Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Porträt des französischen Schriftstellers Marcel Proust (1871-1922).
+
Porträt des französischen Schriftstellers Marcel Proust (1871-1922).

Times mager

Verlorene Zeit

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
    schließen

Aber wo bleibt sie nur zwischen den beiden gegenwärtig verbreiteten Abendaktivitäten?

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist geradezu penetrant eine Losung für das begonnene Jahr. Erstens stellt sich permanent die Frage, wo die Zeit geblieben ist. Zweitens stellt sich die Frage, wer daran die Schuld trägt. Es ist schwierig, der Zeit Vorwürfe zu machen, aber irgendjemand muss es ja verpatzt haben. Wer für „Zeit“ einmal ein Wort wie „Zugangskarte“ oder „Word-Datei“ einsetzt, merkt, dass hier neben Melancholie auch Gereiztheit im Spiel ist. Wo ist es, das Miststück.

Drittens nähert sich der 150. Geburtstag von Marcel Proust, und es braucht wenig Erfahrung, um zu wissen, dass der 10. Juli so gut wie übermorgen ist. Aber statt sofort etwas zu unternehmen und „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ aus dem Regal zu ziehen, denken wir darüber nach, was wir heute kochen könnten. Wobei sich die Menschen, die restlos vom Kulturbetrieb abhängig sind, sei es aktiv (Künstlerinnen und Künstler) oder passiv (Publikum und Kritik), zu einem nicht geringen Teil auch für Proust entschieden haben. Über den Daumen gepeilt: Ein Drittel liest „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, ein Drittel kocht, ein Drittel verbindet diese beiden sehr unterschiedlichen Tätigkeiten. Die eine dauert und dauert, erweitert aber den Horizont. Die andere dauert und dauert, saut aber die Küche ein.

Charakteristisch für die gegenwärtige Situation ist, dass sich die Bedeutung des Verbs „machen“ auf eine nicht zu begrüßende Weise verengt. Auf die Frage „Was macht ihr heute Abend?“ sagen zwei Drittel auf einmal Dinge wie „Wirsing-Morchel-Risotto“. Anstatt: „Nach dem Theater wollten wir ins ,Don Giovanni‘.“ Überhaupt mag mancher ein Wirsing-Morchel-Risotto interessant finden, aber das geht nicht allen so.

Wirklich interessant dagegen: Eine Opernaufführung, die tagelang als Video zur Verfügung stand, ist vorbei, sobald man endlich Zeit dafür findet. Dabei handelt es sich nicht um einen Einzelfall, es hat Methode. Die Zeit, sie ist tückischer, als sie scheint – sie ist nicht nur verloren, sondern von jeher unsichtbar, sozusagen im Zuge eines höchst durchsichtigen Manövers. Einerseits sollte in den nächsten Wochen noch genug Zeit sein, ihr auf den Zahn zu fühlen. Andererseits ist genau das einer ihrer Tricks. „Genug Zeit“, dass ich nicht lache.

Alternativ zu „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und Risotto könnte man heute Abend auch anfangen, Paul Austers existenziellen Roman „4321“ zu lesen. Der 3. Februar ist Austers 74. Geburtstag, und das Alter spielt im Buch in vielfacher Hinsicht eine Rolle. Auch das eigene Leben könnte auf diese Weise wieder Anschluss an einen sinnvollen Zeitpunkt im Jetzt finden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare