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Die Frankfurter Mainseite, um 1860 vom Sachsenhäuser Ufer aus gesehen.

Carl Friedrich Mylius

Der Vaterstadtmensch

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Er photographierte zwischen 1855 und 1890 „Das Alte Frankfurt“: Jetzt erinnert ein Prachtband an Carl Friedrich Mylius, den Chronisten einer auch rasanten Entwicklung der Stadt.

Sich in Frankfurt zu vergucken, geht immer wieder ganz gut auf eine gewisse Entfernung. Dieses Buch wahrt die Distanz bereits zeitlich. Stammen doch die Photographien von Carl Friedrich Mylius aus den Jahren 1855 bis 1890. Es versteht sich nicht von selbst, dass ein Photograph sich dermaßen systematisch für seine Stadt interessierte. Aber weil es für Mylius so selbstverständlich war, heißt das Buch vollkommen zurecht: „Das Alte Frankfurt am Main“. Mylius hat sie alle gehabt, und nicht nur die beliebten Orte oder gar Lieblingsorte der Stadt. Wer mag, kann sein Frankfurtbuch wie ein Leporello lesen.

„Sein Verdienst“, schreibt Eberhard Mayer-Wegelin über Mylius in seinem Vorwort, „ist die Überlieferung des Stadtbildes von Frankfurt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an die Nachwelt.“ Um 1855 eine Stadt von 70 000 Einwohnern konnten die Bewohner zusehen, wie ihr Frankfurt wuchs, aber was heißt schon zunahm? Denn um 1900 waren es 400 000. Mylius, dem (Gewimmel) zusehend, zeigte sich in seinen Photographien dem Zukünftigen nicht etwa treuherzig zugewandt. Er war schlicht weitsichtig. Massiv, so hilet es es deswegen fest, musste eine Mauer aus der berühmten Goethezeit abgestützt werden. Und wenn auf freiem Feld der alte Stadtturm der Galluswarte lag, dann war, der Stadt vorgelagert, auch das neue Gaswerk an der Gutleutstraße entstanden.

Die Stadt wuchs hinein ins freie Feld. Der Chronist sah das nicht naturalistisch, aber sein Realismus die uralte Substanz, das gotische Gewinkel und den nach wie vor mittelalterlichen Hauptbestandteil der Stadt, ebenso wenig beschaulich. Er hielt Frankfurts Hinterlassenschaften fest, er wurde zum Zeugen der Neubauten seiner Zeit.

Ein später Pionier

Er war nicht ein Photograph der ersten Stunde, aber doch 1854, als er anfing, 15 Jahre nach ihrer Erfindung, ein Pionier. Die Belichtungszeit, anfangs bis zu 15 Minuten, war geschrumpft auf einige Sekunden. Das Medium, von der etablierten Kunst scheel angesehen und abgetan, gewann an Prestige. Das lag an denen, die genug Geld hatten, um das Medium durchzusetzen. Der Adel und der Bürger, der Parvenü und der Aristokrat bestellten Mylius in ihre eignen vier Wände.

Im stürmisch wachsenden Frankfurt werkelte Mylius aber nur wenig in der Nische. Die Malerei ließ Ausschnitte aus Frankfurts öffentlichem Raum zurück – Mylius mit seiner neuen Kunst verfertigte von der Stadt ein Panorama. Die Kunstmaler stoppelten an ihren Veduten herum, Mylius setzte mit seiner stetig wachsenden Frankfurtsammlung ein Stadtbild zusammen. Allein vom Mainufer machte er 32 Einzelaufnahmen, die er zum Mainuferpanorama zusammensetzte, zum Mylius-Hauptwerk.

„Die Schöne Aussicht“ – das war glatt untertrieben, sie war prächtig, ein großartiges klassizistische Panorama, aufgefädelt am nördlichen Mainufer, vom Stadtbaumeister Johann Friedrich Christian Hess als eine gleichartig gestaltete Häuserfront durchgesetzt, mit einheitlicher Höhe, Putzfassaden, flach geneigten Dächern, in Verlängerung der Stadtbibliothek, die Hess 1825 hatte errichten lassen, zweigeschossig mit einem Portikus aus korinthischen Säulen. Frankfurt machte ein wenig auf Main-Athen.

Als sich der 1827 geborene im Alter von 62 zur Ruhe setzte („nach und nach zur Ruhe setzte“, wie Mayer-Wegelin diese Evolution in Etappen beschreibt), begann er Aquarelle zu malen. Es entstanden sehr pittoreske Genreszenen. Er starb 1916.

Ein Gespür für das Monumentale

Zurück zu seinem Mainpanorama. Manches darunter aus der Froschperspektive – etwas ganz besonderes. Am Ufern lagern Langschiffe, vorm Untermainkai erstreckt sich die Badeanstalt. Das Gesellschaftshaus am Zoo – italienische Renaissance, die sich verschwommen spiegelt im Weiher. Über die gotischen Stufengiebel des Römer wandern die Schatten. Neben dem barocken Eingang zum Weißen Hirschen, 1872 aufgenommen, 1872 abgebrochen im Großen Hirschgraben, macht das „Auswanderungs-Bureau Heinrich Bernhard“ Reklame. Wie weit schweiften in den Langschiffen auf dem Main die Gedanken ab, inwieweit waren in der Badeanstalt Gedanken an den Sprung über den großen Teich gesellschaftsfähig? Die Photographien vom Alten Frankfurt am Main sind Romanstoff. Die Formate schwankten, und der „Blick in die Fahrgasse“ oder der „Blick in die Judengasse“ geschah nicht aus dem exakt demselben Blickwinkel. Aber durch einen neutralen Blick nicht nur hier, auch dort, ohne Vorurteile.

Mylius hatte ein Gespür für das Monumentale, das er antimonumental inszenierte. Er sah die Kaufmannshäuser im Nachmittagslicht und in einer Siesta-Stille. Auf seinen Fotos sind Menschen als Schemen zu sehen – das liegt an den Belichtungszeiten. Die zentralen Plätze Frankfurts brummen nicht, sie dösen. Sogar über das geschäftige Frankfurt hat der Photograph eine Feierabendstimmung gelegt.

Mylius’ wunderbar-wundersame Ansichten von der Stadt sind Stillleben des bürgerlichen Frankfurt. Bezeichnenderweise am „Hexenplätzchen“ tut sich etwas, Menschen schauen direkt (und ein wenig spitzig?) in die Kamera.

Mylius hielt das kunsthistorisch ziemlich eigenwillige Nordportal Madern Gertheners für den Dom fest – obendrein lässt eine Photographie ahnen, wie sehr es wegen des alten Schlachthauses in unmittelbarer Domnähe nicht etwa nach dem Blut des Gottessohnes zur Gottesdienststunde roch.

Am Alten Markt dokumentiert er, wie die mittelalterlichen Gebäude, zwischen die kaum eine Handbreit passt, Anschluss erhalten an die Segnungen der Moderne, die Kanalisation. Die Photos zeigen, wie sehr die Werbung sich breit machte an historischen Fassaden. Sie zeigen, wie sehr in der Großen Eschenheimer Straße ein baufälliges Barockgebäude der hässlichen Stützen bedurfte, die den Abriss nur hinauszögerten.

Sie zeigen die Neue Börse – seltsam überbelichtet! Sie zeigen die Goethe-Statue in der Stadtbibliothek – steif wie nur was. Sie zeigen vor dem Gerechtigkeitsbrunnen die Ärmsten der Armen als kauernde Schemen. Es entsteht ein Panorama vom Bahnhof, der soeben erst eingeweiht wurde und im Mai 1889 für den König von Italien zum kolossalen Empfangssalon der Stadt genutzt wird. Der Photograph hat dafür einen Standort gefunden, um das Ereignis aus der Vogelperspektive festzuhalten.

Nicht nur bei der Gelegenheit fällt auf: Der Himmel in den Photographien ist fast immer bleich. Ja, gut, über einer Westendvilla sind weiße Wölkchen wie ein Fächer drapiert, wie bestellt von einem Kunstmaler. Doch die äußert aufwändigen technischen Verfahren hinterließen auf den Photographien kein künstliches Tiefdruckgebiet: schwer lastende Himmel, keine sich überm Dom türmende Wolken. Auch das belegt eine weitgehend nüchterne Zeitzeugenschaft. Aus Holz war der Triumphbogen vor der Hauptwache, ein temporäres Monument für die Schillerfeiern, 1859. Aus Holz ebenfalls die wie zu einem Spalier aufgepflanzten Baracken, eine Lazarettstraße des Jahres 1870, während in Frankreich Krieg geführt wird. Er erreicht Frankfurt in Form von Verwundeten und in der Uniform von französischen Kriegsgefangenen.

Speziell erwähnt das Buch „Stadtansichten für Touristen“. Speziell versammelt es „Souvenirblätter“. Überdies dokumentiert es die Innenarchitekturen der Reichen und Superreichen, darunter den Empfangssaal der Villa Rothschild. Es zeigt die leblosen Etuiarchitekturen in einem matten Glanz, ohne Zauber.

Das Buch versammelt die Ansichten vieler Vorzeigeorte, aber auch machen stillen Winkel, und so erscheint, fast tot, erscheint ein Lebensmittelpunkt, die „Hauptwache“. Mylius, das zeigt das Buch, muss an seine Sache sehr planmäßig herangegangen sein. Während sich die in Frankfurt ansässigen Photographen zumeist der Portraitphotographie widmeten (und sie nur von den Folgen etwa des Dombrandes auf die Straßen zu locken waren), graste Mylius sein Feld systematisch ab. Die Konkurrenz für den Vaterstadtmenschen kam eher von auswärts.

Der Philosoph und Polemiker Schopenhauer, der 1858 gemeint hatte, Mylius schaffe mit seinen Stadtansichten „keine Portraits, sondern bloß leblose Gegenstände“, musste zusehen, wie Mylius mit seiner mobilen Dunkelkammer in der Wohnung des Philosophen auftauchte. Gleichwohl empfahl er dem Dichter Hebbel, er machte auf der Durchreise einen Zwischenstopp, sich bei dieser Gelegenheit von Mylius portraitieren zu lassen.

Mylius, kein unwichtiges Detail, zog für seine technisch aufwendige Kunstproduktion mit einem Dunkelkammerwagen durch die Stadt (und welche Spur des Spotts und des Misstrauens wird er dabei hinter sich hergezogen haben). Eine Abbildung zeigt den Dunkelkammerwagen auf der Alten Brücke („rechts im Bild“). Einen Mythos des Frankfurter Alltags, um 1865.

Im Buch versammelt Goethe, Börne – deren Denkmäler, auch das Schopenhauer gewidmete, am Tag der Enthüllung, 1895. Es ist die letzte von Mylius bekannte Photographie, es ist in dem wunderbaren Buch das letzte Blatt in einer heiklen Sache.

Nicht nur in Frankfurt am Main findet vielleicht auch dieses Buch Verehrer (Liebhaber?), und nicht etwa bloß aus sentimentalen oder nostalgischen Gründen. Denn Mylius zeigte sich als eher realistischer Chronist einer Entwicklung, die nicht etwa in ruhigen Bahnen verlief. Das lag nicht nur daran, dass 1888, noch in einiger Entfernung von der Stadt, eine gewaltige, dreischiffige Kathedrale der Beschleunigung aller Lebensverhältnisse entstand. Mit Blick auf die Photographie wissen wir heute, wie sehr Frankfurt daran gegangen war, mit dem Anschluss ans Schienennetz zum Alten Frankfurt auf Distanz zu gehen.

Das Alte Frankfurt am Main. Photographien 1855 – 1890 von Carl Friedrich Mylius. Hg. v. Eberhard Mayer-Wegelin. Schirmer/Mosel 2014. 288 S., 49,80 Euro.

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