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Auf dass sich der Mensch klein fühle und nach oben schaue: Blick ins Straßburger Münster.

Rechtspopulismus

Die katholische Identität huldigt dem Rassismus

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Ein Blick auf die EU-Wahlergebnisse zeigt, dass der Rechtspopulismus seine extremen Ergebnisse in katholischen Ländern erzielen konnte.

Es war nicht der erste Wahlsonntag, an dem das Kreuz zum politischen Repertoire gehörte. Und Matteo Salvini war nicht der erste Rechtsextremist, der, um sich in der Rolle des von Gott gesendeten Retters zu zeigen, am siebten Tag zum Kruzifix griff. Als Italiens Innenminister es in seiner Männerhand zeigte, es in seiner Faust zum Mund führte. Es, sein Kruzifix, küsste.

„Der da oben“, wies der Demagoge auf zum Himmel über Mailand, habe geholfen. So also begab es sich am EU-Wahlabend. Ein sich ständig als starker Mann offenbarender Machtmensch, der sich als demütiger Mensch zeigte. Gottgesandt, wie es auch die Renaissancefürsten zu tun pflegten. Eben das alte Repertoire. Der da oben habe nicht nur ihm, nicht nur der eigenen Partei, vielmehr Italien geholfen. Und, so Salvini, Europa obendrein.

Göttlicher Segen als historischer Fakt? Wohl eher eine Fiktion, wie sie typisch ist für die Willenslenkung und Gefühlspolitik des Populismus. Dagegen hängt man als Beobachter und EU-Bürger keiner Fiktion an, wenn man sagt: Italien, Frankreich, Österreich, Polen. Die Gemeinsamkeit nach den EU-Wahlen ist nur zu offensichtlich. Die rechtsnationalistischen und populistischen Parteien haben in diesen Ländern enorme Stimmengewinne erbeutet. In Frankreich erzielte das rechtsextreme Lager mit über 23 Prozent mehr als die Liberalen des Präsidenten Macron, in Polen kamen die Rechtskonservativen auf 45,6 Prozent. In Italien erreichten die rechtspopulistische LN 34,3 Prozent, zusammen mit den 17,1 Prozent, die die Fünf Sterne wählten, votierte mehr als das halbe Italien europafeindlich. Der rechte Populismus hat die parteipolitische EU-Karte tief blau eingefärbt.

Wenn in den letzten Jahren vom Populismus die Rede war, so waren stets ökonomische Erklärungen zur Hand. Und als Mentalitätshintergrund, verantwortlich für die Ressentiments (oder den Hass) gegenüber Ausländern, Migranten, überhaupt Fremden wie im Besonderen gegenüber der EU, wurden nicht selten Abstiegsängste ausgemacht. Wenn man aber noch einmal über die Karte Europas schaut, so scheinen Nationalismus und Populismus geradezu von einer Geografie des Katholizismus unterlegt. Sollte der Katholizismus für eine Mentalität der EU-Skepsis empfänglich machen, mit offenen Übergängen zum aggressiven Chauvinismus?

In Ländern mit ausgeprägtem Katholizismus wurde mitmenschenverachtend gewählt

Eine heikle These! Denn ohne das Wählerverhalten im Einzelnen empirisch belegen zu können, ohne es durch religionssoziologische Untersuchungen untermauern zu können: In Ländern mit einer ausgeprägten Tradition des Katholizismus wurde, ob aus Protest oder Überzeugung, auf jeden Fall ausgiebig mitmenschenverachtend gewählt.

Wiewohl: „Nationalist sein und katholisch, das geht nicht“, beschied Kardinal Reinhard Marx vor einem Jahr in einem „Zeit“-Gespräch, mit Blick auf den Rechtsdrift der CSU, namentlich der anti-europäisch zündelnden Markus Söder und Horst Seehofer. Die beiden waren so richtig aggressiv bei ihrer Sache, dem Ressentiment. Katholische Kirche und CSU hatten sich wegen des Aggressionskurses des politischen Katholizismus entfremdet.

Israel: Der zynische Missbrauch des Instruments Populismus

Dagegen gar nicht erst auseinanderleben musste sich die Kirche mit der AfD, denn dazu zeigt sich die Partei bis auf den heutigen Tag, so sehr sie auch auf die christlichen Grundlagen des Abendlandes beruft, zu kirchenskeptisch. (Es wird der AfD gefallen, dass sie auch in dieser Sache als Inbegriff der Skepsis tituliert wird. Skepsis! Klingt seriös.)

Wie auch immer, für die AfD ist wahrhaftig nicht die katholische Soziallehre handlungsanweisend. Der AfD geht es kaum um die Renovatio des katholischen Abendlandes – zumal sie ihre Ressentiments gegenüber dem Islam in einem noch immer recht stark protestantisch geprägten Osten Deutschlands in Stellung bringt.

Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Autoritätsfixierung in der katholischen Kirche weiterhin nicht unbeträchtlich ausgebildet ist, so stark wie in nicht allen Milieus der Gesellschaft. Und zumal – um es linkspopulistisch zu sagen – unter den ungebildeten Schäfchen. Allerdings gehört auch zur Wahrheit, dass der politische Katholizismus sich historisch durchaus immun, ja resistent gegenüber populistischen Heilsplänen zeigte – gerade in Deutschland. So heftig dessen Missionsdrang, für die Geschichte des deutschen politischen Katholizismus lässt sich sagen, dass er gegenüber dem Rechtsextremismus relativ misstrauisch war. Lange gab es wegen der innerweltlichen Erlösungsversprechen in einem Tausendjährigen Reich so etwas wie eine Skepsis gegenüber den Nazis.

