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Lust auf bewegte Bilder: Und wieder lockt der Bär am Kino Zoo Palast. Hier befestigen ihn Industriekletterer an der Fassade.

Berlinale

Wie verfilmt man Terrorismus?

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Auch die 68. Berlinale mischt reichlich Politik mit Kunst und Unterhaltung. Der in die Kritik geratene Festivalchef Dieter Kosslick muss sich noch einmal beweisen.

Man muss es deutlich sagen: Die Berlinale ist auf den Hund gekommen. Und nicht nur einen: Sie heißen Rex, King, Duke, Boss und Chief. Auch wenn sie auf eine japanische Mülldeponie verbannt wurden, tragen sie ihre großen Namen mit Stolz vor der Brust – eingraviert auf glänzenden Hundemärkchen.

Fünf Vierbeiner sind die Stars des Eröffnungsfilms „Isle of Dogs“. Der Amerikaner Wes Anderson hat ihn in einem englischen Puppentrickstudio inszeniert und knüpft mit diesem Auftritt an seinen Berlinale-Erfolg „Grand Budapest Hotel“ an. Ein starker Eröffnungsfilm ist für Dieter Kosslick schon die halbe Miete – zumal halb Hollywood den Hundchen seine Stimmen lieh: Greta Gerwig, Bill Murray, Bryan Cranston und die schottische Berlinale-Veteranin Tilda Swinton. So hochkarätig wie bei der Eröffnung wird der rote Teppich im Lauf des Festivals kaum noch glänzen.

Jury-Präsident Tom Tykwer, dessen Fernsehserie „Babylon Berlin“ international erfolgreich ist, erwartet im Wettbewerb eine Mischung aus einigen bekannten Namen und viel Nachwuchs. In die erste Kategorie fallen fraglos Gus Van Sant, dessen Beitrag „Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot“ die Stars Joaquin Phoenix und Udo Kier erwarten lässt. Phoenix spielt den US-Cartoonisten John Callahan, den seine Querschnittslähmung zu beißenden Karikaturen inspirierte.

Der Franzose Benoit Jacquot bringt mit seinem Wettbewerbsbeitrag Isabelle Huppert nach Berlin, eine der größten Charakterdarstellerinnen des europäischen Films. Der Berliner Christian Petzold hat dagegen auf seine Stammschauspielerin Nina Hoss verzichtet und die Anna-Seghers-Verfilmung „Transit“ mit den jüngeren Talenten Franz Rogowski und Paula Beer besetzt. Weitere deutsche Beiträge stammen von Philip Gröning („Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“) und Thomas Stuber („In den Gängen“). Der frühere Gewinner des Goldenen Löwen, Lav Diaz, bringt seinen Vierstundenfilm „Im Zeichen des Teufels“ in den Wettbewerb.

Leider nur außer Konkurrenz kehrt einer der großen Altmeister des Schweizer Films, Markus Imhoof, zurück zum Flüchtlingsthema seines Klassikers „Das Boot ist voll“. Ausgehend von seiner persönlichen Begegnung mit dem italienischen Flüchtlingskind Giovanna im Zweiten Weltkrieg erzählt er in „Eldorado“, wie Geflüchtete und Migranten heute behandelt werden.

Als Dieter Kosslick die Berlinale gerade drei Jahre geleitet hatte, machte er die Bemerkung, das Einzige, was Berlin noch von Cannes unterscheide, seien der fehlende Strand und das Wetter. Heute sagt das wohl niemand mehr: Cannes ist der unangefochtene Platzhirsch unter den großen A-Festivals, und auch das kleinere Venedig sieht im Herbst dank seines exzellenten Hollywood-Angebots meist besser aus.

Nach 16 Kosslick-Berlinalen – sein Vertrag als Direktor endet 2019 – drangen mehr als 70 deutsche Filmschaffende im vergangenen Herbst auf einen Neustart. Ohne den Berlinale-Chef beim Namen zu nennen, forderten sie in einem offenen Brief: „Ziel muss es sein, eine herausragende kuratorische Persönlichkeit zu finden, die für das Kino brennt, weltweit bestens vernetzt und in der Lage ist, das Festival auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig in die Zukunft zu führen.“

Kosslick ist es nie gelungen, eine spezielle künstlerische Vorliebe in seiner Auswahl erkennen zu lassen. Allein das Interesse an der Politik – aus der er schließlich stammt – zieht sich wie ein inhaltlicher roter Faden durch die Programme. Das hat ihm oft die Aufmerksamkeit großer Medien gesichert, wo die Politik ebenfalls mehr gilt als die Kultur. Am Ende aber zählt bei einem Filmfestival die künstlerische Qualität mehr als jedes Thema.

Im Idealfall natürlich gibt es das manchmal auch zusammen. Gleich zwei Spielfilme im Wettbewerb befassen sich mit dem Terrorismus: „7 Tage in Entebbe“, eine Koproduktion zwischen den USA und Großbritannien, erinnert an die Geiselnahme israelischer Flugreisender im Jahr 1976. Filmemacher José Padilha verspricht neue Erkenntnisse über die antizionistische Terroraktion, die das gespaltene Verhältnis der europäischen Linken zu Israel in den Blickpunkt rückt.

Der Norweger Erik Poppe hat dagegen den rechtsextremistisch motivierten Massenmord verfilmt, der 2011 in einem Sommercamp auf der Insel Utøya geschah. Mit der Handkamera aus der Perspektive eines Opfers gefilmt, erwartet den Zuschauer die hyperrealistische Rekonstruktion einer menschenverachtenden Hetzjagd. Wieder wird eine Berlinale die Frage diskutieren, welche Darstellungsform für Zeitgeschichte angemessen sei – historische Rekonstruktion, dramatische Aufladung oder künstlerische Verfremdung?

Man kann sich das Festival kaum ohne diese Frage vorstellen. Sie spaltete die Jurys im Jahr 1970, als Michael Verhoeven ein Vietnamkriegsverbrechen in einem deutschen Wald nachspielte, oder 1986, als Reinhard Hauffs „Stammheim“ gegen den Wunsch der Jurypräsidentin Gina Lollobrigida einen Goldenen Bären holte. Ob diese Berlinale wohl ebenfalls Geschichte schreibt? Auf jeden Fall wird sie von ihr erzählen.

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