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Der "Spiegel" machte den Betrug durch seinen Star-Reporter öffentlich.

Claas Relotius

Die Verkitschung der Wirklichkeit

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Claas Relotius, der Fälschung von Artikeln im "Spiegel" überführt, war Protagonist eines problematischen Reportagestils.

Auch ertappten Fälschern begegnet man oft noch mit Respekt. Ein besonderes Talent müsse schon dazu gehören, auch gestandene Experten zu täuschen, heißt es dann. Wenigstens in ihrer Handwerkskunst seien sie den Meistern in den jeweiligen Kunstsparten ebenbürtig. So war es auch am vergangenen Dienstag, als spiegel-online bekanntgab, von seinem Autor und Redakteur Claas Relotius getäuscht worden zu sein.

Auf mehr als vierzigtausend Zeichen, das sind dreizehn ausgedruckte Seiten, wird der Skandal dort ausgebreitet, doch in die Abrechnung mischt sich immer wieder Lob: „Dieser Relotius liefert immer wieder hervorragende Geschichten, die wenig Arbeit und viel Freude machen“, schreibt Chefredakteur Ullrich Fichtner. „Er schreibt ja nicht nur große Sachen. Er beweist sein Talent, seine Hingabe an den Beruf, Woche für Woche.“

Für die Opfer von Hochstaplern und Fälschern mag es einen Trost bedeuten, dass auch andere die eigene Wertschätzung teilten. Bei Relotius, der am Donnerstag ankündigte, alle Auszeichnungen zurückzugeben, finden sich Belege dafür dutzendfach in den Preisreden, die auf ihn gehalten wurden. Von „beispielloser Leichtigkeit, Dichte und Relevanz“ ist etwa in der Jury-Begründung zum Deutschen Reporterpreis 2018 die Rede. Auch jetzt zitiert „Der Spiegel“ aus dieser Preisrede, als sei überschwängliches Lob nicht stets mit Vorsicht zu genießen. „Beispiellos“ ist im Journalismus jedenfalls fast gar nichts.

So sucht auch Fichtners Text zunächst nach eigener Entschuldigung. Andere Geprellte, die doch erst durch die eigene Veröffentlichung zu Opfern geworden sind, sollen das eigene Versagen erklären helfen. Wie hätte man denn den Betrug ahnen können, lautet die rhetorische Frage, wenn doch von einem „journalistischen Idol seiner Generation“ begangen wurde, der alle Welt genarrt habe.

Ansichten werden nicht dadurch zu Tatsachen, dass man sie in einer Reportage als solche verkauft. Doch man konnte schon früher auch anderer Ansicht sein über diesen Autor. Die Dokumentationsabteilung des „Spiegel“ mag an seinen Texten versagt haben, aber vorher noch hätte die Geschmackspolizei einschreiten müssen. Allein die vielgelobten Anfänge seiner Texte konnten mit ihren blumigen Sprachbildern auch abstoßen.

Da ist zum Beispiel die Relotius-Reportage „Die letzte Zeugin“ über die angebliche Hinrichtungs-Touristin Gayle Gladdis: „An einem späten Januarabend, der Himmel über Joplin, Missouri, ist ohne Mond, verlässt eine kleine zierliche Frau ihr Haus, um einen Mann, den sie nicht kennt, sterben zu sehen.“ Die Sehnsucht nach Emotionalisierung im Dokumentarischen, die aus diesen Zeilen spricht, hat eine lange Tradition. Es ist das kunstgewerbliche Überbleibsel einer einst bewunderten Bewegung, die als „new journalism“ in den frühen Sechzigerjahren Berühmtheit erlangte. Einige der bedeutendsten Beispiele behandelten die Todesstrafe in den USA.

Man sieht Truman Capotes Tatsachenroman „Kaltblütig“ deutlich vor sich oder Norman Mailers „Gnadenlos“ über den Mörder Gary Gilmore und dessen Hinrichtung 1977. Ob Relotius durch die Alliteration des Namens zu seiner „Gayle Gladdis“ inspiriert wurde? Er liefert die Groschenheft-Variante dieser großen Vorbilder. „In Jarratt, Virginia, hat sie einen Mann, der sich mit Händen und Füßen gegen die Spritze wehrte, um Gnade flehen hören. In Jacksonville, Florida, hat sie gesehen, wie sich einer, der sein Leben lang ein Teufel war, im letzten Moment vor Angst in die Hose machte. In Florence, Arizona, wurde sie Zeugin, wie ein Verurteilter in dem Augenblick, als sie ihn töteten, nach Gott und seiner Mutter rief.“

In den besten Werken des New Journalism wurden gesellschaftliche Phänomene, politische oder soziale Realitäten an Einzelschicksalen greifbar. Die Narrationen wurden aus Tatsachen entwickelt. Der gegenwärtige Trend zum „human touch“ arbeitet in umgekehrter Richtung. Journalisten oder Filmemacher entwickeln erst ihre Skripts und suchen dann erst nach Schauplätzen und Protagonisten, um sie auf die Realität zu projizieren. Und was sich dort nicht finden lässt, wird durch sprachliche Mittel in die gewünschte Richtung gelenkt. Nicht, dass man die großen Autoren des „new journalism“ davon immer frei sprechen könnte, aber sie waren bessere Schriftsteller. Abgedroschene Sprachbilder, wie sie Relotius so beliebt machten, sind noch einmal ein anderes Kaliber. Sie können Realitätsfundstücke nicht nur verfälschen, sie verkitschen sie zugleich.

Im „Spiegel“-Kanal auf Facebook findet sich noch immer ein Werbevideo, in dem Relotius seine Reportage „In einer kleinen Stadt“ über Trump-Wähler im Mittleren Westen der USA ankündigt. „Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen dort froh waren, dass jemand aus Deutschland kam und ihnen zuhört“, transportiert das kolonialistische Klischee des deutschen Weltverstehers.

Es gab schon einmal einen deutschen Autor, der für erfundene Geschichten als Hochstapler angesehen wurde, sein Name Karl May. Heute zweifelt niemand am fiktionalen Charakter seiner Abenteuergeschichten. Damals wünschte man sich, dass sie wahr wären. Heute arbeitet sich dieser Wunsch am Reportage-Journalismus ab.

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