Katholische Kirche und Faschismus

Anders von vorneherein das Zusammengehen mit dem Faschismus in Italien und Spanien. In Italien hat die katholische Kirche mit dem Duce fröhlich und feist kollaboriert; in Spanien mit Franco geradezu fanatisch, angefangen im Bürgerkrieg, der von 1936 bis 1939 als ein Kreuzzug gegen Andersgläubige geführt wurde. Der Katholizismus, sobald er nicht nur eine nationale Kirche repräsentierte, sondern in den Grenzen des europäischen Abendlandes dachte, schickte einen – sagen wir – „europäischen Chauvinismus“ ins Feld. Festung Europa.

Angesichts dieses Kapitels des Katholizismus schließt sich die Frage an: Gab es bei EU-Wahl so etwas wie eine Rückkehr zur Religion, genauer: zum Katholizismus? Gar eine konfessionelle Frontstellung? Spanien wäre ein schlechtes Beispiel! Das „katholische Spanien“ hat bei diesen Wahlen dem Rechtspopulismus eine Absage erteilt, denn so darf man es wohl nennen, wenn die aggressiv fremdenfeindliche Vox 6,2 Prozent, dagegen PSQE/PSC für heutige Sozialdemokraten wahrhaftig traumhafte 32,8 Prozent erzielten. Wie konnte das passieren in einem Land mit einer erwiesenermaßen krassen Jugendarbeitslosigkeit?

Von der auch Italien heimgesucht wird wie von einer Plage. In Italien, der Heimstatt des Bildungsnotstands, gehört die Kirche, gehören die Heiligen der katholischen Kirche, daran hat zuletzt einer der Kritiker der italienischen Verhältnisse, der von der Mafia mit dem Tod bedrohte Roberto Saviano erinnert, zur Familie. Reliquie, Repertoire und Ritual: Welches Land sollte ähnlich katholisch sein? Eine rhetorische Frage – Polen! Aber da liegen die Dinge doch ein wenig anders. Wer sich auch nur ein bisschen mit der jüngeren Geschichte Polens beschäftigt hat, ist schon deswegen ins Grübeln geraten, weil sich der nationale Widerstand gegen ein Willkürregime auf Mitglieder der katholischen Kirche berufen konnte. Noch die Solidarnosc der achtziger Jahre war stark katholisch geprägt.

Natürlich ließe sich dagegen mit dem altbewährten Besteck der Ideologiekritik vorgehen, wonach der institutionelle Katholizismus das Opium des Nationalismus sei; allerdings ist eine solche Ideologiekritik nie frei vom Odium des Vorurteils.

Frankreich! Angesichts der (erschreckenden) Wahlergebnisse in einem zugleich so laizistischen Staat wie katholischen Land lässt sich nur ganz schlecht abstreiten, eine grimmige katholische Identität huldige dem Rassismus. Ob der Glaube tatsächlich eine Rolle spielt, der individuelle Glaube anstelle des organisierten und institutionellen Katholizismus? Ob das persönliche Glaubensbekenntnis so etwas wie ein Urgrund für Abgrenzung und Ausgrenzung ist? Vaterland unser, auf dass du seiest eine besonders wehrhafte Zitadelle in der Festung Europa.

Langzeitanalysen fehlen

Soweit sich die Zeitungskommentare der letzten Tage überschauen lassen, gab es zu diesem Thema keinen einzigen Artikel. Und auch aus dem Internet lässt sich keine Langzeitanalyse herausfischen. Eine Fährte lieferte am Wahlwochenende der Erzähler Daniel Kehlmann mit Blick auf den Skandal des hemmungslosen Rechtsextremen Strache. Kehlmann sprach davon, wie sehr Österreich ein katholisches Land sei – und von daher stärker korruptionsaffin als eine in der Tradition des (preußischen) Protestantismus stehende Bundesrepublik. Um hier flugs eine Gegenthese aufzustellen (und die Verwirrung komplett zu machen): War die Bonner Republik Deutschland nicht stark vom rheinischen Kapitalismus katholischer Provenienz geprägt?

Was weiß man, was lässt sich mit Sicherheit sagen? Europas politische Geografie, wenn man sie denn noch einmal konfessionell sortieren möchte, zeigt immerhin Auffälligkeiten. Es ist nicht auszuschließen, dass im monotheistischen Denken die Vielstaaterei Europas als säkulare Vielgötterei verdammt wird. Zugleich sollte man nicht unerwähnt lassen, dass „wir“, wie der Politologe Herfried Münkler lakonisch meinte, „in religiös erkalteten Gesellschaften“ leben. Münkler ist gewiss kein Theologe oder Religionssoziologe, aber so etwas wie ein Mentalitäts- und Konfliktforscher. Sein Urteil dürfte auf Deutschland sicherlich zutreffen, wahrscheinlich auch auf Europa. Oder spielt das konfessionelle Bekenntnis doch noch eine Rolle?

Gibt es womöglich eine konfessionelle Landkarte, die der EU-Skepsis unterlegt ist? Schimmert beim Chauvinismus der Rechtsextremen, wie er im laizistischen Frankreich offensichtlich ist, ein katholischer Autoritätsglaube durch? Zeigt sich im Italien des Innenministers Salvini, der schamlos das Pathos des Faschisten Mussolini belehnt, eine katholische Mission? Oder steht zu dessen volksverhetzenden Ausfällen gegen das „Volksfremde“ nicht womöglich ein politischer Katholizismus quer, der, so konservativ er auch sein mag, vernünftig und verantwortungsbewusst verharrt?

Chauvinismus und Katholizismus: Was auch immer an Fakten für diese These spricht und was an Fakten dagegen, so hat Europa es immerhin mit einem bemerkenswerten Mirakel zu tun. Das politische Europa schleppt eine bisher unbeachtete, uralte Hypothek mit sich herum.

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