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Jeder Baum ein Menschenleben: In Sandarmoch erschossen Stalins Henker in wenigen Tagen 1937/38 Tausende Gefangene.

Gulags

Verdrängte Schrecken

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Masha Gessen erinnert zu Fotos von Misha Friedman an Stalins Gulags.

Es hätte eine Sensation werden können: Am 30. Oktober 2017 eröffnete Wladimir Putin in Moskau das Denkmal für politische Opfer der Sowjetunion. Der russische Präsident sprach – die „Wand der Trauer“ im Rücken – über die Wichtigkeit, sich zu erinnern. Er sagte: „Was für uns alle, was für die kommenden Generationen wichtig ist, das ist, sich an die tragische Periode unserer Geschichte zu erinnern, als ganze gesellschaftliche Schichten, ganze Völker der brutalen Verfolgung ausgesetzt waren (…)“. Über den Terror der Sowjetunion, der unmittelbar nach der Revolution 1917 begonnen und in unterschiedlicher Intensität bis zum Tode Josef Stalins 1953 gedauert hatte, sprach Putin nur wenige Minuten. Mit keinem Wort erwähnte er Stalin, kein Wort verlor er über das damalige Staatssystem und auch nichts über die Täter – allen voran Angehörige des sowjetischen Geheimdienstes. Die Sensation blieb also aus.

Der Terror der 30er Jahre, das kaum vorstellbare Ausmaß der Erschießungen und Deportationen ist auch 27 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion in Russland selbst nur schlecht erforscht. Es gibt keine offizielle Aufarbeitung der „schrecklichen Vergangenheit“ (Putin), es gibt – ganz im Gegenteil – eine aktive Vernebelung der Geschichte. Das Geschehene wird zum Beispiel als ein nicht zu verstehender Unfall dargestellt; als etwas, das über das Land „geschwappt“ ist, wie es der Anführer der Jungkommunisten im Gespräch mit der FR im Herbst 2017 ausdrückte. Oder es wird gerechtfertigt: Ohne die brutale Modernisierung des Landes hätte der Zweite Weltkrieg nicht gewonnen werden können.

Zeugnisse der Sowjetunion im Moskauer Skulpturenpark: Lenin, Stalin und die doppeldeutige Losung: „Die UdSSR ist das Fundament der Welt/des Friedens“.

Vom Suchen, Verdrängen, Verschleiern und Umdeuten jener Vergangenheit handeln die Texte von Masha Gessen und die harten Schwarzweiß-Bilder von Misha Friedman. Es handelt nicht vom Vergessen, wie der deutsche irreführende Titel suggeriert. Aber das ist Gessen nicht anzukreiden, im Englischen heißt das Buch „Never Remember. Searching for Stalin’s Gulags in Putin’s Russia.“

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Die einzelnen Essays beschäftigen sich mit unterschiedlichen Aspekten der Gulag-Geschichte: wie Privatleute einen Ort der Massenerschießungen ausfindig machen; wie ein ehemaliges Lagergelände von einem Museum der Erinnerung zu einem Museum der Unterhaltung verkommt; und wie Menschen wider besseres Wissen freiwillig die Geschichte verleugnen. Diese drei Themen werden am Beispiel von drei unterschiedlichen Orten aufgearbeitet: Sandarmoch, wo innerhalb weniger Tage mehrere tausend Gefangene erschossen wurden; Perm-36 im Ural, das einzige offizielle Gulag-Museum auf dem Gebiet eines ehemaligen Lagers; und Butugytschag, ganz weit im Osten, wo das Leben auch ohne Gefangenschaft extrem hart und kurz ist. Die Bilder stammen von diesen Orten, sind jedoch ohne erkennbaren Grund geografisch durcheinander und nur in den Nachweisen erklärt. Das Konzept für die Anordnung der Bilder erschließt sich leider nicht, was dazu führt, dass man versucht ist, sie zu schnell zu überblättern.

