Akademie für Sprache und Dichtung

Verfassung, mehr als eine „Pusteblume“

  • schließen

Die erste „Frankfurter Debatte über die Sprache“ ist eine Initiative zur rechten Zeit.

Der Auftakt gerät zwiespältig. In einer Zeit, da Sprache vielfach von Verarmung bedroht ist – gerade durch die sozialen Medien – , in der viele junge Menschen keine Handschrift mehr besitzen, wagt die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung etwas Neues. Es geht ihr darum, künftig „Reichtum und Lebendigkeit der Sprache“, ja, „die herausragende Bedeutung der Sprachkultur“ in den Fokus zu rücken, wie der Präsident der Akademie, Ernst Osterkamp, sagt.

Deshalb lädt die Akademie von nun an jährlich nach der Buchmesse im Herbst zu einer „Frankfurter Debatte über die Sprache“. Zur Premiere ist der große Saal der Evangelischen Akademie in Frankfurts Stadtzentrum überfüllt. Keine abgehobene Diskussion schwebt Osterkamp vor, sondern eine „Teilhabe an aktuellen politischen Prozessen“. Dieser Anspruch wird am ersten Abend jedoch nur teilweise erfüllt.

Tatsächlich könnte das überwölbende Thema, die „Sprache der Verfassung“, kaum brisanter sein. Von vorneherein spitzt die erste Runde das Thema zu durch die Frage, ob denn das Volk die Verfassung verstehen solle. Der Rechtswissenschaftler Michael Stolleis hält gleich provozierend fest, dass weder 1949 noch 1989, nach der Wende, das Volk zur deutschen Verfassung „gehört“ worden sei. Der Sprachwissenschaftler Wolfgang Klein bezweifelt offen, dass viele Menschen überhaupt verstehen, was in der Verfassung festgehalten sei. Auch fragt er, woher eigentlich die Hüter des Rechts ihre Erkenntnisse beziehen: „Woher weiß das Verfassungsgericht, was das Volk unter Ehe versteht?“

Doch die Juristen kontern kühl. „Das Volk gibt es nicht“, sagt Gabriele Britz, Richterin am Bundesverfassungsgericht. Kleins Ansatz sei „hundertfach zu trivial“. Ja, der Rechtswissenschaftler Uwe Volkmann kommt gar zu dem Schluss, gerade die Unbestimmtheit sei die Voraussetzung für die Akzeptanz der Verfassung. Jeder könne, jeder dürfe sich etwas anderes unter ihr vorstellen.

Der Frankfurter Schriftsteller (und Jurist) Martin Mosebach findet genau diese Ungenauigkeit bedenklich, er nennt es sogar ein Wunder, dass das Grundgesetz in Deutschland so akzeptiert worden sei.

Der Abend droht, in das Räsonieren alter weißer Männer abzugleiten. Neben Gabriele Britz steht nur noch Nicola Beer (FDP), die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, einer siebenköpfigen männlichen Phalanx gegenüber. Doch der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss, dem soeben der Georg-Büchner-Preis verliehen wurde, rettet den Tag. Mit einem ironischen „Grüezi, Frankfurt!“, führt der 47-Jährige sich ein.

Um die Debatte fortan mit poetischen Bildern zu erden: „Wenn die Rechtswirklichkeit nicht so ist, bleibt alles, was in der Verfassung steht, eine Pusteblume!“ Ein weiterer zentraler Satz: „Alle Verfassung findet eine Grenze in dem Willen, sich daran zu halten.“ Bärfuss führt die Wirklichkeit in die Diskussion ein, die ihr gefehlt hat, etwa der Blick auf die bedrohte soziale Gerechtigkeit. Allerdings macht der Autor deutlich, dass die direkte Demokratie mit Volksabstimmungen in der Schweiz ihre Schattenseiten besitze: „Das Volk kann irgendeinen Unsinn in die Verfassung bringen.“ So setzte eine Mehrheit etwa ein Minarett-Verbot durch, obwohl es überhaupt nur fünf dieser Gebetstürme im gesamten Land gab.

Die zweite Runde, die Bärfuss aufmischt, kreist um die Sprache der europäischen Verfassung. Hier fällt die Analyse des Ist-Zustands nicht gut aus. Nur die FDP-Politikerin Beer glaubt, durch einen Verfassungskonvent die Zerrissenheit Europas überwinden zu können. Eine Idee, die der Rechtswissenschaftler Günter Frankenberg angesichts von Brexit und Rechtspopulismus für „nachgerade absurd“ hält.

Die Juristen auf dem Podium geben aber die Hoffnung nicht auf, ein gemeinsames Grundverständnis von Menschenwürde und Meinungsfreiheit in Europa erreichen zu können, wie Michael Stolleis sagt. Der Schweizer Bärfuss tröstet das Auditorium mit der Erkenntnis, dass sein Land „trotzdem“ funktioniere – gemeinsame Werte verbänden die Menschen „tiefgreifend“.

Die „Frankfurter Debatte über die Sprache“ ist eine wichtige Initiative zur rechten Zeit. Sie hat das Zeug zum Klassiker, wenn die Akademie aus den Fehlern des ersten Abends lernt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion