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Veränderung des Bekannten und Einführung von Neuem verunsichert

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Das Neue wird oft argwöhnisch betrachtet. Das macht nichts. Es hilft, auch Altgewohntes zu hinterfragen.

Sobald sich jemand ein neues Ding ausdenkt, erscheinen zuverlässig Leute, die es überflüssig, albern oder gefährlich finden: Die Postkutsche ist das Ende der edlen Reitkunst, niemand braucht eine Bahnverbindung, wenn er doch die Postkutsche nehmen kann, natürliches Eis aus zugefrorenen Seen ist reiner und gesünder als künstlich erzeugte Kühlung, nur Angeber brauchen Mobiltelefone und das Internet zerrüttet die Konzentrationsfähigkeit. Genauso verlässlich versichern andere Leute, dass das neue Ding die Welt verbessern wird, man erkennt es heute vielleicht noch nicht so gut, aber bald! Es ist leicht, sich über die einen oder die anderen lustig zu machen, und ich habe es selbst schon öfter getan, als anständig gewesen wäre.

Seinen Lebensunterhalt verdienen sollte man damit trotzdem nicht. Zum einen ist es gut möglich, dass auf jeden falschen Weltuntergangs- oder Weltverbesserungspropheten neunundneunzig Menschen mit der vernünftigen, langweiligen Meinung kommen, dass das neue Ding vielleicht manches besser und anderes schlechter machen wird. Solange man sich nicht die Mühe des Nachzählens gemacht hat, sollte man davon vorsichtshalber ausgehen – insbesondere da die interessante Extremmeinung wahrscheinlich häufig in den Medien vorkommen wird und die langweilige Normalmeinung eher selten. Wer sich über diese eine Person aufregt und die neunundneunzig anderen ignoriert, gerät leicht in den Verdacht, Aufregung als Hobby zu betreiben.

Außerdem stellt sich später oft heraus, dass beide Seiten irgendwie recht hatten. Seit der Erfindung der Bahn sieht man wirklich gar nicht mehr so viele Reiter und Postkutschen. Diese Verbesserungen und Verschlechterungen sind für uns Spätgeborene schwer zu erkennen. Das Neue erzeugt vor allem eins: eine neue Normalität. Und das Normale ist meistens unsichtbar.

Wenn die Gegenwart erst mal zweihundert Jahre zurückliegt, ist es einfach, eine entspannte Meinung zu ihren Veränderungen zu haben. Wer keine Zeitmaschine hat, braucht aber andere Werkzeuge für den Umgang mit dem Neuen und den unhaltbaren Meinungen anderer Menschen. Ich habe im Laufe der Jahre einige durchprobiert: Spott, Empörung, buddhistische Milde, Vortäuschung buddhistischer Milde und den Versuch, durch Nachdenken dahinterzukommen, warum Neuerungen so oft zu schlimmen Podiumsdiskussionen führen.

Vor einigen Wochen konnte ich meinem Werkzeugkasten ein neues Instrument hinzufügen: Die Kritik am Neuen, sage ich mir seitdem, ist eine nützliche Sache, weil das Neue eben viele kritisch macht und diese Kritik absolut angebracht ist. Sie wäre auch beim Altgewohnten angebracht, aber das Vorhandene wird nie so genau betrachtet. Es ist nun mal da, und selten kommt jemand auf die Idee, seine Vor- und Nachteile noch einmal gründlich gegeneinander aufzuwiegen. Das Neue kann uns helfen, kritischer über das Alte nachzudenken.

Seit einigen Jahren sieht man das zum Beispiel an der Debatte über Entscheidungen, die nicht mehr ausschließlich von Menschen getroffen werden, sondern von Menschen, die durch Algorithmen unterstützt werden, oder sogar ausschließlich durch Algorithmen. Die einen verweisen auf das Beispiel automatischer Seifenspender, die dunkelhäutige Hände nicht erkennen und Seife nur an hellhäutige Hände abgeben. Bei der Vergabe von Krediten, Einreiseerlaubnissen oder Arbeitsplätzen könne man das Problem nicht ganz so leicht in einem zehnsekündigen Video demonstrieren wie beim Seifenspender, aber dort gehe es ganz genauso zu, und das sei eine klare Verschlechterung der Welt. Die anderen argumentieren, Algorithmen seien nur so voreingenommen wie ihre Entwickler und die Welt zumindest kein schlechterer Ort als bisher, wenn diese Voreingenommenheit endlich sichtbar und auf breiter Front diskutiert werde.

Dasselbe Prinzip zeigt sich in der Debatte über neue Elektrofahrzeuge. Der Twitter-Nutzer Seitvertreib (@stvrtrb) veröffentlichte vor einigen Tagen eine Liste von Schlagzeilen, in denen das Wort „E-Scooter“ durch „Autos“ ersetzt war: „Experten-Kritik: Autos haben schlechte Öko-Bilanz“, „Autos sicher genug für den Straßenverkehr?“, „Autos sollen von Bürgersteigen verschwinden“. Die Kritik an der Innovation schafft neue Aufmerksamkeit für die Nachteile des Vorhandenen. Sie bringt das Selbstverständliche und schon fast unsichtbar Gewordene zurück ins Bewusstsein und in die öffentliche Diskussion. Dieser Gedanke wird mir dabei helfen, die Gegenwart und ihre Podiumsdiskussionen friedlich auszuhalten, bis jemand eine Zeitmaschine erfindet.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrinpassig.de 

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