Vor wenigen Wochen schrieb Arno Widmann in der FR anlässlich der Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung an Gessen: „Masha Gessen öffnet uns die Augen.“ Das ist ihre Stärke, sie macht uns etwas klar, ohne dass wir für etwas Verständnis haben müssen – ob sie nun über den russischen Präsidenten schreibt, oder über die Brüder Sarnajew, die 2013 den Anschlag auf den Boston-Marathon verübten. Sie will verstehen, ohne zu urteilen. Aber ihr Drang zu hinterfragen, warum das heutige Russland sich so wenig für seine jüngere Geschichte interessiert, ist von einem klaren Wertekompass geleitet. Es geht darum, sich seiner Verantwortung zu stellen.

In „Vergessen“ führt Gessen immer wieder als positives Beispiel die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen in Deutschland an, sie wundert sich, dass im heutigen Russland offensichtlich keine Bereitschaft zum Bewahren der Zeugnisse jener Verbrechen gibt, vor allem der Lager selbst. Wer einmal solch ein Gelände besucht hat, sieht Reste von Gebäuden, eingefallene Zäune, eingebrochene, teils abgetragene Mauern.

Manchmal wurden aus alten Lagern Fabriken, in denen später keine Gefangenen mehr, sondern Zivilisten arbeiteten. Heute sind jene Flächen oft überwuchert von Bäumen und Büschen und irgendwo in der Nähe dieser ehemaligen Gefangenenstätten liegen die Toten, die in ihnen starben. Oft aber haben die Angehörigen der Gulag-Opfer nie erfahren, was mit ihren Verwandten geschehen war und wo sie ihre letzte Ruhe fanden. Auch davon handelt Gessens Buch: von Menschen, die ihr Leben lang nach ihren Angehörigen suchen, nach ihren Wurzeln.

Da ist etwa die Geschichte über Nikolai Kowatsch, geboren 1936, aufgewachsen in einem Waisenhaus. Seit er 17 Jahre alt war und Stalin tot, suchte er nach seinen Eltern. Lebend fand er sie nicht, sie waren erschossen worden, als er noch klein war. Aber er fand zuerst seine Schwester, von deren Existenz er nichts gewusst hatte; zusammen fanden sie die Akten über ihre Eltern und darin das Tagebuch ihrer Mutter. Gessen schreibt über Kowatsch: „Nikolai las das Tagebuch so oft, dass er jeden Satz darin auswendig kannte. Jetzt, da er wusste, wer seine Eltern waren, hatte er auch das Gefühl zu wissen, wer er selbst war.“ Und unweigerlich kommt die Frage auf: Weiß ein Land, dass seine Vergangenheit leugnet, verschleiert und verfälscht, was es für ein Land ist? Welche Zukunft hat Russland, wenn es sich seiner Vergangenheit nicht stellt?

Wenige Tage, bevor Gessen in Leipzig geehrt wurde, berichtete die russisches Tageszeitung „Kommersant“ über einen weiteren Schritt, die Aufarbeitung des Staatsterrors in Russland zu verhindern. Ein Moskauer Gericht untersagte die Herausgabe von Urteilen aus den Jahren 1937-38, in denen die Namen der Hingerichteten vermerkt waren. Die Begründungen waren an den Haaren herbeigezogen: Vorurteile gegen die damaligen Richter – es war eine Gruppe von drei Leuten – und Datenschutz. Auf solchen formellen Widerstand stoßen Menschen, die doch in der schmerzvollen Vergangenheit wühlen, immer wieder, wie zum Beispiel auch die international bekannte Organisation Memorial. Seit Oktober 2016 gilt sie als „ausländischer Agent“. Wer zu verstehen versucht, in was für einem Land er lebt, ist verdächtig. Gessen und Friedman tun genau das: Sie versuchen zu bewahren und zu verstehen. Und das gelingt ihnen mit diesem Buch auch.

Masha Gessen (Texte) / Misha Friedman (Fotos): Vergessen. Stalins Gulag in Putins Russland. Aus dem Engl. von Sven Koch. dtv, München 2019.  160 Seiten, 25 Euro.

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