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„Maskierte Vitrinen“ in Marbach: Aber es gibt immer eine Stelle, an der man hineinschauen kann.

Marbach Ausstellung

Verbotenes Schreiben

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Verheimlicht, geschmuggelt, getarnt: Marbach widmet sich dem „Verbotenen Schreiben“. Diese Ausstellung begibt sich tief hinein in die Macht und Ohnmacht der alten, im gewöhnlichen Leben kaum mehr als solche wahrgenommenen Kulturtechnik des Schreibens.

Besonders des handschriftlichen Schreibens, das hier nicht mehr Einkaufszettel, sondern wieder Lebenszeichen wird. Weil ein aufgeschriebener Satz vielleicht länger da ist, als der, der ihn aufgeschrieben hat. Weil ein aufgeschriebener Satz manchmal Hürden besser nehmen kann, als der, der ihn aufgeschrieben hat.

Und weil selbst, wenn beides nicht der Fall ist, dieser Satz trotzdem einmal aufgeschrieben werden musste, und sei es in den Staub und sei es mit einer improvisierten Tinte aus Milch, aus Spucke. Vielleicht ist der Zettel, auf dem der Satz steht, anschließend aus einem Zug nach Auschwitz geworfen worden, wie es die Eltern des Historikers Saul Friedländer auf dem Weg zu ihrer Ermordung machten, während der Zettel tatsächlich sein Ziel erreichte. Oder der Satz wurde auf ein Stück Stoff gestickt, weil es sonst nichts zu schreiben gab. So probierte es ein Mann namens Günter Schallenberg. „Bin noch gesund – Günter“, stickte er zur Adresse. Er befand sich 1947 in einem Zug nach Buchenwald, inzwischen ein Lager der Sowjets.

„Kassiber. Verbotenes Schreiben“, heißt die neue Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne des Deutschen Literaturarchivs Marbach. Ein Kassiber ist eine Flaschenpost, die nicht die Weltmeere, sondern die feindlich gesinnten Menschen um sich her überwinden muss. Darum muss ein Kassiber unauffällig sein. Und darum spricht Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs zu Recht von einem „konstituiven Widerspruch“ beim Ausstellen – das ans Licht zu holen, was lieber im Halbdunkel auf das richtige Augenpaar warten würde –, aber auch von einer „interessanten Spannung“. Und zu Recht spricht Museumsleiterin Heike Gfrereis, die diese Schau gemeinsam mit Ellen Strittmatter entwickelt hat, von „maskierten Vitrinen“. Schwarz beklebtes Glas lässt diesmal nämlich gerade genug Platz, die zumeist aus gegebenem Anlass winzigen Papierstücke anzuschauen. Papierstücke, auf denen eine Menge steht. Wer schreibt, wenn und was er nicht schreiben darf, schreibt gegen die Verzweiflung an oder gegen das Vergessen, hofft, dass seine Lieben noch etwas davon sehen, oder Gleichgesinnte. Auf kreisrund geschnittenen Blättchen, die im Boden von Pappbechern aus dem Gestapogefängnis in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße geschmuggelt wurden, bittet der Widerstandskämpfer Hans von Dohnanyi im Frühjahr 1945 seine Frau Christine, unbedingt auf sich aufzupassen. Aber er hofft auch (vergebens) noch auf Rettung, „Zeitgewinn ist die einzige Lösung“, schreibt er und entwickelt den Plan, wie sie ihm infiziertes Essen beschaffen könnte, damit er vernehmungsunfähig wird. Hier ist keine Bleistiftzeile vergeudet.

Ein Gedichtheft aus Zementsäcken

Aus Zementsäcken bindet sich der Lyriker Oskar Pastior in seiner Arbeitslagerzeit ein Heft für seine Gedichte. In einem Band des damals nahezu vergessenen Robert Walser bringt Bertolt Brecht einige seiner Gedichte unter. Auf von der Gefängnisleitung abgezählten Seiten schreibt Ernst von Salomon 1923/24 – im Zuge der Ermordung von Außenminister Walther Rathenau zu einer Zuchthausstrafe verurteilt – seinen Text „Wikinger, Gestalten und Wege zum völkischen Aufstieg“. Der Wikingertitel und das Wikingerschiff auf dem Titelblatt erscheinen der Gefängnisleitung offenbar unproblematisch (oder sie hat so viel auch nicht dagegen). Ist es aber nicht. Auf dem Schiffsrumpf sind bei sehr genauer Hinsicht sogar Hakenkreuze zu erkennen. Gabelsberger Kurzschrift verwendet Carl Schmitt nach 1945 im US-Internierungslager, ökonomisch und zugleich unleserlich auch für den amerikanischen Arzt, der bereit ist, die Rezeptblockblättchen aus dem Lager zu schmuggeln.

Die Marbacher wollen die Autoren und die aus ihren Beständen gefischten Schriftstücke hier nicht inhaltlich kommentieren. Und sie wollen ihr Thema breit fassen: So dass es neben den echten Kassibern (der heimlichen Gefängnispost) etwa auch ein Kapitel „Schreiben erlaubt“ gibt, in dem Kriegsgefangene oder Häftlinge streng reglementiert zu Wort kommen. Sie dürfen so und so viele Zeilen auf diesem oder jenem Papier schreiben. Sie versuchen, zwischen den Zeilen etwas durchblicken zu lassen.

Der Ausstellungssaal erinnert diesmal durchaus an einen Kerker. Das ist aber keine Ausstellung, die auf Betroffenheit setzt – auch wenn einige Objekte dennoch dazu führen werden: die großen, für irgendetwas wirtschaftliches gedachten Seiten, die der in Vergessenheit geratene Exilschriftsteller Konrad Merz 1944/45 in seinem Versteck in einem holländischen Wandschrank vollschrieb. Ohne Hoffnung auf einen Leser, überhaupt ohne Hoffnung, nur um des Schreibens willen. Oder der winzig zusammengefaltete Zettel, den der Revolutionär Christian Friedrich Daniel Schubart als berühmter Häftling auf dem nicht fernen Hohenasperg 1785 für seine Tochter mit lieben Zeilen und einem lustigen Gedicht versah. Schubarts Gefangenschaft und sein unter katastrophalen Bedingungen fortgesetztes heimliches Schreiben, Diktieren, Auswendiglernen dienen der Ausstellung als „Urszene“.Die schließlich die Gegenwart erreicht, mit einem weiteren Raum, in dem der PEN Gelegenheit bekam, sein „Writers in Prison“- und „Writers in Exile“-Programm vorzustellen. Im Mittelpunkt liegen bisher unveröffentlichte Blätter des chinesischen Autors und diesjährigen Friedenspreisträgers Liao Yiwu aus, 1992 bis 1994 im Gefängnis dicht beschrieben, die Keimzelle zu einem (noch nicht fertigen) Buch.

Die iranische Schriftstellerin Mansoureh Shojaee, aktuelle PEN-Stipendiatin, schreibt im berüchtigten Evin-Gefängnis 2009/10 mit Tintetupfern auf Papiertaschentücher. Denn es geht immer alles weiter, bloß an jeweils anderen Stellen in der Welt.

Literaturmuseum der Moderne, Marbach am Neckar: bis 27. Januar. Katalogbuch 28 Euro. www.dla-marbach.de.

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