Wir haben seit Jahren nicht gezeltet - und wir wissen, warum nicht.
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Wir haben seit Jahrzehnten nicht gezeltet - und wir wissen, warum nicht.

Times Mager

Verdienste

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Angebote, wie man seinen Urlaub gestalten soll, gibt es auch in Zeiten der Coronakrise frei Haus. Rücksicht nehmen sie aus vielerlei Gründen nicht.

Heute: zwei Dinge, die der Zimmerbuchungsanbieter in den vergangenen Wochen gut gemacht hat, und eine Sache, über die man streiten kann. Auch wenn es selten geschieht, weil die meisten Leute es klasse finden.

Anfang Mai schickte der seit vielen Wochen naturgemäß ungenutzte Zimmerbuchungsanbieter eine Mail, in der es hieß: „Judith, keine Eile. Die Welt wird auf uns warten.“ Die etwas penetrante Nennung beim Vornamen relativierte sich dadurch, dass im Folgenden gesiezt wurde. So wandelte sich die Penetranz sofort in Lässigkeit, Weltläufigkeit, und es war dadurch gar nicht so schlimm, im Anschluss etwas zu lesen, das nicht stimmt. „Es ist Ihr Traum, die Welt zu sehen“, stand da nämlich. Davon kann zwar nicht die Rede sein, aber möglich wäre es immerhin. Da bereits der Anfang – „Judith, keine Eile“ – im ertraglosen Coronastress eine starke Wirkung hatte, wüsste man als Besitzerin eines Unternehmens für Zimmerbuchungen an dieser Stelle schon, wer Mitarbeiter des Monats wird. Die Mail enthielt im Übrigen keinerlei Angebot. Was hätte der arme Zimmerbuchungsanbieter Anfang Mai auch anbieten sollen.

Ende Mai dann der freundliche Vorschlag: „Judith, entdecken Sie bei einem Wochenendausflug Ihre Umgebung“. Auch das hatte einigen Charme, den Charme der Rücksichtnahme und Bescheidenheit. Enorm lockte also der Wochenendausflug in die Umgebung, und im Grunde fiel uns erst kurz vor der Buchung eines Campingplatzes im Spessart wieder ein, dass wir seit Jahrzehnten nicht mehr gezeltet haben und auch wissen, warum nicht.

Nun aber: Vor ein paar Tagen kam eine Mail mit der Überschrift „Sie haben einen Urlaub verdient“. Der Zimmerbuchungsanbieter dachte auch hier dezent, zum Beispiel an das schöne Rotenburg an der Wümme. Und obwohl das eine ausgezeichnete Idee ist, zeigte sich doch wieder, dass die Wendung „es sich verdient zu haben“ nicht jedem behagt. Nicht nur, weil man es sich womöglich gerade nicht verdient hat – das könnte ein praktisches Problem in diesen Zeiten sein –, sondern auch, weil dahinter eine Rechnung steckt. Die Rechnung beruht auf jener Logik, die die Verhältnisse, wie sie sind, als völlig okay erachtet. Haben sich die einen ihren Urlaub in Rotenburg an der Wümme verdient, so ist es bei den anderen eben nicht so. Das ist nicht ungerecht, sondern eine Folge der vorausgegangenen Verdienste.

Letztlich stellt sich einmal wieder die Frage, ob man in einer Welt leben will, in der jeder bekommt, was er verdient hat. Ganz viele werden diese Frage mit Ja beantworten, aber nicht alle.

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