im Norden von Berlin, in der Kampagnenzentrale der Grünen, schlägt Wahlkampfmanager Robert Heinrich nach einer fetten Fliege. Seit dem Nachmittag hängt ein Insektenhotel im Innenhof; Cem Özdemir hat es aufgehängt und Fotos auf seiner Facebook-Seite geteilt. 225 Leuten gefiel das. Auch die Grünen setzen in diesem Wahlkampf auf das Microtargeting, sie gehen sogar ziemlich kleinteilig vor. Die Hälfte ihres Werbebudgets von zwei Millionen Euro ist für digitale Anzeigen vorgesehen. Geographisch kreist die Partei ihre Hochburgen in Baden-Württemberg, Niedersachsen, Hamburg, Berlin ein. Zudem werden die Nutzer nach Vorlieben ausgewählt; interessant sind Menschen, die sich für Natur, Öko-Landwirtschaft oder Fahrradfahren begeistern. „Wir konzentrieren uns einerseits auf die Außenwerbung, um ein kommunikatives Grundrauschen zu erzeugen, und auf das Netz, um gezielt die Zielgruppen zu bespielen“, sagt Heinrich, ein schlaksiger Typ mit spitzem Kinn und Brille. Ein Beispiel: Wer sich für Tierschutz interessiert, kriegt ein Posting zum Thema Kükenschreddern. Wer gern Fahrrad fährt, erfährt, dass sich die Grünen für mehr Radwege einsetzten.

Für die Grünen ist das Thema Microtargeting heikel; Heinrich überlegt kurz, wie er seinen Zwiespalt in Worte fassen soll. Hinter ihm sitzen junge Leute vor Computern, das Klackern der Tastaturen füllt den Raum. Auch die Grünen haben Wählerpotenzial-Analysen gemacht. Einerseits profitieren sie davon, dass sie die Erfolge ihrer Kommunikation sofort sehen und justieren können. Andererseits tritt die Partei für einen strengeren Datenschutz ein. „Ja“, sagt Heinrich, „das ist ein Spannungsfeld, weil wir natürlich Kritik an Facebook haben. Trotzdem sind da die Menschen, die ich erreichen will.“

Die Partei versucht, freiwillig Transparenz zu schaffen: Sie hat eine Website eingerichtet, auf der sie alle Anzeigen veröffentlicht, die sie mittels Microtargeting versendet. Alle großen Parteien wollen sich im Wahlkampf an bestimmte Regeln halten: Keine Schmutzkampagnen, auch Socialbots sollen nicht genutzt werden, also Software, die automatisiert Botschaften in „sozialen“ Medien verbreitet. Es gibt Anzeichen, dass zumindest die AfD sich daran nicht hält. Auf eine Nachfrage reagiert die Partei nicht. Und laut einer ARD-Recherche wirbt etwa Jens Spahn, Parlamentarischer Staatssekretär der CDU, gezielt mit Dark Ads im Umfeld von AfD-Wählern mit folgender Botschaft: „Sichere Außengrenzen für ein sicheres Europa“. Er suggeriert diesen Nutzern eine besondere Nähe: „Seht ihr das genauso?“

Die Grünen setzen bei Facebook auf die „Grüne Netzfeuerwehr“, eine geschlossene Gruppe mit 3000 Leuten, die Fake News melden und gegen Hasskampagnen vorgehen sollen. Im Dienste der CDU agiert eine geschlossene Gruppe mit mehr als 2600 Mitgliedern. Sie heißt: „DIWAK“, Gruppe für den Digitalen Wahlkampf. In der Beschreibung steht: „Hier ist auch der Ort, um sich über neue Wahlkampf-Tools, Techniken und Herangehensweisen auszutauschen.“

Die Wähler der CDU mögen tendenziell wenig netzaffin sein, doch beim datengestützten Haustürwahlkampf gilt die Union in Deutschland als Vorreiter. Nach Einschätzung von Experten steht ihr die größte Datenbasis zur Verfügung. „Im Tür-zu-Tür-Wahlkampf führt man keine politischen Grundsatzdiskussionen“, sagt Stefan Hennewig, Bereichsleiter Kampagne und Marketing der CDU. Es gehe darum, die eigenen Wähler zu mobilisieren – damit die am Wahltag ihre Stimme abgeben. Die Partei hat die zweite Etage des Konrad-Adenauer-Hauses in Berlin zur Kampagnen-Zentrale umfunktioniert. Die Hälfte besetzt das Connect17-Team. Es besteht aus etwa 30 Leuten. Konkrete Angaben zu den digitalen Strategien macht Hennewig nicht. Fragen, wie die Partei Zielgruppen zuschneidet und anspricht, lässt er offen. Nach den vereinbarten 15 Minuten endet das Gespräch. Hennewig muss weiter.

Rund 250 Kilometer weiter südöstlich, im einzigen Hochhaus der Stadt Jena, klickt Christian Zinke, Geschäftsführer der Agentur Praxisnah, auf eine Tabelle. Zahlen der Landtagswahlen im Saarland, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen erscheinen. Dort hatte die CDU die Connect17-App bereits eingesetzt, ohne viel darüber zu reden. In Berlin befragten die Wahlkämpfer die Bürger, welche Themen für sie drängend sind, und erfassten die Antworten auf ihrer App. Jetzt, bei den Bundestagswahlen, will die Partei ihre Erfahrungen nutzen.

Zinke deutet mit dem Kugelschreiber auf die Statistik auf dem Display. Er ist stolz auf die Zahlen: Im Saarland klopften die Wahlkämpfer an 75 000 Türen. Die Wahlbeteiligung stieg um 8,1 Prozent, für die CDU ging es um 5,5 Prozent aufwärts. Ein Testlauf. „Die Kampagnenführung hat zum ersten Mal ein Gespür dafür, was an Kampagnen-Aktivitäten passiert, was die Leute wollen.“ Bevor es die Software gab, sagt Zinke, war die Partei fast blind. Mit der App ist das nun anders. „Das Wichtigste ist, die Organisationsstruktur zu schaffen: Sie können eine App als Hilfsmittel nur benutzen, wenn Sie Menschen haben, die damit etwas anfangen können: Menschen überzeugen Menschen.“

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